Jost Kobusch:
5 Fragen — 5 Antworten

Jost Kobusch  (1992 in Bielefeld geboren) ist ein deutscher Bergsteiger und Buchautor. Bei seinen Bergexpeditionen, oftmals unter harten Winterbedingungen, verzichtet der 27-jährige Solo- Bergsteiger nicht nur auf Seilpartner, sondern auch auf künstlichen Sauerstoff. Seit 2020 lebt er im Herzen der Westalpen in Chamonix.


Die Frage, was man nach der Schule vorhat, nervt nicht nur die Abschlussklassen. Mit der Antwort „Irgendetwas mit …….“ zählen einige Schüler schon zu den Entschlossenen. Den eigenen Interessen folgen oder einen sicheren Weg gehen? Wozu würdest Du  jungen Menschen heute raten ?

Ich selbst – wenn ich so zurückdenke – habe mich eher für den sicheren Weg entschieden. Studiere Medizin, dann hast Du all das an Sicherheit, was das System Dir bieten kann. Du bist abgesichert  und ich dachte halt, dass das so sein muss. Also niemand in der Schule hat gesagt : Ja, das ist auch okay, wenn Du es anders machst. Es war irgendwo eher so, das ist Dein Weg und bleib lieber auf diesem Weg sonst wird irgendetwas schief gehen. Ich würde jungen Menschen heute aber raten : Folgt Euren Interessen. Macht das, was Euch Spaß macht. Und wenn man das macht, was einem Spaß macht, dann macht man das auch viel. Und wenn man es viel macht, dann wird man gut darin. Das Ziel sollte ja sein, dass man ganz viel Spaß hat und glücklich ist mit dem, was man tut. Denn alles Geld, was man verdient, nutzt ja nichts, wenn man etwas tut, worauf man keinen Bock hat, um sich dann irgendwie Freizeit zu kaufen.

Durch den Tweet der damals 17-jährigen Schülerin Naina, in dem der Wunsch nach “mehr lebensnahem Unterricht” geäußert wurde und Themen wie z.B. Steuern, Miete und Versicherungen  mit behandelt werden sollten, wird die Diskussion um die Wissensvermittlung an unseren Schulen wieder neu befeuert. Wie ist Deine Meinung zu diesem Thema, bereitet Schule zu wenig auf das Leben vor ?

Schule ist häufig sehr abstrakt. Ich finde: ja, Schule bereitet auf das Leben vor, indem man lernt wie man selber lernen kann. Aber es bietet auch weniger Freiräume, um selbst Strategien zu erlernen, so lernen wir besser. Und die Mathematikaufgaben, die ich gelöst habe, waren oft sehr praxisfern. Ich glaube, ich bin jemand, der unglaublich neugierig ist, und bei vielen Sachen sehr viel mitnimmt und selbst überlegt, wie man das auf das echte Leben anwenden kann. Also ich fände es z.B. cooler, wenn man die ersten Prozentrechnungen einmal an einer Steuererklärung durchrechnet. Das lernt man nirgendwo und es sollen viel mehr übergreifendere Kombinationen möglich sein, die einem wirklich echtes praxisnahes Wissen vermitteln. Schule bereitet nicht so wenig auf das Leben vor aber ich denke, Schule könnte deutlich besser auf das Leben vorbereiten.

Wie bereitest Du Dich psychisch und physisch auf Deine Solo-Bergtouren vor und braucht man gewisse Atemtechniken ab einer gewissen Berghöhe ?

Die psychischen Vorbereitungen auf meine Solo-Bergtouren, die habe ich dadurch, dass ich den Bergen unterwegs bin. All das, was ich mache ist genug psychische Vorbereitung. Physisch ist es so, dass ich 3 x pro Woche Level 1  Ausdauer-Training mache. Also 55 – 75 % der maximalen Herzfrequenz und eher im entspannten Bereich etwas länger unterwegs bin. Und 3 x pro Woche eher im Kraft-Ausdauer-Bereich unterwegs bin. Also Klettern z. B. und falls es mal nicht  gehen sollte, dann geht es halt draußen zum Krafttraining z. B. Klimmzüge oder Liegestütze.

Die Atemtechniken, die erkläre ich am besten so. Jetzt gerade während Du diese Sätze liest, atmest Du rein hypothetisch 100 Moleküle Sauerstoff ein. Auf 5.000 m Höhe atmest Du nur noch 50 Moleküle Sauerstoff ein. Es liegt nicht daran, dass weniger Sauerstoff in der Luft ist. Der prozentuale Gehalt des Sauerstoffs ist genau gleich, nur der Druck ist halt um die Hälfte reduziert. Das bedeutet, dass eine sogenannte Atemsteigerung die effizienteste Anpassung an die Höhe darstellt und eine primäre Anpassung ist, die der Körper vornimmt. Und diese Atemtechniken , die kann man bewusst, also durch eine bewusste aktive Hyperventilation, ein bisschen steigern. Das ist gerade so am Anfang , wenn man das noch nicht so viel gemacht hat, sehr wichtig. Später – also im Zuge Deiner Karriere als Bergsteiger – wird Dir das viel leichter fallen und Du wirst viel leichter in einen unbewussten Zustand hineinkommen, in dem Du aktiv viel mehr atmest. Das Ziel bei jeder  Akklimatisierung, auch für mich  der die Erfahrung hat, ist dass sich das Unterbewusstsein möglichst schnell auf diese erhöhte Atemfrequenz einstellt. Insbesondere wenn Du schläfst, egal was Du tust, dass der Körper nicht runterfährt, sondern das Unterbewusstsein sagt : Okay, mehr atmen mehr atmen…. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich mich irgendwo hinsetze und meditiere oder so.

Als Solo-Bergsteiger hat man nur Verantwortung für sich selbst zu tragen. Ist das auch der Grund für Dich gewesen, sich dafür zu entscheiden?

Ich denke, dass es definitiv einer der Gründe ist, warum ich gerne solo unterwegs bin. Aber dem Ganzen liegt natürlich viel mehr zugrunde. Wenn ich die Verantwortung nur für mich selbst trage, habe ich komplette Entscheidungsfreiheit. Ich habe die absolute Kontrolle, diesen Raum der Anarchie auszufüllen. Und dadurch gelange ich in ein sehr sehr tiefes Flow-Erlebnis, in einen sehr meditativen Zustand und es ist einfach eine besondere Welt, die man betritt, wenn man solo unterwegs ist. Und dadurch, dass man natürlich in einer Umgebung ist, die ein echtes Risiko bedeutet, ist man zwischen Leben und Tod. Man spürt so die Intensität und gleichzeitig spürt man sie nicht. Also ist es für mich auf eine gewisse Art und Weise ein Zustand der Transzendenz. Ich spüre keine Gefühle. Ich nehme alles nur als Fakt an. Es ist wie in einer Zwischenwelt und das ist definitiv ein intensives Erlebnis, an dem ich als Mensch wachsen kann. Zum anderen ist solo schwieriger. Und ich mag es eben immer sehr schwer.

Das Bergsteigen mutiert in meinen Augen schon seit längerer Zeit zum Massenbergsteigen. Wenn zeitweise mehrere hundert Menschen gleichzeitig versuchen den Mount Everest zu besteigen, ist es nicht mehr derselbe Berg, der 1953 von Edmund Hillary und seinem Sherpa Tenzing Norgay bestiegen wurde. Mal ganz abgesehen von den hinterlassenen Müllbergen. Wie kann man dem Einhalt gebieten?

Also ich habe prinzipiell nichts gegen Leute, die mit Sherpas  z. B. den Everest-Gipfel erreichen wollen. Die wollen ja wahrscheinlich die Aussicht genießen, das Erlebnis spüren und und und….

Aber man sollte eine solche Besteigung nicht mit einer sportlichen Leistung verwechseln. Das ist eher Tourismus. Man sucht einfach diesen Ort und man passt die Umgebung an seine Fähigkeiten an. Aber nicht seine Fähigkeiten an die Umgebung !  Wenn das Ganze natürlich dann zu Umweltproblemen führt, dann bin ich eher jemand der sagt : Das ist nicht mehr cool ! Ich halte mich prinzipiell fern von so etwas. Ich denke aber, dass wegen der Massen ein System aufkommen muss. Ich könnte mir vorstellen, dass das Ganze effizienter gelöst werden kann. Wenn man einen Marathon z.B.  in Berlin läuft oder wer weiß wo, dann muss man sich auch selber anmelden, weil dann dort auch viele Leute unterwegs sind und die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist wenn es zu viele Teilnehmer gibt. So ähnlich müsste man das an solchen Bergen auch machen. Das ist an den Bergen eine Art Überfüllungsgeschichte. Die andere Seite ist der ganze Müll, der dort bleibt. Beim Müll ist es gar nicht so einfach. Ich habe einfach das Gefühl, dass viele die Natur nicht so respektieren und dass die Menschen (so wie ich früher auch) sich selbst erhöhen und den Berg wie eine Art Sportgerät betrachten. Aber ich denke, man sollte ganz stark an dieser Einstellung arbeiten, das diese Berge eben kein Trainingsgerät sind. Die Berge sind ein Heiligtum. Ich denke, ein bisschen Demut würde uns allen nicht schaden. Aber all das wird nicht funktionieren, wenn wir es nicht wollen.

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