5 Fragen — 5 Antworten: mit Jun.-Prof. Franziska Jahnke

Jun.-Professorin  Franziska Jahnke (1985 in Marburg an der Lahn geboren) ist eine deutsche Juniorprofessorin am Institut für theoretische Mathematik sowie am Institut für Logik und Grundlagenforschung der Universität Münster. wissensschule tauschte sich mit ihr über die Faszination der Mathematik sowie eine stärkere Förderung der Mädchen für dieses Schulfach aus.

Foto: Astrid Pawlowitzki (Münster)

Die Frage, was man nach dem Abitur vorhat, nervt nicht nur die Abschlussklassen. Mit der Antwort „Irgendetwas mit …….“ zählen einige Schüler schon zu den Entschlossenen. Direkt ins Studium, eine Ausbildung machen oder  im Ausland erste Erfahrungen sammeln? Den eigenen Interessen folgen oder einen sicheren Weg gehen? Wozu würden Sie jungen Menschen raten?

Das hängt auf jeden Fall ganz von der individuellen Lebenssituation ab! Um nicht sein Leben lang Was-wäre-wenn Szenarien durchspielen zu müssen, halte ich aber ein Verfolgen der eigenen Interessen für unabdingbar. Ich habe meine Entscheidung sofort zu studieren und später ins Ausland zu gehen (in meinem Fall zur Promotion nach Oxford) nie bereut. Einen längeren Auslandsaufenthalt kann ich jedoch jeder und jedem nur ans Herz legen – sowohl für Sprachkenntnisse als auch für die Lebenserfahrung, die einen etwa den eigenen kulturellen Hintergrund besser einordnen lässt.

Durch den Tweet der damals 17-jährigen Schülerin Naina, in dem der Wunsch nach “mehr lebensnahem Unterricht” geäußert wurde und Themen wie z.B. Steuern, Miete und Versicherungen  mit behandelt werden sollten, wird die Diskussion um die Wissensvermittlung an unseren Schulen wieder neu befeuert. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema, bereitet Schule zu wenig auf das Leben vor? 

Als Theoretikerin sehe ich das anders: Was aus meiner Sicht die Schule vermitteln kann und sollte, sind die Fähigkeiten sich selbstständig auch über komplexe Sachverhalte informieren zu können und die Welt um uns herum in einem breiteren Kontext wahrzunehmen. Die Schule sollte nicht der einzige Ort des Lernens in unserem Leben sein, und nicht jede praktische Fähigkeit kann und muss im Unterricht gelernt oder gelehrt werden! Die Dinge, die in der Schule gelernt werden, sollten durch ihre akademischer Natur beständig sein – bei den praktischen Fragen des Lebens wie Steuer und Miete veralten Informationen viel zu schnell, um dauerhaft von echtem Nutzen sein zu können.

Das Schulfach Mathematik ist bei Schülerinnen und Schülern nicht unbedingt deren Lieblingsdisziplin und gilt nicht gerade als besonders “sexy”. Was glauben Sie, wie bzw. wodurch kann man das Schulfach Mathematik spannender und attraktiver gestalten?

Mathematik ist eine notwendige Grundlage für so Vieles – vom Verstehen der Steuererklärung oder der Sitzverteilung im Bundestag bis hin zum Programmieren –allein die Anwendungen könnten schon mehr zur Motivation dienen. Als viel wichtiger empfinde ich aber das Lernen des logischen Schließens, d.h. wie man Sachverhalte stichhaltig beweist oder widerlegt. Das kommt im Unterricht (oder zumindest in der Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler) vor lauter Rechnen oft zu kurz – dabei ist das die Kompetenz, die außer kleineren Rechnungen und Plausibilitätschecks (wie: Stimmt die Summe, die ich bezahlen soll, in etwa mit meiner Einschätzung überein?) uns in erster Linie ein Leben lang begleiten sollte!

Mädchen schätzen ihre Fähigkeiten in Mathematik einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge schon in der 5. Klasse schlechter ein als Jungen. Dies könnte eine der Ursachen dafür sein, dass Frauen an Universitäten und Fachhochschulen, aber auch in Ausbildungsberufen im sogenannten MINT-Bereich  deutlich unterrepräsentiert sind. Um rechtzeitig gegenzusteuern, müssen hier nicht Lehrkräfte und Eltern deutlich mehr dafür tun, Mädchen von ihren vorhandenen mathematischen Fähigkeiten zu überzeugen und zwar bereits in der Grundschule?

Erst einmal: Selbstverständlich glaube ich, dass Mädchen und Jungen im Schnitt gleich begabt in Mathematik sind. Ich denke, dass oft Mädchen vermittelt wird, dass sie weniger gut in Mathematik sind (und dass das kulturell akzeptabel ist). Natürlich sollten Eltern ihren Kindern vorleben, dass naturwissenschaftliche Begabung nicht vom Geschlecht abhängt – aber dafür muss man sich als Elternteil oft erst der eigenen impliziten vorgefertigten Schubladen bewusst werden: Nehme ich einen Mathematiklehrer selbst als kompetenter wahr als eine Lehrerin? Oft genügen nur ein paar Worte, um Selbstbewusstsein nachhaltig aufzubauen oder zu zerstören. Mit Sicherheit fehlen hier auch oft gute Vorbilder, sowohl in der Schule als auch in den Familien.

Was genau hat man sich unter mathematischer Forschung vorzustellen und wie motivieren Sie Ihre weiblichen Studierenden einen Weg in der mathematischen Forschung einzuschlagen?

Für mich ist mathematische Forschung eine Art Rätsel lösen, nur dass die Rätsel sehr schwer sind und ich oft monatelang brauche, um den nächsten Puzzlestein hinzufügen zu können. Und bevor das Puzzle nicht vollständig ist, weiß man oft nicht, ob sich das Motiv überhaupt gelohnt hat! In meiner Forschung tauche ich vollends in eine abstrakte Gedankenwelt ein – im klassischen Sinne Rechnen mache ich eigentlich nie. Ich hoffe, dass ich weibliche Studierende schon allein als Vorbild motivieren kann, indem ich ihnen vorlebe, dass sich Mathematik, Weiblichkeit und Muttersein nicht widerspricht. Unabhängig vom Geschlecht spreche ich auch begabte Studierende aktiv an, um sie zu ermuntern, sich weiter der Mathematik zu widmen. Mitunter fehlt es doch hier am Selbstbewusstsein, insbesondere auch bei talentierten Mädels. Ich kann euch nur zurufen: Glaubt an euch!

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