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Berufsschule Lampertheim - Theater gegen Gewalt

20. März 2012

BERUFLICHE SCHULEN  LAMPERTHEIM:
„WAS PASSIERT HIER  EIGENTLICH?“

 

S T E C K B R I E F
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Berufliche Schulen Lampertheim
Schulform: Berufliche Schule
Lehrkräfte: 70
Schüler: 1.000
Buddys: ca. 70
www.bslonline.de

Einmal im Jahr bringen die Schüler der Fachoberschule an der Beruflichen Schule Lampertheim im Rahmen des Buddy-Projekts das „Theater gegen Gewalt“ auf die Bühne. Darin verarbeiten sie eigene Gewalterfahrungen aus dem Schul- und Privatleben und setzen sich im Vorfeld intensiv mit der Thematik auseinander. Darüber berichten die Buddys Katrin (19) und Sabrina (26) sowie Buddy-Lehrerin Sabine Wandjo im Interview.

Warum macht ihr beim Buddy-Projekt mit?
Katrin: Ich bin Buddy geworden, weil ich mich engagieren will. Als Streitschlichterin zu arbeiten macht Spaß – ich kann anderen helfen und etwas erreichen.
Sabrina: Ich bin nicht nur Buddy, sondern auch stellvertretende Schulsprecherin. Bei uns arbeitet auch die SV nach dem Buddy-Prinzip. Wir finden, dass Partizipation in der Schule sehr wichtig ist und wir darauf ein Recht haben. Buddy gibt uns die Möglichkeit, es zu nutzen.

Wie habt ihr euer Theater-Projekt auf die Beine gestellt und welches Ziel hattet ihr damit?
Sabrina: Die Idee entpuppte sich peu à peu. Wir haben erst im Klassenverband kleine Stehgreifszenen durchgespielt und uns intensiv mit der Thematik befasst: Wie entsteht Gewalt? Was können Betroffene tun, um sich zu schützen? Dabei ist uns aufgefallen, wie stark wir täglich Gewalt ausgesetzt sind. Schließlich fängt Gewalt nicht erst bei Handgreiflichkeiten an, sondern funktioniert auch auf seelischer Ebene: durch Hänseleien oder emotionale Erpressung zum Beispiel. Da kam die Idee, auch unsere Mitschüler mit einzubeziehen und wir haben uns für ein Theaterstück entschieden, das wir in der Schule aufführen.
Katrin: Wichtig war uns, Betroffenheit und Nachdenklichkeit zu erzeugen, ohne moralisch zu werden. Wir haben es dann so gemacht, dass wir Gewaltsituationen auf der Bühne darstellen und eine Stimme aus dem OFF gleichzeitig darüber reflektiert, was sich der oder diejenige eigentlich wünschen würde: Liebe, Schutz, Anerkennung. Der Gedankensprecher verdeutlicht also das Dilemma, in dem auch die Person steckt, die Gewalt ausübt. Schließlich würde sie so gerne anders reagieren. Aber wie?

Wie war das Echo in der Schule auf die Vorstellungen?
Sabrina: Sehr groß, ein voller Erfolg. Viele Schüler sind danach auf uns zu gekommen und wollten sich weiter mit dem Thema auseinandersetzen.

Wie greift ihr diesen Wunsch auf?
Katrin: Wir haben eine eigene Internetseite zum Thema Gewalt gestaltet – www.gewaltig.org. Dort können sich Betroffene und Interessierte austauschen und entscheiden, ob sie anonym bleiben wollen oder nicht. Uns war es wichtig, Gewalt ein Forum zu geben, um die Tabuisierung zu durchbrechen, weil man sich als Opfer schwach fühlt. Wir wollen uns auch mit anderen Hilfs-Angeboten zum Thema Gewalt vernetzen.
Sabrina: Auch Täter können dort über ihre Empfindungen reflektieren – schließlich waren sie selbst irgendwann mal in einer Opferrolle und haben Frust und Enttäuschung erlebt.

 

Online-Forum gegen Gewalt

www.gewaltig.org

Das Forum gegen Gewalt entstand im Rahmen des Buddy-Projekts aus der Arbeit zum „Theater gegen Gewalt“ an der Beruflichen Schule Lampertheim.

Die Schüler wollten etwas initiieren, das über die Theateraufführungen hinaus möglichst vielen Mitschülern die Möglichkeit gibt, eigene Erfahrungen mit Gewalt und Mobbing an der Schule, in der Famile, im Freundeskreis zu „erkennen“, also zu fühlen und darüber zu sprechen. Damit soll die Tabuisierung aufgehoben werden, sich als schwach zu fühlen, weil man Opfer von Gewalt geworden ist. Es soll aber auch Anlaufpunkt für die Täter sein: Sie haben die Möglichkeit, ihre eigene Opferrolle aufzuspüren und sich dadurch selbst und anderen gegenüber zu sensibilisieren für die Frustration und Enttäuschung, der sie ausgesetzt sind oder waren.

Wichtig ist dabei das Buddy-Prinzip: Der Impuls, über Gewalt zu reflektieren und zu handeln, muss von „unten“ kommen, also aus den eigenen Reihen. Gewaltprävention kann nicht „gelehrt“, sondern nur im Umgang der Menschen miteinander gestiftet werden. Dann ist die größtmögliche Entwicklung von sozialen Kompetenzen anzutreffen.

Das Forum soll deutschlandweit eine Plattform für Menschen sein, die mit der Thematik offen, konstruktiv, kreativ, individuell und damit Gesellschaft verändernd umgehen wollen.

Die Seite wird derzeit weiter überarbeitet, um jedem kenntlich zu machen, das er willkommen ist und seine eigenen Vorstellungen dort einbringen kann. Die Schule versucht aktuell, über ihre Buddys eine Online-Mediation anzubieten.

Frau Wandjo, warum hat sich die Schule damals für das Buddy-Projekt entschieden?
S. Wandjo:Wir wollten die sozialen Kompetenzen unserer Schüler stärken, weil wir hier einen immer größer werdenden Bedarf gesehen haben. Wichtig an Buddy war für uns der Ansatz der Peergroup-Education, denn wir wollten langfristig den Schülern mehr Verantwortung übertragen. Sie sollten auch dafür sorgen, „Buddy-Nachwuchs“ heranzuziehen. Bei uns bilden die Buddys selbst neue Streitschlichter aus und führen sie in ihre Projekte ein. Wir haben dafür bereits ein Ausbildungs-Programm erarbeitet.

Was hat das Buddy-Projekt für Sie Neues gebracht?
S. Wandjo: Neu war für uns Lehrer, die Bedürfnisse unserer Schüler abzufragen. Das haben wir mit einer großen Schulbefragung gemacht – dem Buddy-Audit. Wir haben Ideen gesammelt, welche Projekte die Schüler auf die Beine stellen möchten und wer welche Kompetenzen dafür mitbringt. Das Tolle ist, dass wir die Schüler jetzt mit im Boot haben: Da sie die Impulse gegeben haben, können sie sich auch mit den Buddy-Projekten identifizieren, die es an der Schule gibt. Vor allem Gewaltprävention muss von den Schülern selbst gewollt und gemacht werden – dies sage ich aus Überzeugung gegenüber dem Buddy-Gedanken. Nach jahrzehntelanger Erfahrung als Lehrerin habe ich kein gelingendes Konzept kennen gelernt, das von „oben“ in der Weise gewirkt hätte! Aber durch das Buddy-Projekt haben wir eine Menge erreicht.

Hat Buddy die Schule verändert?
S. Wandjo: Schüler, die der Effekt von Buddy erreicht, fühlen sich positiver wahrgenommen und wertgeschätzt. Sie merken, dass sie ein Recht haben, ihre Schule zu gestalten und zu verändern. Unsere Mediatoren-Buddys werden respektiert und bekommen viel Anerkennung von Lehrern und Schülern. Insgesamt ist mehr Offenheit und Vertrauen zwischen Lehrern und Schülern entstanden.

 

Das Buddy-Projekt macht Schüler stark

Das Buddy-Projekt fördert eine schülerorientierte Lernkultur und eine verantwortungsvolle
Gemeinschaft in Schulen. Es trägt dazu bei, dass Schule neben einem Ort der Wissens- vermittlung auch eine zentrale Einrichtung für den Erwerb sozialer, emotionaler und kog-nitiver Kompetenzen sowie gelebter demokratischer Werte ist.

Unter dem Motto „Aufeinander achten. Füreinander da sein. Miteinander lernen“ überneh-men Schüler in Projekten und im Unterricht Verantwortung für sich und andere. Als Buddys sind sie zum Beispiel Paten für jüngere Mitschüler oder Ansprechpartner für Probleme, helfen anderen beim Lernen und setzen sich als Streitschlichter ein.

Der Pädagoge nimmt dabei die Haltung eines Coaches ein und berät und begleitet seine Schüler. Der Prozess des „Lehrens“ und des „Lernens“ wird durch dieses Prinzip nachhaltig verändert. Auf diese Rolle bereitet der buddY E.V. Lehrkräfte und pädago-gische Fachkräfte in Trainings vor und unterstützt sie beim Projektaufbau.

Das pädagogische Konzept des Buddy-Projekts basiert auf vier Säulen:

  1. Peergroup-Education: Lernen von-, für- und miteinander
    Schüler lernen in Buddy-Projekten wechselseitig von den Fähigkeiten und Kenntnissen ihrer„Peers“, also ihrer Mitschüler.
  2. Lebensweltorientierung: Buddy kommt aus dem Leben
    Das Buddy-Projekt orientiert sich an den Bedürfnissen und Interessen von Schüler. Lernen findet an realen Problemen und Herausforderungen statt.
  3. Partizipation: aktive Beteiligung fördern
    Das Buddy-Projekt fördert die Möglichkeiten von Schülern und Pädagogen, ihre Schule aktiv mitzugestalten.
  4. Selbstwirksamkeit: Selbstvertrauen schaffen
    Schüler, die sich als Buddys engagieren, erkennen, dass sie mit ihrem Engagement etwas bewirken können.

Das Buddy-Projekt wurde 1999 von der Vodafone Stiftung ins Leben gerufen und wird seit 2005 durch den buddY E.V. als eigenständigen Verein organisiert. Inzwischen gibt es Buddy-Landesprogramme in Niedersachsen, Berlin, Hessen und Thüringen sowie Regionalprogramme und Netzwerke in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz an insgesamt mehr als 800 Schulen.

Veröffentlicht am 20. März 2012

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Wie sagte schon Bacon: „Wissen ist Macht!“
*Francis Bacon, 1561 - 1625, Philosoph & Jurist
 

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