Menschen sprechen zu leise über wichtiges, zu laut über unnötiges, zu viel über andere, zu wenig miteinander, und zu oft ohne nachzudenken.

5 Fragen — 5 Antworten mit Präses Anna-Nicole Heinrich

28. Mai 2021

Bildrechte: EKD/Fotograf Peter Bongard

Präses Anna-Nicole Heinrich (1996 in Schwandorf geboren) ist eine deutsche Studentin der Philosophie und neu gewählte Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Mit einem Alter von 25 Jahren bei Amtsantritt ist sie die bislang jüngste Präses in der Geschichte der EKD-Synode

Die Frage, was man nach der Schule vorhat, nervt nicht nur die Abschlussklassen. Mit der Antwort „Irgendetwas mit …....“ zählen einige Schüler schon zu den Entschlossenen. Den eigenen Interessen folgen oder einen sicheren Weg gehen? Wozu würden Sie jungen Menschen heute raten?

Vor allem erstmal nicht durch Fragen nerven lassen, sondern in sich reinhören und schauen was man will. Und egal ob man dann direkt in was Konkretes startet oder erstmal noch sowas wie ein FÖJ macht, wichtig ist immer zu kommunizieren: Ich gehe meinen Weg und der ist gut. Darin bin ich immer bestärkt worden, und ich kann das auch jedem nur so empfehlen. 

Durch den Tweet der damals 17-jährigen Schülerin Naina, in dem der Wunsch nach "mehr lebensnahem Unterricht" geäußert wurde und Themen wie z.B. Steuern, Miete und Versicherungen mit behandelt werden sollten, wird die Diskussion um die Wissensvermittlung an unseren Schulen wieder neu befeuert. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema, bereitet Schule zu wenig auf das Leben vor?

Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Schüler*innen machen ja ganz unterschiedliche Erfahrungen. Das hängt viel von den Lehrern*innen ab, aber natürlich auch von der Schule, die man besucht. Ich habe da viele gute Beispiele erlebt, wo der Lernstoff nicht abstrakt geblieben ist, sondern eng mit dem verknüpft war, was uns im täglichen Leben beschäftigt. Aber das „Lernen fürs Leben“, das immer gern eingefordert wird, passiert eben nicht nur in der Schule, sondern maßgeblich auch in den sozialen Kontakten und Gemeinschaften, die wir haben. Für mich war da die Gemeinschaft in der evangelischen Jugend ein ganz wichtiger Faktor, der mich mitgeprägt hat. Jedenfalls mehr als der Matheunterricht, obwohl das mein Lieblingsfach war.

Im vergangenen Jahr sind deutlich weniger Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten als im Jahr zuvor. Ist vielleicht auch einer der Gründe der, dass viele Menschen ein Gefühl hatten: In der Pandemie ist es doch ein Glück, dass wir die Kirche mit all ihren Einrichtungen haben, so fehlbar sie auch sein mag?

Wir haben dazu noch keine verlässlichen Zahlen und Analysen. Aber in Zeiten, in denen sicher Geglaubtes auf einmal nicht mehr funktioniert, kann es helfen, wenn Jahrtausende alte Traditionen Gewissheit vermitteln, die es anderswo gerade nicht mehr gibt. Und natürlich ist in solchen Situationen Seelsorge wichtiger denn je. Das haben wir zum Beispiel bei der Chatseelsorge gemerkt, die um 70 Prozent zugenommen hat. Aber auch an ganz vielen anderen Orten, an denen Kirche mit ihren Angeboten unter schwierigen Bedingungen präsent war.

Am 15. März 2021 veröffentlichte die Kongregation für die Glaubenslehre ein Dokument, wonach Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare nicht in der Römisch-katholischen Kirche kirchenrechtlich möglich seien.  In mehr als 100 katholischen Kirchengemeinden Deutschlands segneten katholische Geistliche in diesen Tagen gleichgeschlechtliche Paare. Wie werten Sie diese Aktionen?

Als Präses der Synode der evangelischen Kirche schaue ich immer zuerst auf die eigene Kirche.  Auch bei uns war es bis vor Kurzem längst keine Selbstverständlichkeit, dass gleichgeschlechtliche Paare ihre Beziehung natürlich auch unter Gottes Segens stellen können. Da sind wir heute zum Glück an einem anderen Punkt. Dass mir der synodale Weg, den die katholische Kirche in Deutschland derzeit beschreitet, allein schon vom Wort her sympathisch ist, versteht sich aber fast von selbst. 

Kann Kirche als Ort eigentlich nicht mehr als nur Gottesdienst sonntags um zehn? Warum kann sie nicht vielfältig genutzt werden, zum Spaß haben, zum Treffen mit anderen Leuten, zum thematischen Auseinandersetzen oder einfach mal um Ruhe zu suchen? Sowohl für Junge als auch für Alte?

Genau das erlebe ich an ganz vielen Orten. Das Bild einer Kirche, in der Gotteshäuser nur für den sonntäglichen Gottesdienst geöffnet sind, entspricht doch längst nicht mehr der Wirklichkeit. Zum einen haben sich unsere Gottesdienste nicht erst seit der Corona-Pandemie weiterentwickelt. Der klassische zehn Uhr Gottesdienst ist doch schon lange nicht mehr das einzige Angebot. Und zum anderen sind unsere Kirchen natürlich immer auch Begegnungsstätten, Orte für Kultur und Diskurse und selbstverständlich auch Jugendtreff und Treffpunkt für Seniorenkreise. All das während Corona leider eingeschränkt, aber hoffentlich bald wieder auch mehr und mehr in Präsenz. Dort wo das nicht der Fall ist, können und müssen wir uns noch verbessern.

Bildrechte: EKD/Fotograf Peter Bongard

Veröffentlicht am 28. Mai 2021

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Wie sagte schon Bacon: „Wissen ist Macht!“
*Francis Bacon, 1561 - 1625, Philosoph & Jurist
 

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