5 Fragen — 5 Antworten: mit Claudia Nemat

Claudia Nemat (1968 in Bensberg geboren) ist eine deutsche Managerin. Sie studierte Physik, Mathematik und Philosophie an der Uni Köln und arbeitete danach viele Jahre bei der McKinsey Unternehmensberatung. Seit 2011 arbeitet sie im Vorstand der Deutschen Telekom und leitet dort das Europa-Geschäft.  Als begeisterte Physikerin ist Claudia Nemat darüber hinaus MINT – Botschafterin.

Claudia Nemat interview

Die Frage, was man nach dem Abitur vorhat, nervt nicht nur die Abschlussklassen. Mit der Antwort „Irgendetwas mit …“ zählen einige Schüler schon zu den Entschlossenen. Direkt ins Studium, eine Ausbildung machen oder  im Ausland erste Erfahrungen sammeln? Den eigenen Interessen folgen oder einen sicheren Weg gehen? Wozu würden Sie jungen Menschen raten?

Da gibt es keine konkrete Empfehlung. Grundsätzlich würde ich jedem jungen Menschen raten, das zu tun und zu lernen, wofür er oder sie sich richtig interessiert und begeistern kann. Das ist die Voraussetzung dafür, etwas wirklich gut zu können. Dinge einfach auszuprobieren ist auch wichtig. Selbst wenn sich herausstellt, dass es nicht der richtige Weg war, ist es kein Weltuntergang, solange man es frühzeitig erkennt und korrigiert. Ebenso würde ich raten, Auslandserfahrung zu sammeln, in der Schule, in der Ausbildung oder im Beruf. Unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und wertzuschätzen, hilft später, komplexere Probleme zu lösen. Und schließlich: Die Sprache der Maschinen zu lernen (Programmieren) ist sicherlich in der heutigen Zeit nicht von Nachteil.

Durch den Tweet der damals 17-jährigen Schülerin Naina, in dem der Wunsch nach “mehr lebensnahem Unterricht” geäußert wurde und Themen wie z.B. Steuern, Miete und Versicherungen  mit behandelt werden sollten, wird die Diskussion um die Wissensvermittlung an unseren Schulen wieder neu befeuert. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema, bereitet Schule zu wenig auf das Leben vor?

Ich denke Schulen müssen einen Ausgleich finden zwischen Grundlagen und praktischem Nutzen. In erster Linie sollten sie Kompetenzen vermitteln, um komplexe Situationen im Leben nach der Schulzeit selbstständig bewältigen zu können. Auch wenn wir heute noch nicht wissen können, wohin genau die Reise zukünftig geht, kann ich mit Sicherheit sagen, dass MINT-Kompetenzen unverzichtbar sein werden. Deshalb sollte die Wissensvermittlung rund um MINT-Fächer noch weiter ausgebaut werden. Außerdem muss sich die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags auch in den Schulen abbilden. Da hat sich in den vergangenen Jahren eine Kluft aufgetan, die bald kaum noch zu überbrücken ist.

Um mehr junge Menschen für eine MINT-Ausbildung respektive ein MINT-Studium zu begeistern, braucht es mehr als tolle Image-Kampagnen und Road-Shows. Junge Menschen sind intrinsisch neugierig, da sie wissen wollen, wie Dinge funktionieren. Ist daher nicht die logische Schlussfolgerung, dass Erzieher, Lehrer und Eltern aufhören sollten, ihnen diese Neugier abzuerziehen, damit sie sich ausprobieren können?

Diese natürliche Neugierde ist die Antriebskraft, sich Wissen anzueignen. Wenn ein Mensch sich für ein Thema interessiert, lernt er automatisch besser, als jemand, der zum Lernen gezwungen wird. Lehrpläne sollten persönlicher werden und Felder, bei denen diese Neugierde besonders  ausgeprägt ist, individuell gefördert werden. Das derzeitige Bildungssystem behandelt alle jungen Menschen gleich und sieht einen einheitlichen Lehrplan vor. Auf wen diese Art des Lernens nicht passt, fällt durch und muss das Jahr wiederholen. Wieso können bestimmte Interessen nicht individuell gefördert werden? Der Lohn dafür wären aufgeweckte Kinder, die Spaß daran haben, ihr erworbenes Wissen anzuwenden und sich aus eigener Motivation mit einem Thema befassen. MINT-Studiengänge sind beliebt, derzeit aber hauptsächlich beim männlichen Nachwuchs. Die Aufgabe dabei ist nun, MINT-Berufe auch für junge Frauen attraktiv zu machen und Ihnen die Angst vor einem männerdominierten Bereich zu nehmen.

Um auch mehr weiblichen Nachwuchs für MINT – Disziplinen zu begeistern, braucht es offensichtlich mehr Informationen. Gibt es zu wenig Forschung und Praxiserfahrungen zu gender-spezifischen Ansätzen im MINT Unterricht, um mehr junge Mädchen für Naturwissenschaften und Technik, Mathematik und Informatik zu begeistern?

Wir brauchen mehr Rollenvorbilder. Dafür muss sich auch das Frauenbild verändern. In der heutigen Gesellschaft darf man nicht so schwarz-weiß denken. Dafür bedarf es auch mehr erfolgreiche Frauen in MINT-Berufen, an denen sich der weibliche Nachwuchs ein Vorbild nehmen kann. Daher ist es wichtig, erfolgreiche junge Frauen in MINT-Berufen zu fördern und sichtbarer zu machen, ohne dabei direkt alles pink zu färben. Unternehmen müssen Rahmenbedingungen schaffen, die Unterschiedlichkeit fördern.

Digitales Lernen ist zur Zeit  auch in Schulen ein eminent wichtiges Thema. Wo muss hier  aus Ihrer  Sicht der Hebel angesetzt werden und laufen wir Deutschen hier nicht auch einmal mehr der Entwicklung wieder mal hinterher?

Das digitale Lernen wird den Unterricht radikal verändern. Frontalunterricht ist nicht mehr zeitgemäß. Die neue Generation an Schülern lernt anders und nimmt Wissen auch anders auf. Was im privaten Umfeld schon gelebter Standard ist, sollte auch in der Schule genutzt werden. Wenn man sich einmal anschaut, dass junge Menschen sich eigenständig Tutorial-Videos auf YouTube anschauen und sich so beispielsweise Gitarre spielen beibringen, sollten wir darüber nachdenken, dass nicht auch auf unser Schulsystem zu übertragen. In Amerika hat man diesen Trend bereits erkannt und es werden Milliardenbeträge in Bildungsplattformen investiert. In Deutschland drohen wir den Anschluss zu verpassen. Hier ist man bei der Hardware stehenglieben. Digitales Lernen bedeutet in Deutschland, dass in den Klassen ein Whiteboard und Laptops stehen. Die Form und Inhalte des Lernens müssen aber auch angepasst werden. Aus meiner Sicht sollte das Lernen einer Programmiersprache fester Bestandteil des Lehrplans sein und das nicht im Frontalunterricht, sondern individuell und spielerisch. Wir brauchen eine wirksame Digitalisierungsstrategie in Deutschland.

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