Kein Abi, na und!?

_FH18157-13x18-hochIn der neuen Reihe „Kein Abi, na und!?“ möchten wir Menschen und ihre Perspektiven auch ohne Abitur vorstellen. Es geht darum zu zeigen, dass man auch ohne Abitur seinen Wunschberuf finden und eine erfolgreiche Karriere hinlegen kann. Dazu befragen wir ehemalige Schüler, heutige Auszubildende, die kein Abitur gemacht haben, aber auch Unternehmer, Personaler, Experten aus unterschiedlichen Bereichen sowie Verbände und Organisationen. Heute spricht wissensschule mit Marcel Seeger, Konditormeister vom Café Seeger sowie WDR-Backexperte bei “Daheim + Unterwegs

Es ist offenbar gerade gesellschaftlicher Konsens, dass man erst Abitur und danach studieren muss, um etwas zu werden. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Dieser scheinbare Konsens scheint mir politisch gewollt, denn er bildet die Realität in der Wirtschaft falsch ab. Eine fundierte Ausbildung in Praxis und Theorie ist für die Gestaltung der eigenen Zukunft von erheblich größerer Bedeutung als ein „ Abschluss mit Durchschnittsnote auf Papier“ mit anschließendem Studium, an dessen Ende der erworbene Abschluss dann in der Wirtschaft nicht zum erhofften Erfolg führt. Ich finde man sollte an seinem Beruf Freude haben und nicht einem Trend hinterherlaufen, der zu viele praktisch begabte Menschen am Ende unzufrieden zurück lässt.

Vielen jungen Menschen ist mit Beendigung der Schulzeit nicht immer klar, was für sie der richtige Ausbildungsberuf ist. Wie haben Sie diese Zeit erlebt und wann stand für Sie fest, was Ihre Profession ist?

In dieser Frage bin ich in meiner Objektivität etwas eingeschränkt, da ich mit dem Geruch von frisch gebackenem aufgewachsen bin. Ein wunderbarer Duft, der mich bis heute nicht mehr losgelassen hat ! Für mich war relativ schnell klar, dass ich nach meinem schulischen Weg diesen kreativen Beruf ergreifen würde um mich zu verwirklichen. Und dies ohne Druck später einmal in die Selbständigkeit gehen zu können. Das dann alles so gekommen ist, wie es heute ist, macht mich im Zusammenhang mit meiner Berufswahl außerordentlich zufrieden.

Die klassischen Handwerksberufe wie Bäcker, Metzger oder Koch sind bei den meisten jungen Menschen nicht gerade besonders sexy. Was sollten Unternehmen und Verbände  Ihres Erachtens nach tun, um diesen Berufsbildern wieder den Stellenwert einzuräumen, die sie verdienen?

Hier sind Unternehmer aufgerufen, unternehmerisch zu handeln und aktiv Werbung für ihr Berufsfeld zu betreiben, vor Ort, in Schulen und Hochschulen und in den Medien. Mir persönlich wären einige hervorragende Persönlichkeiten aus dem jeweiligen Berufsfeld sehr viel lieber als größere träge Verbände und Funktionäre, die am liebsten in blumigen Sonntagsreden von den heroischen Leistungen des Mittelstands schwärmen. Überzeugen kann man am besten immer noch durch Taten !  Motto: Erfahrene Fachleute für zukünftige Fachleute.

Die NRW-Landesregierung setzt sich mit aller Kraft dafür ein, den Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf nachhaltig zu verbessern. “Kein Abschluss ohne Anschluss” – nach diesem Motto führt NRW als erstes Flächenland ein landesweit einheitliches und effizient gestaltetes Übergangssystem ein. Es nimmt alle Schülerinnen und Schüler in den Blick und ermöglicht ihnen einen guten, zielgerichteten Start in Ausbildung oder Studium. Ist dies der richtige Weg, um Schülerinnen und Schülern den Übergang zu erleichtern?

Jede politische Initiative die mit eigenen Fehleinschätzungen aufräumt ist zunächst einmal zu begrüßen. Wahr ist aber auch, dass die Vorbereitung auf das Leben und auch das „berufliche Leben“ im Elternhaus beginnt. Die oft zitierten und manchmal nicht gern gehörten Tugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit und das Engagement für eine Sache können durch keine noch so gut gemeinte Kampagne ersetzt werden. Nur wenn alle Beteiligten gemeinsam in die gleiche Richtung denken und handeln, kann das Ergebnis für die gesamte Wirtschaft und Bildungslandschaft von Erfolg gekrönt sein. Alles andere wird aus meiner Sicht Stückwerk bleiben und die Probleme nur noch vergrößern.

Sie haben bei führenden Confiseuren in der Schweiz und Frankreich gelernt. Wissen und Erfahrungen weiterzugeben, scheint auch Ihnen wichtig zu sein. Sollte diese Erkenntnis nicht auch für andere Sparten bzw. Branchen gelten und sollten hier nicht Experten ihr Know-how und ihre Jahrzehnte langen Erfahrungen an die junge Generation weitergeben?

Ich persönlich begrüße diesen Ansatz nachdrücklich. Es müssen so viele Experten aus der Praxis wie möglich mit jungen Menschen ins Gespräch kommen und von ihren Erfahrungen und ihrer Begeisterung aus ihrem täglichen Tun heraus berichten. Dabei darf man dann auch einmal über das unternehmerische Risiko sprechen.  Nur so können falsche Ängste und Vorstellungen abgebaut werden, und der Blick wird  geweitet für die vielfältigen Entfaltungsmöglichkeiten in der Berufswelt. Begeisterung entfachen kann man nur, wenn man selbst für eine Sache brennt !  Also: Raus in die Welt und das eigene kreative Potenzial erproben und zur Entfaltung bringen. Ein Amerikaner würde sagen „Think big“, ich würde es sagen wie es im Ruhrgebiet üblich war und ist: „Glück auf !“

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