Erwachsen, aber keine Ahnung von nichts?! – Bereitet Schule zu wenig auf ein Leben “danach” vor?

Franziska Heinisch

„Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“

Das twitterte 2015 eine Schülerin- und entfachte damit eine intensive Diskussion über unser Bildungssystem und die Ansprüche, die wir an Schule stellen. Es wurden unzählige Fragen aufgeworfen, aber nur wenige Antworten gefunden. Zeit zu überlegen, was wir Schüler*innen uns eigentlich von Schule erwarten?

Scheinbar existiert eine einfache Antwort darauf schon seit Generationen: Schule soll uns bilden, sodass wir auf unser späteres Leben vorbereitet sind. Das klingt gut und schön. Es bleibt nur die Frage: Was verstehen wir darunter eigentlich?

Ich will versuchen, meine Antwort darauf zu formulieren: Bildung befähigt mich, mein Leben selbstbestimmt nach meinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. Sie gibt mir die Möglichkeit zu entscheiden, wer ich sein will- in meinem eigenen Leben, in dieser Gesellschaft, in dieser Welt. Was ist mir wichtig, worauf kommt es mir an, wonach richte ich mein Leben aus? Bildung bedeutet Reflexion und Verantwortungsbewusstsein. Bildung ist der Schlüssel zu den Türen, hinter denen die Zukunft für jede*n einzelne*n von uns liegt.

Schule soll uns ein Handwerkszeug mitgeben, mit dem wir ohne zu zögern all diese Möglichkeiten wahrnehmen, Herausforderungen annehmen und mögliche Probleme meistern können.

Ich glaube, dieses Handwerkszeug ist eines, das erst einmal hochtrabend klingt: Die Fähigkeit zu denken. Das ist das Interesse,  Probleme verstehen und lösen zu wollen. Das ist das Bestreben, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Das ist die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen und zu reflektieren. Das ist der Mut, vermeintliche Wahrheiten zu hinterfragen, umzudenken und neue Wege zu gehen.literature-3033196__340

Ich bin überzeugt: Schule hat unermessliches Potenzial. Schule ist der Ort, an dem die Welt verändert werden kann. Sie kann ein Ort der Mitbestimmung und des Miteinanders sein, an dem junge Menschen politisiert werden. Ein Ort, an dem jede*r einen Platz hat. Ein Ort, an dem Persönlichkeiten sich frei herausbilden können. Ein Ort, an dem gescheitert werden darf und jede*r gewinnt. Ein Ort, der den Facettenreichtum unserer Welt aufzeigt. Ein Ort, an dem junge Menschen Beispiele für eine offene und begeisterungsfähige Weltsicht finden.

Um so ein Ort zu sein, braucht Schule Vielfalt – nicht nur an Menschen, sondern auch an potenziellem Wissen. Es braucht Politik, Sozialwissenschaften und Geschichte, um zu verstehen, wie wir dorthin gelangt sind, wo wir heute stehen. Durch Naturwissenschaften können wir in scheinbar Unwichtigem und Alltäglichem ein System erkennen. Musik, Kunst und Literatur ermöglichen uns, einen Blick auf die Facetten dieser Welt zu erhaschen. Wir brauchen Sprachen, um einander zu verstehen und Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Das alles mag nicht lebensnotwendig sein. Niemand zwingt uns, Dinge verstehen zu wollen. Aber es wird uns angeboten – und wir können dieses Angebot annehmen.

Haben Steuern, Miete und Versicherungen einen solchen Wert? Sicher, über kurz oder lang muss man sich diesen Dingen widmen, wenn man seinen Alltag meistern möchte. Steuern, Miete und Versicherungen sind tatsächliches Handwerkszeug – sie können einfach so angewandt werden, wie sie einmal beigebracht wurden. Aber dieses Handwerkszeug ist eben auch nur in den Situationen nützlich, für die es geschaffen wurde.

Wir könnten eine Schule gestalten, die uns möglichst gut auf einen Alltag nach Schule vorbereitet. Für Situationen von A bis Z können wir nützliches Wissen finden, das unser Leben erleichtert und Komplikationen vermeidet. Wir können Schule zu einem Trainingscamp für die Herausforderungen des Erwachsenenlebens machen. Vielleicht kommen wir dann noch schneller auf den Weg, der uns geradlinig ans Ziel führt, indem wir noch früher erwachsen werden und in dieser Gesellschaft reibungslos funktionieren. Aber ist das unser Ziel? Ist das unsere Vorstellung von Schule? Meine ist es nicht.

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Wir beladen Schule heute immer mehr mit zusätzlichen Ansprüchen, um das Wissenspaket, mit dem wir die Schule verlassen, kompletter zu machen. Dabei müssen wir uns die Frage stellen, ob es uns wert ist, andere Ansprüche dafür zu verwerfen. Ich habe entschieden: Alltagswissen ist es mir nicht wert, auf ein Verstehen dessen zu verzichten, was Schule mir anbietet.

Lasst uns stattdessen die Schulzeit nutzen, Antworten zu finden. Lasst uns die Zeit nutzen, zu entscheiden, was wirklich wichtig ist. Lasst uns die Zeit nutzen, um in Ruhe erwachsen zu werden und unseren persönlichen Lebensweg zu finden. Lasst uns das Potenzial sehen, was Schule innewohnt. Und vor allem lasst uns dieses Potenzial ausschöpfen.

Bildung ist das Fundament, auf das wir unsere Gesellschaft von morgen bauen. Ich möchte nicht, dass diese Gesellschaft geradlinig einen Weg verfolgen kann, aber vergisst, zurückzuschauen, abzubiegen oder auch mal umzukehren. Ich möchte keine Gesellschaft, die ignorant Kosten-Nutzen-Rechnungen über ihr Handeln entscheiden lässt.

Im Gegenteil: Schule ist der Ort für idealistisches Denken und Handeln. Bildung muss nicht immer nützlich sein- sie soll sinnvoll und sinnstiftend sein. Also: Fangen wir an, das Potenzial von Schule auszuschöpfen. Und wenn das heute noch nicht geht, sollten wir es heute noch für morgen einfordern.


Über die Autorin | Franziska Heinisch ist 18 Jahre alt und Teil des Landesvorstands der Landesschüler*innenvertretung NRW”.

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