Einsatz digitaler Medien in der Schule – Einsatz von Lernvideos im Unterricht

andreas-kalt-2012-07-17Lernvideos spielen im Bildungsbereich eine immer größere Rolle. Auch Schülerinnen und Schüler suchen beim Lernen zu verschiedenen Themen immer mehr nach Erklärvideos, um die Inhalte bzw. Zusammenhänge besser zu verstehen. YouTube Videos spielen dabei im Alltag vieler Schüler eine große Rolle, nicht auch zuletzt, um dort Ausschau nach passenden Erklärvideos zu halten. Mittlerweile erstellen nicht nur Lehrerinnen und Lehrer eigene Erklärvideos, sondern auch zunehmend mehr Schülerinnen und Schüler. Hierüber sprachen wir mit Andreas Kalt. Er ist Lehrer für Englisch, Erdkunde, Biologie, Naturwissenschaften & Technik sowie Medienkunde einem Gymnasium in Baden-Württemberg. In manchen Lerngruppen erstellen hier seine Schülerinnen und Schüler selbst Erklärvideos.

Das Angebot von Lernvideos im Netz wird zunehmend größer. Welches Potenzial bieten Lernvideos für das eigenständige Lernen?

Ein großes Potential steckt darin, dass ein Video in der Regel einen eng abgesteckten Aspekt eines Themas erklärt. Wenn das Themenangebot groß genug ist, kann ich mir als Lernender gezielt die Aspekte im Video erklären lassen, die ich gerade lernen möchte oder muss. Beim Schließen von Verständnislücken kann das ebenfalls klappen. Außerdem kann ich ein Video an beliebiger Stelle stoppen und Teile, die ich nicht verstanden habe, mehrfach anschauen. Schließlich kann ein Video durch die Kombination von Visualisierung und mündlicher Erklärung Inhalte anschaulicher darstellen als beispielsweise ein Text.

Wie bzw. wodurch ist der Gedanke entstanden, Schülerinnen und Schüler in Lerngruppen selbst Erklärvideos erstellen zu lassen?

Schule sollte meines Erachtens immer auch das Ziel verfolgen, Schüler/innen zu einem kritischen, reflektierten Blick auf sich und die Welt zu verhelfen. Wenn sie Erklärvideos oft konsumieren, sollten sie sich auch fragen, wer diese Videos erstellt, was dafür nötig ist und wie man das macht. Dadurch können sie von passiven Konsumenten zu reflektierten Mediennutzer/innen werden, die aktiv an einem öffentlichen Diskurs teilnehmen – oder zumindest die Möglichkeiten kennen, daran teilzunehmen. Die Einblicke in den technischen Erstellungsprozess eröffnen neue Perspektiven, durch die man andere Videos besser einschätzen kann.

Bei der Arbeit an den Videos beschäftigen sie sich aber natürlich auch intensiv mit den darzustellenden Inhalten – wenn man jemand anderem etwas gut erklären möchte, muss man es selbst sehr gut verstanden haben. Das Video, wenn es für die Veröffentlichung erstellt wird, schafft eine hohe Motivation, die Inhalte gut zu verstehen, um sie angemessen erklären zu können.

Man lernt auch, Themen auf das Wesentliche zu reduzieren und sie ansprechend zu visualisieren. Schließlich muss man sich zwangsläufig auch mit Fragen des Urheberrechts beschäftigen, was in vielen anderen Situationen des medialen Alltags nützlich sein kann.

Als aktive Nutzer und Konsumenten von Videos dürften den meisten Schülern die technischen Möglichkeiten zur Erstellung von Erklärvideos bekannt sein. Wo waren jedoch aus Ihrer Sicht Defizite festzustellen und was konnten Sie Ihnen nachhaltig vermitteln?

Die Vorkenntnisse sind sehr unterschiedlich. Manche Schüler/innen haben schon Screencasts erstellt oder eigene Videos geschnitten, andere haben außer spontanen Handy-Videos noch keine Erfahrung.

Bei fast allen sind aber zum Beispiel Probleme aufgetreten bei der Ausformulierung kohärenter und schlüssiger Erklärtexte. Das hat natürlich nichts spezifisch mit einem Video zu tun, ist aber insgesamt eine schwierige Aufgabe. Wir haben das gelöst, indem alle Texte vorher in einem gemeinsamen Cloud-Dokument erstellt wurden. Ich habe dann die Texte mehrfach gegengelesen und Anregungen eingefügt, welche die Schüler/innen dann eingearbeitet haben. Die Videos wurden erst aufgenommen, als die Texte und die dazu passenden Visualisierungen inhaltlich und sprachlich einwandfrei waren.

Auch das saubere und flüssige Sprechen der Texte war für viele schwierig, das ist auch ein Aspekt, der mir selbst bei meinen Videos immer wieder schwer fällt. Im Alltag ist es kein Problem, einen Satz abzubrechen und neu zu beginnen. In einem Video stört einen das viel mehr.

Was konnte ich den Schüler/innen vermitteln: Ich denke, sie konnten erkennen, dass sie selbst in der Lage sind, hochwertige Videos zu erstellen, die für sie selbst und für viele andere von Nutzen sein können. Einige der Videos haben schon viele Tausend Zugriffe. Meine Hoffnung ist, dass sie damit ein wenig mehr zu mündigen und reflektierten Mediennutzern geworden sind.

Welche Dinge sind zu beachten bzw. anders gefragt, welche Tipps und Anregungen können Sie Ihren Kollegen/innen mit auf den Weg geben, die sich auch mit dem Gedanken tragen, Schülerinnen und Schüler selbst Erklärvideos erstellen zu lassen?

Man sollte zunächst Themen wählen, die nicht zu schwierig sind, damit die Erarbeitung der Inhalte nicht zu lange dauert. Außerdem hilft es sehr, wenn man Zugriff auf eine Lernplattform hat, in der alle Materialien kollaborativ erstellt werden können. So hat man es als Lehrkraft leichter, den Überblick zu behalten.

Wenn man die Videos veröffentlichen möchte, was meines Erachtens sinnvoll ist, sollte man sich selbst grundlegend mit dem Urheberrecht auseinandersetzen. Grundsätzlich helfen frei lizenzierte Materialien (Open Educational Resources, OER) sehr dabei, Medienprodukte zu erstellen, mit denen man sich keine rechtlichen Schwierigkeiten einhandelt.

Außerdem müssen die Schüler/innen der Veröffentlichung zustimmen. Je nach Alter (in der Regel bei Schüler/innen, die jünger als sechzehn Jahre alt sind) müssen auch die Erziehungsberechtigten zustimmen.

Generell würde ich zunächst selbst ein Video erstellen, um Erfahrungen zu sammeln und potentielle Fallstricke aus eigener Anschauung zu erfahren.

Ich habe für meine Schüler/innen verschiedene Tipps und Hinweise zu Erklärvideos auf einer Wiki-Seite zusammengestellt. Die kann man natürlich auch als Lehrkraft nutzen. Meine Erfahrungen habe ich  in einem Blogpost dargestellt, der womöglich auch beim Einstieg helfen kann.

Herr Kalt, wagen Sie eine Prognose, wie sieht der Unterricht im Jahr 2050 aus? Läuft der Unterricht dann nur noch digital und können sich Schüler alles in Erklärvideos zu Hause selbst beibringen?

Bis dahin dürften viele oder gar alle Materialien in digitaler Form vorliegen. Der Unterricht wird aber sicherlich auch Präsenzphasen umfassen, auch wenn vielleicht individuelles Lernen mit digitalen Materialien größeren Raum einnehmen wird als heute. Ich denke aber nicht, dass Videos allein je reichen werden. Lernen ist immer auch ein sozialer Prozess, bei dem man sich mit anderen über die Lerninhalte austauscht, offene Fragen diskutiert und gemeinsam Dinge kritisch hinterfragt. Videos können die Phase der Erarbeitung neuer Inhalte erleichtern, aber die Interaktion mit einer Lerngruppe und einer Lehrerin/einem Lehrer können sie nicht ersetzen.

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