Inhaftierte, die straffällige Jugendliche sensibilisieren

Schule schwänzen, Drogen, Einbrüche, Diebstähle, Körperverletzung – die Liste mancher Jugendliche ist oft schon lang. Viele von ihnen haben bereits Anzeigen bekommen oder waren schon im Jugendarrest. Die Jugendlichen, bei denen zum Teil sogar Schulsozialarbeiter oder Pädagogen verzweifeln. Wie kann man sie erreichen und ihnen helfen, von ihrer kriminellen Laufbahn loszukommen oder gefährdete Jugendliche vor dem Abrutschen bewahren?

Der Hamburger Verein „Gefangene helfen Jugendlichen e.V.“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, gefährdeten, delinquenten und straffällig gewordenen Jugendlichen mögliche Folgen ihres Handelns und ihrer Taten vor Augen zu führen und am eigenen Leib erfahren zu können.
Denn gegründet wurde er 1996 durch inhaftierte Strafgefangene im Hamburger Hochsicherheitsgefängnis Santa Fu.

Dabei war das Ziel zum Einen, den Inhaftierten während ihrer Haftzeit eine sinnvolle Aufgabe im Bereich der Kriminal- und Gewaltprävention zu bieten. Gleichzeitig war ebenfalls Ziel der Gründung, gefährdete oder straffällige Jugendliche von ihrer Laufbahn abzubringen, indem Strafgefangene ihnen zeigen, was es wirklich bedeutet, im Knast zu sitzen.

Denn das Kernprojekt des Vereins sind die JVA-Projekttage mit Jugendlichen. In Kleingruppen verbringen sie einen Tag hinter Gittern im Knast: lassen Körperuntersuchungen über sich ergehen, essen gemeinsam mit Inhaftierten Mittagessen aus Aluschalen und verbringen eine Viertelstunde Einzelhaft in der Zelle. Eine Viertelstunde hinter einer schweren Eisentür auf acht Quadratmetern. Hinter Gitterstäben und mit nichts weiter als Schreibtisch, Bett, Regal, Schrank – und einer Toilette im Raum.

Im Stuhlkreis stellen sich Gefangene und Jugendliche einanander vor.
Im Stuhlkreis stellen sich Gefangene und Jugendliche einanander vor.

Umstände und Gefühle, die sich die Jugendlichen anders vorgestellt haben. „Wo ist der Fernseher?“, „Warum ist hier keine Dusche?“ oder „Haben Sie hier WLAN?“ – einige von vielen Fragen, die aufkommen und vor allem verdeutlichen: Knast haben sich alle irgendwie cooler vorgestellt.

In Gesprächen mit den ausgewählten Häftlingen bekommen sie ein Gespür dafür, was es wirklich bedeutet, im Knast sitzen zu müssen: keine Privatsphäre, keine Selbstbestimmung, vor allem aber zunehmende Einsamkeit: keinen Kontakt zu den Kindern, Freunde, die den Kontakt abbrechen, Familie, die nicht mehr zu Besuch kommt oder verstirbt.

Insbesondere die Sensibilisierung der Jugendlichen mit den Biografien der Strafgefangenen und der Konfrontation mit dem Knastalltag hinterlässt bei den Jugendlichen einen bleibenden Eindruck. Zeigen sie sich in der Regel vor dem Projekttag noch sehr lässig, werden sie im Laufe des Tages immer stiller und nachdenklicher. „Hier möchte ich nie wieder hin. Denn so schnell wie heute komme ich dann nicht mehr hier raus“, resümierte ein Jugendlicher den Tag in der JVA.

Ein Strafgefangener erklärt dem Jugendlichen mögliche Folgen seiner Taten
Ein Strafgefangener erklärt dem Jugendlichen mögliche Folgen seiner Taten

Dabei leistet der Verein nicht nur einen Beitrag zur Verhinderung der kriminellen Karrieren der Jugendlichen. Gleichzeitig unterstützt er auch die Resozialisierung der Strafgefangenen und ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Sowohl während der Haftzeit und im offenen Vollzug, als auch nach der Entlassung können sich die Strafgefangenen im Verein engagieren und auch an den anderen Projekten des Vereins mitwirken.
Oftmals bietet diese Aufgabe den Inhaftierten nicht nur eine Perspektive, sondern bringt sie auch persönlich weiter: „Während meiner Haft habe ich mich nie wirklich damit befasst, etwas Gutes zu tun. Aber manchmal muss man einfach über seinen eigenen Schatten springen. Heute kann ich mir nichts Schöneres mehr vorstellen und möchte das eigentlich noch einige Jahre weitermachen!“, erklärt der ehrenamtliche Mitarbeiter Manfred, der sich im offenen Vollzug befindet.

Neben den JVA-Projekttagen bietet der Verein außerdem Präventionsunterrrichte für Schulklassen, Anti-Gewalt- sowie Anti-Drogen-Trainings für Jugendliche, aber auch Deeskalationstrainings oder Multiplikatorenveranstaltungen für Pädagogen oder Sozialarbeiter. Das Besondere dabei: die Mitarbeiter, Referenten und Coaches sind ehemalige Strafgefangene und wissen genau, wovon sie sprechen.
Das macht den Erfolg des Vereins aus, denn die Authentizität kommt vor allem bei den Jugendlichen an. Strafgefangenen oder ehemals Inhaftierten gelingt es, was vielen Pädagogen oftmals nicht gelingt – die Jugendlichen zu erreichen, ihnen Erfahrungen, Eindrücke und Gefühle zu vermitteln und sie zum Nachdenken anzuregen.

„Mit unserem einzigartigen Lösungsansatz bei dem ehemalige Häftlinge und aktuell einsitzende Straftäter Kindern und Jugendlichen die Folgen von Straftaten und Gewalt vermitteln, schaffen wir mehr, als dies ’normale‘ pädagogische Ansätze vermögen. Wir erreichen die Jugendlichen auf eine besondere Art und Weise. Wir konfrontieren sie. Wir sensibilisieren sie. Und wir diskutieren mit ihnen auf einer Augenhöhe“, erklärt Volkert Ruhe, Mitbegründer und Geschäftsführer des Vereins „Gefangene helfen Jugendlichen e.V.“.

Volkert Ruhe saß selbst acht Jahre wegen Drogenschmuggels im Gefängnis und weiß, wovon er spricht, wenn er Jugendlichen erklärt, dass Knast nicht cool ist. Ruhes Biografie ist etwas, womit sich viele Jugendliche identifizieren können.
Das zeigen auch die Zahlen: von den insgesamt mehr als 5000 Jugendlichen, die an den Projekttagen teilgenommen haben, sind ein Drittel danach nicht mehr straffällig geworden.

Volkert Ruhe mit teilnehmenden Jugendlichen am JVA-Projekttag
Volkert Ruhe mit teilnehmenden Jugendlichen am JVA-Projekttag

Der seit 2001 eingetragene Verein ist zudem seit 2005 anerkannter Träger der freien Jugendhilfe.

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Mehr Informationen?

Website: http://www.gefangene-helfen-jugendlichen.de/
Facebook: https://www.facebook.com/Gefangene-helfen-Jugendlichen-eV-170685399653587/?fref=ts
YouTube: https://www.youtube.com/channel/UCrOJMZLijMAvptTxKFIxCIA

Wer „Gefangene helfen Jugendlichen e.V.“ ehrenamtlich oder durch Spenden unterstützen möchte, erhält weitere Informationen bei Volkert Ruhe telefonisch unter 040 – 386 14 390 oder per Mail info@gefangene-helfen-jugendlichen.de


Text: Natascha Preuß

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