Digitales Lernen – wie es den Unterricht und auch den Menschen verändert

Digitales Lernen und Fragen zu Themen, wie digitale Medien den Unterricht verändern bzw. wie digitales Lernen auch den Menschen verändert, bewegen derzeit unsere Bildungslandschaft und auch die Lehrer- sowie Elternschaft.  Hierüber sprachen wir mit Florian Sochatzy. Er ist Geschäftsführer beim Institut für digitales Lernen in Eichstätt.

Florian Sochatzy, Geschäftsführer Institut für digitales Lernen
Florian Sochatzy, Geschäftsführer Institut für digitales Lernen

Digitales Lernen wird von Befürwortern und Kritikern kontrovers diskutiert. Wo sind die Vorzüge und wo sehen Sie eventuelle Nachteile bzw. Hindernisse auch im Hinblick auf Bildungsgerechtigkeit?

Digitale Lernmittel haben per se keinerlei Vorteile für kompetenzorientiertes Lernen, kritisches Denken und den Wissenserwerb in der Schule. Vorteile digitaler Umsetzungen entstehen erst dann, wenn die Möglichkeiten und Potentiale dieser Lernmittel hinsichtlich Methode, Didaktik und Inhalt analysiert und in einem weiteren Schritt konsequent umgesetzt werden. Erst dann können Lernmittel entstehen, die analogen Materialien deutlich überlegen sind – auch hinsichtlich Aktualität, Individualisierung, Differenzierung, Multiperspektivität, etc.

Das Thema Bildungsgerechtigkeit ist ein elementar wichtiges Thema in diesem Umfeld. Es muss verhindert werden, dass sich die Gesellschaft in ein ‘analoges Präkariat’ und eine ‘digitale Elite’ aufspaltet. Alle Lernenden sollten daher in der Schule vertiefte Medienkompetenz erwerben, die deutlich über die Kulturtechniken der Bedienung einzelner Software-Applikationen hinausgeht. Nur wer eigenständig, kreativ und souverän mit den Möglichkeiten der digitalen Welt umgehen kann, wird in der Arbeitswelt von morgen – und eigentlich auch schon der Arbeitswelt von heute – einen Platz finden können.

Digitalität im Unterricht bedeutet Inhalte und Hintergründe ganz anders zu verstehen und zu untersuchen. Was sind die inhaltlichen, konzeptionellen und didaktischen Grundlagen des von Ihnen mit entwickelten mBooks?

Das mBook ist ein multimediales Geschichtsbuch für den Geschichtsunterricht in NRW und in der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien. Es zeichnet sich dadurch aus, dass jeweils eine gesamte Jahrgangsstufe vollständig neu konzipiert und multimedial umgesetzt wurde. Das Konzept ist wissenschaftlich fundiert und wird von Forschern begleitet.
Das mBook wurde von Grund auf multimedial neu entwickelt. Autoren arbeiten mit Grafikern, Video-, Audio-, und Animationsfachleuten zusammen, um eine ‘echte’ multimediale Narration mit Mehrwert zu kreieren. Es geht nicht um PDF-Dokumente mit angehängten Werkzeugen und Youtube-Links.
Zudem wurde das Konzept des mBooks konsequent auf Kompetenzförderung ausgerichtet. Es sollte eine Narration entstehen, die Lernende dazu anregt, eigenständig und methodisch reguliert Geschichten zu de-konstruieren und eigene historische Narrationen zu erstellen. Geschichte soll im mBook spannend und gegewartsrelevant sein. Statt zu pauken soll gedacht werden. Die digitale Umsetzung unterstützt dieses Ziel, da es hier möglich ist, mehr und andere Medien zu integrieren als im gedruckten Schulbuch.
Eine weitere Besonderheit ist die Konstruktionstransparenz des mBooks. Die Autoren stellen sich mit ihren Absichten und Zielen in kurzen Videosequenzen und Texten vor. Dadurch wird Geschichte im mBook zu einer transparenten Konstruktion und nicht zu einer vermeintlich allwissenden Meistererzählung. Schüler sollen sich auch kritisch mit ihren Schulbüchern auseinandersetzen.

Wie ist dazu die Resonanz aus der Schülerschaft und wie wird es von der Lehrerschaft angenommen? Gibt es hier signifikante Beurteilungskriterien?

Die Reaktionen von Lehrenden und Lernenden sind überaus positiv. Die Integration vieler Medien trifft den Geschmack der am Unterricht Beteiligten. Allerdings bestehen aufgrund der unzureichenden Geräte- und WLAN-Situation in vielen Schulen immer noch Schwierigkeiten bei der Nutzung des mBooks in der Online-Version.

Schulen, die bereits eine hochwertige Geräte- und Internetausstattung etabliert haben, sprechen allerdings von einem erheblichen Mehrwert im Unterricht.
Bei der technischen Ausstattung an den Schulen muss noch viel passieren, bevor flächendeckend digital unterrichtet werden kann. An dieser Stelle ist Deutschland tatsächlich weit zurückgefallen. Das mBook kann und muss mit den bekannten aber auch mit neuen Kriterien zur Beurteilung von Schulbüchern untersucht werden: Kohärenz der Schulbuchelemete, Lernerzugewandtheit, Anregung von Reflexionsprozessen und Hinweise zu methodischem Arbeiten sind einige der bekannten Kriterien. Für digital-multimediale Lehr- und Lernmittel sind außerdem die Schaffung eines digitalen Mehrwerts, Individualisierbarkeit sowie Möglichkeiten zu sozialer wie thematischer Vernetzung von großer Wichtigkeit.

Junge Menschen kommen schon sehr früh mit neuen Medien in Kontakt. Internet, Google, Facebook, Instagram, YouTube & Co. gehören zu deren Alltag. Man wird beflutet und beschallt mit Informationen, Filmen, Musik und mehr. Was macht das mit dem Menschen, will sagen: welche Metakompetenzen bleiben hierbei auf der Strecke bzw. verkümmern vollends?

Zunächst müsste man klären, was genau da angeblich verkümmern soll.
Alle oben genannten Netzwerke, Werkzeuge und Suchmaschinen sind hervorragende Instrumente für Recherche, Kommunikation, Vernetzung – wenn man sie richtig gebraucht. Die Möglichkeiten sind unendlich, und genau hier liegt das Problem. Ohne vertiefte, an den konkreten Themen und Herausforderungen erworbene Medienkompetenz versinken die Nutzer im Strudel des Unendlichen, die Dauerbeschallung wird dann zur unkontrollierbaren Qual.
Wer aber weiß, warum und zu welchem Zweck welches Medium genutzt werden kann, und auch wie er der Beschallung  entkommen kann, ist in der Lage Dinge zu erreichen, die noch vor wenigen Jahren unmöglich erschienen.
Die digitale Revolution kann nicht zurückgedreht werden. Schule muss diese Tatsache akzeptieren und Konzepte entwickeln die Kinder und Jugendliche auf diese Welt vorbereitet. Alles andere wäre verantwortungslos.  

Herr Sochatzy, wagen Sie eine Prognose, wie sieht der Unterricht im Jahr 2050 aus? Läuft der Unterricht dann nur noch digital und können sich Schüler alles in Erklärvideos zu Hause selbst beibringen?

Lernen und menschliche Entwicklung lebt von zwischenmenschlicher Kommunikation, von Diskussion und Argumentation, von Scheitern und Erfolg. Lernen ist somit auch, und vor allem, ein sozialer Prozess. Ein ‘autistischer’ Videokonsum wird somit sicher nicht die Antwort auf alle Fragen sein. Bildung ist ein komplexer Prozess, der mitten in der Gesellschaft stattfinden soll.
Kommunikation, Diskussion und Feedback kann durch digitale Hilfsmittel stark verbessert und individualisiert werden.

Schwer zu sagen, was im Jahr 2050 der Standard in der Bildung sein wird, auf einige Dinge möchte ich mich trotzdem festlegen: gedruckte Schulbücher werden sicherlich eine Ausnahme darstellen, ein Schulsystem in dem alle immer zur gleichen Zeit das gleiche lernen sollen, wird es nicht mehr geben und digitale Hilfs-, Lern- und Kommunikationsmittel werden selbstverständliche sein.

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