„Großbaustelle Schulverpflegung“: 5 Fragen — 5 Antworten

„Großbaustelle Schulverpflegung“: 5 Fragen — 5 Antworten Aktuelles wissensBlog Nicht ganz neu aber immer noch aktuell ist die Tatsache, dass die Qualität beim Mittagessen in der Schule zu wünschen übrig lässt. Es mangelt nicht nur an der Qualität, sondern es gibt immer noch zu wenig Schulen, die Mittagessen anbieten. Hierüber sprachen wir mit Dr. Michael Polster dem Vorsitzenden des Deutschen Netzwerks Schulverpflegung e.V (DNSV).


 

1. Das Mittagessen an deutschen Schulen droht zu einer politischen Großbaustelle zu werden, was läuft falsch in unserem Land?

Schulverpflegung ist nun schon seit Jahren eine politische Großbaustelle. Ein Problem, welches sich auf die Frage reduzieren lässt, wie sich die Image- und Qualitätsmisere in der Schulverpflegung in Deutschland überwinden lässt? Seit November 2014 wissen wir es auch schriftlich, die Studie der Bundesregierung zur Qualität des Schulessens in Deutschland hat uns gezeigt, was das DNSV schon seit langer Zeit schon immer gesagt hat: Gute Schulverpflegung ist in Deutschland immer noch mangelhaft. Eine moderne Gesellschaft, die für Lebensmittel keinen Cent zu viel ausgibt und sich über eine notwendige Finanzierung von Schulverpflegung streitet, setzt die falschen Akzente. Rund 2 Mio. Kinder und Jugendliche aller Schulformen nehmen an dieser oder jener Form der Schulverpflegung teil. Tatsache ist aber auch, dass in der Republik allein schon ca.10, 83 Mio. Kinder bis 14 Jahre leben, davon 2,8 Mio. Kinder in Armut. Ja, es wurde so manches schon erreicht, aber über zwei Drittel der Kinder unter 14 Jahre kommen nicht in den Genuss eines warmen Mittagessens. Zwischen 2003 und 2009 hatte die Bundesregierung den Ausbau der Ganztagsschulen mit insgesamt vier Milliarden Euro gefördert, im Jahr 2014 waren das für das Thema Schulverpflegung an Ganztagsschulen noch 23 Cent pro Schüler. Die Qualität blieb mancherorts auf der Strecke. Es gibt immer noch zu wenig Schulen, die ein warmes Mittagessen anbieten, dann wird es über Stunden warm gehalten. 60 Prozent der Schulen lassen sich die Mahlzeiten warm anliefern und Qualitätskontrolle der Schulverpflegung findet nur bei knapp 28 Prozent der Schulen statt. Nur den Fokus auf die Ganztagsschulen zu richten ist leider falsch. Es gibt ca. 8 Mio.Schüler und über 35.000 Schulen, davon 2.601.861 Schülerinnen und Schüler an einer allgemeinbildenden Schule im Ganztagsschulbetrieb. Das DNSV fragt wer richtet den Blick auf die Probleme der anderen über 5 Mio. ? Untersuchungen der Regierung geben darüber keine Auskunft! 

2. Durch die Einführung des Ganztagsunterrichts wundert es doch sehr, dass es immer noch zu wenig Schulen gibt, die Mittagessen anbieten. Was sind die Gründe dafür?

Im Gesetz zu den Ganztagsschulen lautet es lapidar, „es ist ein adäquates Mittagessen anzubieten“. Was ist adäquat? Wer bestimmt es etc.? Schulverpflegung ist mehr als nur ein Mittagessen. Das Thema Ernährung ist von großer und aktueller gesellschaftspolitischer Relevanz. Der Ausbau von Kindertageseinrichtungen und Ganztagsschulen haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unseren Ernährungsalltag. Bei Kindern und Jugendlichen werden die Grundlagen für einen guten Ernährungsstil gelegt. Deshalb muss das Thema Ernährung auch in der Schule generell mehr Raum erhalten und im Schulalltag verankert werden. Kinder und Jugendliche verbringen mindestens zehn Jahre in allgemein-bildenden Schulen. Ernährungsbildung ist in Deutschland föderalistisch organisiert und wird in jedem der 16 Bundesländer unterschiedlich umgesetzt. Essen ist ein Prozess, der gelernt werden muss, der kommt nicht von selber. Wenn das nicht gelernt wird, hat das Kind ein Entscheidungsdefizit und wird später in der Pubertät Ernährungsmuster nachleben, die vor allen Dingen von Suchtfaktoren bestimmt sind, (…) und weiter, „ich denke, bis zum siebten Lebensjahr hat sich manifestiert, wie sich ein Kind später zum Genuss verhält. Was es bis dahin nicht gelernt hat, wird später schwierig zu lernen sein. So formuliert es DNSV Botschafter Vincent Klink und bringt es damit auf den Punkt.

3Denken wir noch zurück an den Skandal im Jahr 2010 als in Ostdeutschland ein Großanbieter, der diverse Schulen belieferte, zum Nachtisch tiefgekühlte Erdbeeren aus China verwendete, fällt automatisch das Stichwort “Qualitätskontrolle”. Hiermit scheint es an unseren Schulen auch nicht zum besten bestellt zu sein, gibt es hier weiteren Handlungsbedarf?

Ein Gesetz ist eine Sammlung von allgemein verbindlichen Rechtsnormen, die in einem förmlichen Verfahren von dem dazu ermächtigten staatlichen Organ – dem Gesetzgeber – erlassen worden ist. Soweit die Theorie. Für die Ernährung von Kindern und Jugendlichen gibt es in unserem Land leider nur Empfehlungen, die man gerne auch als Handlungsanleitungen bzw. Handlungsempfehlungen tituliert. Und man damit hofft Bund, Länder und Träger zum richtigen Handeln zu „motivieren“. Doch schon der Volksmund belehrt uns: „Wo kein Kläger ist, gibt es auch keinen Richter!“ Ein Kausalität die auch nur dort wiederlegt werden kann, wo es Gesetze gibt.

Was nützen uns Studien, in denen die Betroffene berichten, wie schlecht die Verpflegungssituation vor Ort ist. Der Bund hat gegenüber allen Kindern eine soziale Fürsorgepflicht und ist für die gesundheitliche Vorsorge verantwortlich. Wer glaubt, die Bundesregierung könne sich hier aus der finanziellen Verantwortung stehlen, der irrt. Dies mit dem Verweis auf das Grundgesetzt abzutun, ist letztlich nur Ausdruck politischer Hilflosigkeit.

4. Das Problem der mangelnden Schulverpflegung ist ja bereits seit Jahren bekannt, allein die Umsetzung lässt noch immer auf sich warten. Im Juni will die Bundesregierung ein Konzept für ein “Nationales Qualitätszentrum für Schulessen” vorlegen, was ist davon zu halten? 

Wir brauchen mehr Qualität und Akzeptanz durch Mitbestimmung. Wir richten die Frage an die Gesellschaft und Politik und wollen wissen, was ihr das Schulessen ihrer Kinder wert ist. Ein notwendiger Perspektivwechsel muss her, weg von der Schul- hin zur Schüler-Verpflegung, die unmittelbar mit schulischen Bildungsangeboten rund um Ernährung zusammengehen muss.

Länder und Kommunen müssen einen gemeinsamen Weg finden, wie sie nachhaltig in Bildung investieren, ohne sich ständig über Folgekosten zu streiten. Das Kooperationsverbot war ein Fehler, den es zu beheben gelte. Denn ein Beitrag des Bundes kann die Qualität der Bildung steigern, beispielsweise beim Ausbau der – gerade auch von Eltern geforderten – Ganztagsschulen. Denn es ist nicht einzusehen, warum es beispielsweise 16 verschiedene Bildungspläne für den Elementarbereich gibt, die zudem von sehr unterschiedlicher Qualität sind und gar nur in vier von 16 Schulgesetzen der Länder das Thema Schulverpflegung verankert ist.

Gesunde Ernährung ist eine wichtige politische Aufgabe, sie muss noch stärker ins Bewusstsein gerückt werden. Dabei wissen die PR-Profis auf der Regierungsbank doch durchaus, dass man mit dem Thema „gesunde Ernährung für Kinder“ bei den Bürgern und Bürgerinnen punkten kann. Diese Öffentlichkeitsarbeit ist bemerkenswert. Chapeau! Doch das Schulessen ist ein curriculares Querschnittsthema, welches im Schulentwicklungsprozess eine wesentlich größere Rolle spielen muss und damit weit über Kinderkochbücher, nett gestaltete Webseiten und teure Studien hinausgehen muss. Wo sind die konkreten Schritte zur Einführung einer gesunden und letztlich kostenfreien Verpflegung für alle Schul- und Kindergartenkinder in unserem Land? Die Bundesregierung steckt leider kein Geld in den koordinierten Ausbau der Schulverpflegung und wälzt das Problem allein auf die Bundesländer und Kommunen ab.

5. Wie sollte ganz pragmatisch eine für unser Land adäquate Schulverpflegung aussehen?

Noch immer beträgt der Mehrwertsteuersatz für das Schulessen 19% und es gibt noch keine gesetzlichen Rahmen für die Schulverpflegung. In diesem Sinne muss ein kulinarischer Ruck durch das Deutsche Bildungssystem gehen und angekündigte „Qualitätsoffensiven“ müssen durch die Politik tatsächlich umgesetzt werden und für die Ernährungspolitik an Schulen muss es klare Zuständigkeiten und Verantwortungen geben. Schulen brauchen und wollen Beratung und Hilfestellungen. Die Schulleitungen dürfen mit der Umsetzung nicht alleingelassen werden. Den Ausbau einer gesunden Schulverpflegung sehen wir als wichtigen Baustein einer nationalen Übergewichtsprävention. Kinder und Jugendliche, die den ganzen Tag in der Schule verbringen, brauchen eine qualitativ hochwertige und attraktive Schulverpflegung, die Schulobst, Schulmilch und Pausenversorgung beinhaltet und nicht nur eine warme Mittagsmahlzeit! Für die Ernährung von Kindern und Jugendlichen gibt es in unserem Land leider nur Empfehlungen, die man gerne auch als Handlungsanleitungen bzw. Handlungsempfehlungen tituliert. Und man damit hofft Länder und Träger zum richtigen Handeln zu „motivieren“. Wir fordern eine verlässliche und dauerhafte Beteiligung des Bundes an der Finanzierung der Schulverpflegung. Qualitätsstandards und deren Einhaltung sind in den Kita- und Schulgesetzen festzuschreiben. DNSV fordert ein Bundesqualitätsgesetz zur Schulverpflegung. Die Bundesregierung soll die Umsatzsteuer auf 7 Prozent für kommerzielle Schulverpflegung reduzieren! Hundefutter, Taxifahrten, Schnittblumen oder Zeitschriften werden schon reduziert besteuert, nicht aber das schulische Mittagessen von Kindern, das sind doch falsche Prioritäten. Vor Ort frisch gekochte Schulverpflegung ist Unterstützung von Bildung in Form von Essen, denn nur wer gut isst, schreibt auch gute Noten. Essen gehört zur Schulpflicht dazu.

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