5 Fragen — 5 Antworten: Mit Prof. Thomas Südhof

Professor Thomas Südhof (1955 in Göttingen geboren) ist ein deutsch-amerikanischer Biochemiker, der in den Neurowissensschaften forscht und arbeitet. 2013 wurde ihm gemeinsam mit zwei weiteren Forschern der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin zuerkannt. Er ist Professor an der Stanford University und leitet dort das  Südhof Laboratorium an der Medical School.

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Foto: VISTA

Die Frage, was man nach dem Abitur vorhat, nervt nicht nur die Abschlussklassen. Mit der Antwort „Irgendetwas mit …“ zählen einige Schüler schon zu den Entschlossenen. Direkt ins Studium, eine Ausbildung machen oder  im Ausland erste Erfahrungen sammeln? Den eigenen Interessen folgen oder einen sicheren Weg gehen? Wie haben Sie diese Zeit erlebt und wozu raten Sie jungen Menschen?

Ich hatte nach dem Abitur keine Ahnung, was ich wirklich werden wollte – Wissenschaftler war nicht auf meiner Liste – und wählte Medizin, weil ich gerne was sinnvolles, positives tun wollte, etwas, dass vielleicht anderen helfen kann. Ich meine, das Leben ist zu kurz, um nicht das zu tun, was man wirklich will, aber ich meine auch, dass die meisten Menschen mit 18 oder 19 einfach nicht wissen können, was sie wirklich wollen. In diesem Fall würde ich immer raten, einen Berufsweg einzuschlagen, der einem im Prinzip gefällt und viele Türen für die Zukunft offen lässt.

Durch den Tweet der damals 17-jährigen Schülerin Naina, in dem der Wunsch nach “mehr lebensnahem Unterricht” geäußert wurde und Themen wie z.B. Steuern, Miete und Versicherungen  mit behandelt werden sollten, wird die Diskussion um die Wissensvermittlung an unseren Schulen wieder neu befeuert. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema und worin bestehen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Schulsystem? 

Ich bin da ganz anderer Auffassung als Naina– in Schule und Studium sollte man lernen, wie etwas im Prinzip funktioniert, nicht wie man irgendwelche Tagesabläufe erledigt. Z.B. meine ich, man sollte lernen, wie eigentlich eine Bank funktioniert, wie die Bank Geld verdient, und wie die Finanzwelt organisiert ist, aber nicht, wie man ein Bankkonto eröffnet – dafür geht man einfach in die Bank und fragt. Das US Schulsystem ist sehr heterogen – es gibt ausgezeichnete Schulen, in denen viel gelernt wird, und andere, in denen Schüler noch nicht einmal schreiben lernen. Was aber besser ist am US System als in Deutschland, dass nach der Schule erst einmal ein College kommt, in dem sich noch nicht beruflich festlegen muss. Man hat also Zeit, sich langsam zu entscheiden, was man im Leben machen will!

Getaktete  Unterrichtseinheiten, nicht immer zeitgemäße bis hin zu vollkommen unzureichenden Ausstattungen zum Experimentieren ist der Hauptfeind des forschenden Lehrens an deutschen Schulen. Die Wirtschaft sucht händeringend naturwissenschaftlich/technischen Nachwuchs und die Schulen können nicht liefern. Was läuft falsch in unserem Land und können wir hier von den Amerikanern lernen? 

Ich fürchte, das Problem des naturwissenschaftlich/technischen Nachwuchses ist in den USA viel grösser als in Deutschland. Da die Einkommen der Banker, Geschäftsleute, Ärzte, und Rechtsanwälte so viel besser sind als die der Ingenieure oder Wissenschaftler, gehen die meisten schlauen jungen Leute in diese Berufszweige. Die USA löst das Problem durch eine liberale Einwanderungspolitik, die es talentierten Leuten aus dem Ausland ermöglicht, sich ein Leben in den USA aufzubauen. Ich meine, dass das so gut ist, und wünschte mir etwas ähnliches in Deutschland. Ich glaube aber auch, dass die Gehälter von Leuten mit ‚Wissensberufen’, nicht nur von Ingenieuren, aber auch von Lehrern und anderen mit nicht primär kommerziellen Berufen, erheblich ansteigen sollten.

Multimediale Berieselung ist gerade bei jungen Menschen keine Zeiterscheinung mehr. Permanente Erreichbarkeit, das Smartphone ständig griffbereit, da ist die Gefahr der Nomophobie geradezu vorprogrammiert. Sind Smartphones auch schädlich für unsere Psyche?

Ja, aber Smartphones sind auch eine tolle Erfindung! Ich glaube, es ist wichtig, das Problem der Überstimulation, des daraus resultierenden Defizits an Erholung oder an Focus, offen zu besprechen, ohne die Dinger zu verbieten.

Für viele Eltern ist der Weg des eigenen Nachwuchses klar vorgezeichnet : “Erst Abi und dann ab ins Studium”. Sehr viele von ihnen würden alles dafür tun, damit ihr Kind einmal Nobelpreisträger wird. Was haben Ihre Eltern richtig gemacht?

Ich war auf einer Waldorfschule und meine Eltern hatten überhaupt nicht das Ziel, mich für einen bestimmten Erfolg zu trainieren – sie ließen mich einfach machen. Ich meine, man sollte Kinder inspirieren, nicht indoktrinieren, man sollte ihnen ein Beispiel geben, ohne sie bestimmen zu wollen – das beste, was man seinen Kindern mitgeben kann, ist die Lust am Leben und der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun. Alles andere kommt dann schon von alleine.

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