Glück durch Bildung: Studentin Miriam Gellert reflektiert ihre Erfahrungen in Kenia

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Macht Geld glücklich? Sind wir Deutschen in unserer hoch entwickelten Wohlstandsgesellschaft innerlich ausgeglichen? Und wie geht es Menschen, die diesen Schutz vor Elend in ihrem Land nicht erfahren?

Im Jahr 2012 absolvierte ich über AIESEC ein Praktikum an einer kenianischen Grundschule im Mathare-Slum. Meine wichtigste Erfahrung dabei: Im Durchschnitt sind die Kenianer glücklicher als die Deutschen. Auch wenn ich Glück nicht messen kann, bin ich mir dessen sicher. Einmal lernte ich in Mathare einen Mann kennen, der mich in seine Hütte einlud. Sie barg Platz für ein Bett und einen Kochtopf, über dem Bett war eine Wäscheleine gespannt. Wider Erwarten war der Mann jedoch stolz auf sein Heim. Er erzählte mir, dass sein früheres Zuhause am Tag der Geburt seines zweiten Sohnes abgebrannt war und er nichts daraus retten konnte.  Anstatt sein Unglück zu beklagen, empfand er Dankbarkeit, dass seine Familie und er selbst überlebt und ein neues Zuhause gefunden haben. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich in dieser Situation alles andere als Dankbarkeit verspürt hätte.

Aristoteles oder lieber nicht?

Bis heute kann ich die Frage, weshalb mir die Kenianer ausgeglichener und glücklicher vorkommen, nicht beantworten. Ebenso wenig, ob Geld glücklich macht. Dank Frau Dr. Zehnpfennig weiß ich, dass Aristoteles uns für unseren Umgang mit Geld verachtet hätte. Aber wollen wir uns wirklich mit Aristoteles messen? Dieser war ein Befürworter der Sklaverei und fällt als Moralapostel somit aus. Die Geldfrage lasse ich also lieber offen. Aber wie steht es mit dem Teilen? Hier kann ich mit Sicherheit sagen, dass es glücklich macht. Während meines Praktikums in Kenia  wuchsen mir die Kinder der Grundschule so sehr ans Herz, dass ich ihnen alles schenkte, was ich besaß: meine Kleidung, meine Kissen und Decken, meine Taschen. Es machte mich glücklich, denn ich hatte mich mit diesen Dingen einfach beladen, während sie für die Kinder Schätze darstellten. Und ich fragte mich, weshalb mich mein Besitz nicht zufriedengestellt hatte. Mehr und mehr realisierte ich, mit welch kleinen Gesten ich diesen Menschen Glück schenken konnte und dass nicht ich die Kinder veränderte, sondern sie mich.

Wachstum als Ursache der sozialen Spaltung

Auf dem Land gibt es in Kenia kaum Beschäftigungsmöglichkeiten: Wer Land besitzt, kann dieses bewirtschaften – falls er die finanziellen Mittel für Werkzeug und Saatgut aufbringen kann. Der Großteil der ländlichen Bevölkerung scheitert an diesem Startkapital und zieht in die großen Städte, um dort eine Anstellung zu finden. Ironischerweise haben sich die großen kenianischen Städte jedoch so sehr westlichen Standards angenähert, dass beinahe ausschließlich Hochschulabsolventen eine Anstellung finden. Die fortschreitende Entwicklung des Landes trägt so wesentlich zur Ausgrenzung der ärmeren Bevölkerung bei. Der Weg der ländlichen Bevölkerung führt daher in den meisten Fällen in die Slums. Dort stehen ihnen dank Aushilfsarbeiten durchschnittlich 30€ im Monat zur Verfügung. Von diesen 30€ müssen 15€ als Mietkosten für die Wellblechhütten, die sie bewohnen, aufgewendet werden. Pro Tag bleiben folglich noch 50 Cent, um die Familie und sich selbst zu ernähren.

Der studentische Verein Children of Mathare e.V. betreut 100 kenianische Grundschüler

Rund 100 Kinder durfte ich 2012 an der Schule im Mathare-Slum kennenlernen. Als ich an die Schule kam, gab es für sie nur einen einzigen Lehrer, der sie ehrenamtlich unterrichtete. Gemeinsam mit dem Direktor stellte ich sechs weitere Lehrkräfte ein. Ich bezahlte sie zu diesem Zeitpunkt mit meinem eigenen Geld. Ich versprach den Lehrkräften, ihnen nach und nach einen fairen Lohn für ihre Arbeit zu bezahlen, denn ich war mir sicher, dass es nicht schwer sein würde, Spendengelder aufzutreiben. Zurück in Deutschland musste ich allerdings feststellen: doch, es ist schwer. Ich hatte die Verantwortung für 100 Kinder übernommen, die begierig darauf waren, zu lernen. Als ich die Kinder unterrichtet hatte, prügelten sie sich darum, wer die Aufgaben an der Tafel lösen durfte. Das hatte ich in meiner Schulzeit nicht gerade getan. Aber von meiner Ausbildung hing ja auch nicht die Zukunft meiner gesamten Familie ab.

Einige meiner Freunde konnte ich mit meinem Tatendrang anstecken und so gründeten wir im November 2012 den gemeinnützigen Verein Children of Mathare e.V. . Von der Uni Passau unterstützten mich fortan Maximilian May, Susanne Kuch, Katharina Külpmann, Maren Sontopski, Sophie Dannecker und Carolin Jungnickel dabei, die Grundschule im zweitgrößten kenianischen Slum zu verwalten.

Die Schule wurde immer größer: Das Wellblechgebäude ersetzten wir durch ein zweistöckiges Holzhaus. Jeder Lehrer erhält mittlerweile 55€ monatlich, was unserem Ziel von 70€ schon sehr nahe kommt. Es gibt einen Schulgarten, einen Wasseranschluss und Mittagessen. Seit letztem Jahr finanzieren wir den erfolgreichen Absolventen unserer Schule den Besuch privater secondary schools. Mittlerweile hat unsere Schule einen solch hohen Standard erreicht, dass die ersten staatlichen secondary schools ihre Bereitschaft erklärt haben, unsere Absolventen zu übernehmen. Ich halte das für einen großen Erfolg, denn ich träume davon, Kinder aus Mathare in die Uni zu begleiten.

Die Sache mit dem Glück

Ich habe sehr intelligente und ehrgeizige Kinder kennengelernt, denen die Chance auf eine erfolgreiche Zukunft nicht verwehrt bleiben sollte. Bildung sollte in keinem Land ein Privileg sein. Und auch wenn ich nicht weiß, ob Geld glücklich macht, bin ich mir sicher: Bildung macht glücklich. Denn Bildung schenkt Zukunft. Bildung kann Entwicklungsländer Schritt für Schritt dorthin bringen, wo wir uns heute befinden. Und was wird aus dem Glück? Was wird aus den Menschen, die mich bei jedem Besuch anstrahlen und Hakuna Matata sagen, wenn ich mir mehr Sorgen über ihre Situation mache als sie selbst? Was wird aus ihrer Begeisterung für die kleinen Wunder? Ich weiß es nicht. Mein größtes Ziel ist mittlerweile ein Wert, der mir erst so wichtig wurde als ich sein Gegenteil erfuhr: Gerechtigkeit. Es ist nicht gerecht, dass ich keine Zukunftsängste verspüren muss, obwohl ich die Hälfte meiner Mathestunden geschwänzt habe, während Menschen keine Zukunft haben, obwohl sie sich prügeln, um Matheaufgaben lösen zu dürfen. Es ist nicht gerecht, dass ich Lebensmittel und Waren zu einem lächerlichen Preis beziehen darf, obwohl ich mehr dafür ausgeben könnte, während die Menschen, die sie produzieren, sie selbst nicht nutzen können. Wir sollten dankbar für den Zufall sein, dass wir in diesem Land geboren wurden. Und dankbar dafür, dass wir es uns leisten können Mathe zu hassen.

Es gibt einige Möglichkeiten, unsere Arbeit zu unterstützen: Wir bieten Praktika an unserer Schule in Kenia an, während denen wir euch betreuen. Wir freuen uns über neue Vereinsmitglieder, die in unserem Team mitarbeiten wollen. Und wir benötigen natürlich finanzielle Mittel, um unsere Arbeit fortsetzen zu können.

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