Menschen sprechen zu leise über wichtiges, zu laut über unnötiges, zu viel über andere, zu wenig miteinander, und zu oft ohne nachzudenken.

5 Fragen — 5 Antworten: Mit Christa Müller

28. April 2016

Christa Müller (1956 in Frankfurt am Main geboren) ist eine deutsche Politikerin und Ökonomin. Sie arbeitete für den Wirtschafts- und Sozialausschuss der EU in Brüssel, wechselte 1985 zum Hessischen Landtag und arbeitete 1987 in der Staatskanzlei des Landes Hessen. Im Jahr 2005 trat sie in die Partei die Linke ein und wurde deren familienpolitische Sprecherin im Saarland. Seit 1997 ist sie Vorsitzende des Vereins Intact und engagiert sich für die Bekämpfung der Beschneidung weiblicher Genitalien von Mädchen in Afrika.

Christa-Muller-Interview-wissensschule

Die Frage, was man nach dem Abitur vorhat, nervt nicht nur die Abschlussklassen. Mit der Antwort „Irgendetwas mit …....“ zählen einige Schüler schon zu den Entschlossenen. Direkt ins Studium, eine Ausbildung machen oder im Ausland erste Erfahrungen sammeln? Den eigenen Interessen folgen oder einen sicheren Weg gehen? Wozu würden Sie jungen Menschen raten?

Wenn man bereits ein starkes Interesse für ein Unterrichtsfach in der Schule hat, sollte man auf jeden Fall seiner Leidenschaft folgen. Hat man dies nicht, rate ich zur einer Ausbildung oder einem Studium in einem sicheren Beruf, mit dem man sich arrangieren kann. Auf jeden Fall sollte man etwas tun. Zur Not auch einfach arbeiten gehen, bis man weiß was man will. 

Durch den Tweet der damals 17-jährigen Schülerin Naina, in dem der Wunsch nach "mehr lebensnahem Unterricht" geäußert wurde und Themen wie z.B. Steuern, Miete und Versicherungen  mit behandelt werden sollten, wird die Diskussion um die Wissensvermittlung an unseren Schulen wieder neu befeuert. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema, bereitet Schule zu wenig auf das Leben vor?

Ja, ich finde, Naina hat vollkommen Recht. Die Schule muss die jungen Leute besser auf ein selbstständiges Erwachsenenleben vorbereiten. Dazu gehören nun einmal die oben genannten Themen.

Gleichberechtigung von Mann und Frau im Beruf, Frauenquoten in Unternehmen, Elternzeit sowie Anspruch auf einen Krippenplatz. Alles kontrovers diskutierte Themen in der Politik. Soweit die Theorie, wie sieht es um die Rolle der Frau im wirklichen Leben aus, hat sich hier aus Ihrer Sicht nachhaltig etwas geändert?

Bedauerlicherweise ja. Die Frauen haben nun die Last der Erwerbstätigkeit, der Familienarbeit inklusive der Kindererziehung und der Arbeit im Haushalt zu tragen. Das ist ohne große Abstriche gar nicht zu schaffen. Die Frauen leiden unter der enormen Belastung. Es wäre richtig, die Familienarbeit zu entlohnen. Dann gäbe es für diejenigen, die diesen Part übernehmen, keine Nachteile mehr und die Qualität zum Beispiel der Kindererziehung würde sich verbessern.

Seit vielen Jahren sind Sie Vorsitzende des Vereins Intact. Können Sie uns bitte zum Verein sowie zu den Zielen des Vereins einige Informationen geben?

Den Verein (I)NTACT gibt es seit 20 Jahren. Die Aufgabe des Vereins ist es, die weibliche Genitalverstümmelung zu bekämpfen, und zwar durch Aufklärung der Bevölkerung überall da, wo es die Beschneidung gibt.

Unser regionaler Arbeitsschwerpunkt liegt in Westafrika. Wir gehen als Weiße nicht selber in die Dörfer, sondern arbeiten mit jeweils ortsansässigen Partnern zusammen. Diese werden von uns beauftragt und finanziert. Mithilfe unserer langjährig erprobten Strategien und ihren Kenntnissen der Situation vor Ort führen sie Projekte durch. In Deutschland musste die Öffentlichkeit zunächst auf die Problematik aufmerksam gemacht werden. Viele Menschen hatten noch nie von der Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung gehört. Die Kenntnis von dieser Menschenrechtsverletzung war wiederum eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Menschen hier bereit sind, dafür zu spenden, damit in Afrika Mädchen vor dieser Tradition bewahrt bleiben. In den ersten Jahren hat der Verein (I)NTACT seine Arbeit komplett mit Spenden finanziert. Mittlerweile werden wir zusätzlich mit erheblichen Summen vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt.

Was waren für Sie 1996 die Beweggründe den Verein zu gründen und was konnten Sie in den zurückliegenden 20 Jahren realisieren? Gehören nicht auch solche Themen in den Schulunterricht, damit auch junge Menschen im Fach "Politik" darüber etwas erfahren und sich damit auseinander setzen bzw. hier auch mithelfen können?

Ich wurde auf einer Reise nach Benin von der Ehefrau des damaligen Staatspräsidenten um Hilfe gebeten. Zurück in Deutschland habe ich schnell Mitstreiterinnen und Mitstreiter gefunden und (I)NTACT gegründet. Die beiden Länder Benin und Togo sind mittlerweile beschneidungsfrei. Außerdem werden in verschiedenen Regionen in Burkina Faso und Senegal keine Mädchen mehr beschnitten. Ghana wird 2017 als nächstes Land vollständig von der Tradition befreit sein. Es ist also möglich, in relativ kurzer Zeit mit überschaubarem Geldeinsatz viel Gutes zu tun, wenn man nur will. Diese Botschaft sollte Schülern meines Erachtens unbedingt im Politikunterricht vermittelt werden! Es wäre schön, wenn junge Leute schon in der Schule ermutigt würden, sich für Menschen einzusetzen, die unverschuldet benachteiligt sind und unsere Hilfe brauchen. Politisches oder auch soziales Engagement gehört für mich zu einem erfüllten Leben.


Foto: B. Schirpke

Veröffentlicht am 28.04.16

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Wie sagte schon Bacon: „Wissen ist Macht!“
*Francis Bacon, 1561 - 1625, Philosoph & Jurist
 

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