Wie ausgebuffte Profis stehen die sechs Schülerinnen und Schüler an der Projektionsleinwand, es fallen Begriffe wie Gebäudekonzept oder Raumfolge. Dazu wechseln sich Ansichten von Hausmodellen, die an überdimensionale Treppen, schimmernde Kristalle oder spannende Schluchten erinnern. Es ist Dienstagabend, die Märzsitzung des städtischen Bauausschusses in Straelen. Annähernd 100 Zuhörer aus Stadtrat, Verwaltung und Bürgerschaft bekommen durch den Vortrag der jungen Planer einen Eindruck, was auf einer kleinen Baulücke in der Altstadt eigentlich alles möglich ist. „Es wäre schön, wenn wir auch bei den echten Projekten so eine Vielfalt zu sehen bekommen würden“, wird ein Ratsherr am Ende des Abends urteilen, „da steckt Kreativität und Arbeit drin“.
Das sich Straelens Stadtrat mit den Ideen von Schülerinnen und Schülern einer 9. Klasse beschäftigen würde zeichnete sich im September 2012 noch nicht ab. Damals warben Plakate in den Fluren des Städtischen Gymnasiums Straelen für ein neues Angebot. Eine Architektur- und Städtebau-AG ging an den Start, eine Idee aus dem Planungsdezernat der Stadt Straelen. Lea Jockweg, Christian Cremers und Simon Menzel kamen zum ersten Termin und blieben. Wenige Monate später wuchs die Gruppe an. Jasmina Abendroth, Klara-Marie Hetjens, Corinna Uerschels und Clarissa Hild hatten sich von ihren Klassenkameraden überzeugen lassen. In den ersten gemeinsamen Monaten ging es in der wöchentlichen Doppelstunde um die Grundlagen des Planens und Bauens. Zwanzig Bauwerke inklusive der dazugehörigen Architekten in die richtige Reihenfolge zu bringen ist nicht immer einfach, schließlich wiederholen sich gewisse Architekturelemente immer wieder in neuen Baustilen. Um die Schulung der Wahrnehmung ging es bei den Schnellzeichenübungen. Wie zeichne ich eine Fassade erkennbar ab wenn ich nur eine Minute Zeit habe? Neben der Theorie ging es auch immer wieder um Planungspraxis in Straelen. Mal wurde mit möglichen Baumstandorte n auf dem Markt experimentiert, dann ging es um aktuelle Bauvorhaben am Markt oder den Grundriss des eigenen Hauses. „Architektur bestimmt das Bild unserer Städte und Landschaften. Die Jugendlichen sollen die Möglichkeit bekommen, mehr darüber zu wissen und so ihre Umwelt genauer wahrnehmen zu können“, erläutert der Architekt Fabiano Pinto seine Motivation, die AG anzubieten. Der Projektmanager für Stadtentwicklung bei der Stadt Straelen sieht die AG als eine Form, schon heute die Bauherrinnen und –herren von morgen für gute Gestaltung zu sensibilisieren. Neben dieser „Schule des Sehens“ und der Vermittlung von Grundwissen bekämen die Schüler auch einen Einblick in die Struktur von Projektarbeit. „Und wer weiß, vielleicht ist der Beruf des Architekten nach der AG eine echte Option“, spekuliert Pinto weiter.
Für Freunde guter Architektur dürfte es zukünftig in Straelen spannender werden. Sicherlich wird der Bauausschuss Architekten, Bauherren und Investoren von nun an öfter nach Varianten und mehr Qualität fragen. Es geht ja, die Architektur AG hat es vorgemacht.
