5 Fragen — 5 Antworten: Mit Prof. Antje Boetius

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Foto: Manfred Schulz

Professorin  Antje Boetius (1967 in Frankfurt am Main geboren) ist eine deutsche Meeresbiologin und Professorin an der Universität Bremen. Seit November 2017 leitet sie zusätzlich das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Prof. Dr. Antje Boetius und ein interdisziplinäres Abwasser-Expertenteam aus Leipzig wurden 2018 je zur Hälfte mit dem mit 500.000 Euro dotierten Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) ausgezeichnet. wissensschule tauschte sich mit ihr nicht nur über die Faszination der Tiefsee aus.

Die Frage, was man nach dem Abitur vorhat, nervt nicht nur die Abschlussklassen. Mit der Antwort „Irgendetwas mit …….“ zählen einige Schüler schon zu den Entschlossenen. Direkt ins Studium, eine Ausbildung machen oder  im Ausland erste Erfahrungen sammeln? Den eigenen Interessen folgen oder einen sicheren Weg gehen? Wozu würden Sie jungen Menschen raten? 

Neugierde auf Berufe und Lebensgestaltung, verschiedene Rollen erproben durch Praktika und Jobs, in die weite Welt ziehen. Manche spüren schon als Kind, was sie sind und sein wollen – andere wählen per Zufallsangebot und können auch zufrieden werden. Die Berufswahl ist aber wichtig, weil wir so viel Zeit mit der Arbeit verbringen werden. Und weil es sich einfach gut anfühlt, das „Richtige“ zu tun -etwas das zu einem passt, was man kann. Ich wusste schon als Kind, dass ich eine Zeit meines Lebens auf und im Ozean verbringen will –dabei war neben meiner Phantasie, genährt aus vielen Büchern und Filmen, auch mein Umfeld sehr prägend, die Menschen, die ich befragen konnte, die mir etwas beigebracht haben. Nach dreißig Jahren Berufsleben muss ich mich nun immer noch manchmal kneifen und fragen, bin das wirklich ich, die das alles erleben darf? Ob man früh oder spät seinen Berufswunsch erkennt und leben kann – das wichtigste scheint mir dabei, in sich hinein hören und anderen Fragen stellen, lesen, schauen, ausprobieren – offen sein für den Zufall, und Mut haben, das Ungewohnte zu suchen, nicht immer den bequemen Weg gehen. 

Durch den Tweet der damals 17-jährigen Schülerin Naina, in dem der Wunsch nach “mehr lebensnahem Unterricht” geäußert wurde und Themen wie z.B. Steuern, Miete und Versicherungen mit behandelt werden sollten, wird die Diskussion um die Wissensvermittlung an unseren Schulen wieder neu befeuert. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema, bereitet Schule zu wenig auf das Leben vor?

Das Leben besteht ja glücklicherweise nicht nur aus Steuern, Miete und Versicherungen – und das Lernen fürs Leben auch nicht nur aus Schule. Die Schule sollte uns vor allem befähigen mit vielfältigem Wissen umzugehen, Sprach- und Kulturkompetenz zu erwerben und uns vor allem mit dem Handwerk ausstatten, ein Leben lang lernen zu können. Ein Fach „Alltagswissen und -Praxis“ wäre sicher eine gute Ergänzung, aber sollte auch kein anderes Fach ersetzen– in Deutschland gehen wir ja schon relativ wenig zur Schule. Wichtig ist die Erkenntnis: man weiß ja gar nicht immer vorher, wozu man Gelerntes nutzen kann, und es wäre schrecklich, wenn Wissen immer praktisch sein müsste. Das Gehirn braucht vielfältige Reize, um sich gut zu vernetzen. Sicher könnten Schulen noch viel besser sein in der Wissensvermittlung, es bleibt mir fortwährend ein Rätsel, warum ein reiches Land wie Deutschland nicht noch viel mehr in Kindergärten, Schulbildung oder auch Berufs- und Hochschulen investiert. Gerade weil die Arbeitswelt mal wieder im Wandel ist – und weil die Schuljahre etwas sind, von dem man sein Leben lang zehrt. 

Sie kennen und wertschätzen die Tiefsee mit ihren skurrilen Lebewesen aus über 45 Expeditionen. Welche Bedeutung hat das Meer für Sie als Forscherin?

Der Ozean ist für mich ein wesentlicher Bestandteil des Planeten Erde, er ist der Grund, warum es überhaupt Leben auf der Erde gibt und diese riesige Vielfalt von Lebensformen und Lebensräumen, die wir noch zu erforschen haben. Wir müssen verstehen, wie der Ozean auf die Zunahme von CO2 reagiert und auch auf andere Formen von Umweltverschmutzung und menschliche Eingriffe, gerade weil künftig ein Drittel aller Menschen in Ballungszentren an Küsten oder in sensiblen Inselregionen leben werden, dürfen wir da nicht wegschauen, sondern müssen viel intensiver auf den Ozean und sein Leben achten. Aber neben allen menschlichen Problemen bin ich auch einfach so neugierig auf die Geheimnisse des Ozeans. Es gibt so viel zu entdecken ! Der Ozean bedeutet mir aber auch außerhalb der Forschung viel – ich liebe Seefahrer- und Piratenromane und Meeresliteratur und –Kunst. Ich denke gerne über diesen riesigen Raum und seine Lebensvielfalt nach und frage mich, was ich noch tun kann um für seinen Schutz zu werben.

Klimawandel, Überfischung  sowie die starke Verschmutzung der Meere mit Plastikmüll zerstören das Ökosystem unserer Meere. Was bedeutet das für die Arktis, wird es in 20 Jahren im Sommer noch Eis in der Arktis geben?

Es gibt noch Hoffnung, wenn wir endlich das CO2 Problem international in den Griff kriegen würden. Dann könnte es in 50 Jahre schon noch etwas Meereis im Sommer in der Arktis geben –  und auch das Plastikmüllproblem oder die Überfischung sind nicht unlösbar. Es geht um die richtigen Regeln für die Nutzung unseres Planeten jetzt und in der Zukunft. Und da gibt es ja durchaus positive Beispiele was die Menschheit schon geschafft hat. Im Moment sieht es zwar gerade wieder etwas finster aus auf der einen Seite, aber auf der andere Seite ist Hoffnung immer die stärkere Kraft, um etwas zu ändern. 

Wissenschaftskommunikation ist wichtig, um den Menschen den Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Natur zu erklären und damit auch das Ökosystem der Meere zu veranschaulichen. Seit zwei Jahren sind Sie auch Vorsitzende des Lenkungsausschusses von “Wissensschaft im Dialog”. Welche Möglichkeiten sehen Sie hier, um gerade junge Menschen, die Ihnen vielleicht nacheifern wollen, für Ihr Thema zu begeistern?

Für junge Menschen –  Schüler und Studenten – haben wir eine Reihe von Angeboten bei Wissenschaft im Dialog – einfach mal auf der Webseite vorbeischauen: Zum Beispiel der Wettbewerb „Jugend präsentiert“ und die Europäischen Schülerparlamente sind tolle Formate um Debattieren und Zuhören zu lernen. Bei Fast Forward gibt es spannende Kurzfilme über Wissenschaft und ihre Macher. Für Hacking- Schulprojekte sind Ideen gesammelt auf „Maker Box“. Schüler können Wissenschaftlern Fragen stellen, und auch nachschauen wann die MS Wissenschaft mit einer Ausstellung vorbeikommt, oder wo sie sich bei Citizen Science Projekten beteiligen können.

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