Menschen sprechen zu leise über wichtiges, zu laut über unnötiges, zu viel über andere, zu wenig miteinander, und zu oft ohne nachzudenken.

5 Fragen — 5 Antworten mit Aminata Touré

10. März 2021

Aminata Touré, Buendnis 90/Die Gruenen, Vizepraesidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages; Foto: Imke Lass

Aminata Touré (1992 in Neumünster geboren) ist eine deutsche Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen. Seit August 2019 ist sie Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtags und somit die erste afrodeutsche und jüngste Vizepräsidentin in Deutschland. In der Landtagsfraktion ist sie Sprecherin für Flucht und Migration, Antirassismus, Frauenpolitik und Gleichstellung sowie Religion, Katastrophenschutz und Rettungsdienst.

Die Frage, was man nach der Schule vorhat, nervt nicht nur die Abschlussklassen. Mit der Antwort „Irgendetwas mit …....“ zählen einige Schüler schon zu den Entschlossenen. Den eigenen Interessen folgen oder einen sicheren Weg gehen? Wozu würden Sie jungen Menschen heute raten?

Grundsätzlich gibt es auf diese Frage keine pauschale Antwort, denn natürlich ist es immer eine persönliche Entscheidung. Sich für die eigenen Interessen zu entscheiden, ist oftmals auch damit verbunden, sich diese auch leisten zu können. Der sichere Weg baut meist auf einem sicheren Netzwerk, wie zum Beispiel finanzieller Sicherheit auf.  In meinem Fall bin ich meinen eigenen Interessen gefolgt und darüber bin ich froh.

Durch den Tweet der damals 17-jährigen Schülerin Naina, in dem der Wunsch nach "mehr lebensnahem Unterricht" geäußert wurde und Themen wie z.B. Steuern, Miete und Versicherungen mit behandelt werden sollten, wird die Diskussion um die Wissensvermittlung an unseren Schulen wieder neu befeuert. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema, bereitet Schule zu wenig auf das Leben vor?

Ich würde sagen, dass die Schule auf vieles vorbereitet, allerdings fehlen viele praktische, lebensnahe Vorbereitungen, die man sich wünscht und dazu zählen dann der Umgang mit alltäglichen Herausforderungen, wenn man das Elternhaus verlässt wie z.B. die Miete, Krankenversicherungsbeiträge oder Steuererklärung.

Die ersten fünf Jahre lebten Sie gemeinsam mit ihrer Familie in einer Gemeinschaftsunterkunft im Stadtteil Faldera in Neumünster. Wie haben Sie diese Zeit erlebt und gab es schon damals rassistische Anfeindungen?

Diese Zeit war eine sehr prägende für mich, wie für jedes andere Kind eben auch die ersten Jahre es sind. Meine stärkste Erinnerung ist, mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammengelebt zu haben.

Viele jungen Menschen, wie z.B. aktuell Fridays for Future, brennen für eine Sache, schließen sich aber lieber besagter Bewegung statt einer politischen Partei an.  Hat es nicht auch damit zu tun, dass jungen Menschen einerseits unterstellt wird unpolitisch zu sein, und sie sich somit auch nicht einbringen dürfen? Bringen sie sich dann doch andererseits ein, will man ihre Kritik nicht hören.  Wie formulierte es Christian Lindner 2019 noch so treffend „Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis“. Besser kann man junge Menschen nicht abwatschen, oder?

Gesellschaftliches Engagement ist meist auch politisches Engagement. Ich denke, nur, weil etwas nicht bestimmt parteipolitisch ist, heißt es nicht, dass mit sozialen Bewegungen keine politischen Forderungen einhergehen können. Dies sind oftmals erste Schritte in die Politik.  Leider ist es oft auch so, dass sich viele Menschen, altersunabhängig, aus der Politik raushalten und/oder sich oftmals dazu entscheiden, politische Forderungen über soziales Engagement zu machen. Selbstverständlich wird ihre Arbeit deshalb aber nicht weniger relevant. Politik ist für alle und deshalb ist es wichtig, allen Problemen und Forderungen unabhängig vom Alter Aufmerksamkeit zu schenken. Allerdings gilt es auch den Parteien sich zu fragen, wie sie Politik zugänglicher für alle, insbesondere Jugendliche, machen können.

Werfen wir einen Blick auf die Flüchtlingspolitik innerhalb der EU. Die EU – ein Bund aus 27 Staaten, mit insgesamt 450 Millionen Einwohnern ist 2015 nicht wegen einer Million Schutzsuchender in die so genannte »Flüchtlingskrise« geraten, sondern aufgrund der Fliehkräfte immer weiter um sich greifender nationalistischer und rassistischer Tendenzen. In vielen EU-Staaten befeuern Politiker*innen rassistische Ressentiments, um sich als Wahrer nationaler Interessen zu inszenieren. Warum werden solche Länder nicht stärker sanktioniert statt ihnen weitere Privilegien und Vorteile der EU zu gewähren? Das ist vielen durchaus Politik interessierten Menschen nicht zu vermitteln. Wie stehen Sie und Ihre Partei zu dieser sogenannten „EU-Flüchtlingspolitik“, ist Politik wieder einmal nur eine Kompromisslösung für das große Ganze?  

Als Grüne setzen wir uns schon immer für eine gemeinsame und faire europäische Flüchtlingspolitik ein, bei der jede*r ein Grundrecht auf Asyl hat. Es ist nicht erklärbar, dass einige Länder sich der Verantwortung entziehen und die anderen bereitwilligen deshalb aber auch nicht das Maximum an Hilfsbereitschaft zeigen. Am Ende leiden darunter nämlich die schutzsuchenden Menschen. Das können wir nicht hinnehmen, wenn wir unsere europäischen Grundwerte selbst ernst nehmen.

Wir setzten uns dafür ein und fordern, dass die Bundesregierung sich gegenüber der griechischen Regierung für einen menschenwürdigen Umgang mit den Geflüchteten, einschließlich an den EU-Grenzen einsetzen soll.

Veröffentlicht am 10.03.21

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Wie sagte schon Bacon: „Wissen ist Macht!“
*Francis Bacon, 1561 - 1625, Philosoph & Jurist
 

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