Menschen sprechen zu leise über wichtiges, zu laut über unnötiges, zu viel über andere, zu wenig miteinander, und zu oft ohne nachzudenken.

Kein Abi, na und!? — „Wir wertschätzen, was Du mitbringst.“

3. November 2016

In der Reihe „Kein Abi, na und!?“ möchten wir Menschen und ihre Perspektiven auch ohne Abitur vorstellen. Es geht darum zu zeigen, dass man auch ohne Abitur seinen Wunschberuf finden und eine erfolgreiche Karriere hinlegen kann. Dazu befragen wir ehemalige Schüler, heutige Auszubildende, die kein Abitur gemacht haben, aber auch Unternehmer, Personaler, Experten aus unterschiedlichen Bereichen sowie Verbände und Organisationen. Heute spricht wissensschule mit Andreas Ehlert, Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf.

Der Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf, Andreas Ehlert. | Foto: Heike Herbertz.

Der Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf, Andreas Ehlert. | Foto: Heike Herbertz.

Vielen jungen Menschen ist mit Beendigung der Schulzeit nicht immer klar, was für sie der richtige Ausbildungsberuf ist. Wie haben Sie diese Zeit erlebt und wann stand für Sie fest, was Ihre Profession ist?

Es war keine Frage, dass ich in die Fußstapfen meines Vaters und Großvaters treten wollte. Das Lebensgefühl zuhause war: Es ist ziemlich cool, Schornsteinfeger zu sein. 

Abitur als Allheilmittel des beruflichen Werdegangs? Wenn heute jedermann Abitur machen würde, wäre dies auch nichts Besonderes mehr und der Wert des Abiturs würde sinken. Spinnen wir den Faden weiter und jedermann würde nach dem Abitur studieren, so würde dies zwangsläufig bedeuten, dass ganze Branchen bzw. mittelständische Unternehmen ihre eh schon heute vorhandenen Nachwuchsprobleme nicht mehr in den Griff bekämen. Sterben mit der Forcierung des Abiturstrebens nicht auch ganze Berufsbilder aus?

Dieses Szenario ist leider keine Zukunftsvision. Bereits jetzt wechseln mehr als die Hälfte aller Schüler aufs Gymnasium und jeder zweite Schulabgänger nimmt ein Studium auf. Die Bildungsmaßnahme in NRW „Kein Abschluss ohne Anschluss“, die stark auf Praxisbegegnung mit Ausbildung und Beruf setzt, zeigt, dass die Bildungspolitik im Prinzip verstanden hat. Aber wir brauchen noch mehr, um die Erosion vieler Handwerksberufe aufzuhalten: Verbindlichen Werkkundeunterricht auch an den weiterführenden Schulen vor allem. Denn wie soll jemand das Faszinosum, einer Idee mit seinen eigenen Händen zur Form zu  verhelfen, anders kennenlernen? 

Die klassischen Handwerksberufe wie Bäcker, Maurer, Schornsteinfeger sind bei den meisten jungen Menschen nicht gerade besonders sexy. Was unternimmt Ihre Kammer, um diesen Berufsbildern wieder den Stellenwert einzuräumen, die sie verdienen?

Woher wissen Sie das? Die Düsseldorfer Bäcker etwa haben keine Nachwuchssorgen. Sie sind leidenschaftlich präsent in der Landeshauptstadt – für Ihren Beruf, als Stadtbürger, als kreative Unruheherde. Wir ausbildenden Arbeitgeber erleben jeden Tag in der Praxis, wie ansteckend handwerkliches Können ist. Das zeigt sich auch an der Popularität sogenannter Tutorials in den sozialen Medien, in denen junge Technikkönner demonstrieren, wie es geht. Richtig ist, dass junge Menschen heute viel weniger selbstverständliche Berührung mit Handwerk haben. Das wollen wir ändern, nicht zuletzt mithilfe der laufenden, flächendeckenden Kommunikationsoffensive des Handwerks, die signalisiert: Bei uns kommt´s drauf an, wo Du hinwillst. Wir wertschätzen, was Du mitbringst.

Mich freut, dass wir für diese Botschaft, für dieses Anliegen in Politik und Gesellschaft immer mehr Unterstützer finden. Weil allen klar ist, dass das Handwerk ohne qualifizierte Mitarbeiter und Nachfolger kaum Zukunft hätte. Und weil immer mehr – auch Jugendliche - feststellen, dass sie einem Etikettenschwindel aufsitzen. Dass formal höhere Bildung nicht mehr automatisch heißt: mehr Bildung. Und erst recht nicht: mehr Bildungserfolg. Erst in die Massenuni und dann ins Großraumbüro? Erst mit 29 das erste Geld? Fänd ich mäßig spannend. Die Bildungsrendite im Handwerk ist höher!

Die NRW-Landesregierung setzt sich mit aller Kraft dafür ein, den Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf nachhaltig zu verbessern. "Kein Abschluss ohne Anschluss" – nach diesem Motto führt NRW als erstes Flächenland ein landesweit einheitliches und effizient gestaltetes Übergangssystem ein. Es nimmt alle Schülerinnen und Schüler in den Blick und ermöglicht ihnen einen guten, zielgerichteten Start in Ausbildung oder Studium. Ist dies der richtige Weg, um Schülerinnen und Schülern den Übergang zu erleichtern?

Ein klares: Ja.

Vor nicht allzu langer Zeit erschien ein Artikel in der Zeitung, wo von einer jungen Frau berichtet wurde, die weit über 100 Bewerbungen schreiben musste, um einen Ausbildungsplatz als KFZ-Mechatronikerin zu ergattern. Dies verwundert um so mehr, da doch gerade junge Frauen für die typischen Männerberufe umworben werden sollen. Ist diese Botschaft bei den Handwerksbetrieben noch nicht angekommen?

Ich gehe davon aus, dass diese Erfahrung ein extremer Ausnahmefall war. Wir tun im Gegenteil Einiges, junge Frauen für die ganze Bandbreite an Handwerksberufen zu begeistern. Als Gesellinnen, Meisterinnen, Managerinnen und Unternehmerinnen. Weil das einfach passt. Frauen können Technik. Und Handwerk ist Teamwork in familiärer Umgebung. Dafür werbe ich, und dafür wirbt die gesamte Handwerksorganisation massiv.

Veröffentlicht am 03.11.16

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Wie sagte schon Bacon: „Wissen ist Macht!“
*Francis Bacon, 1561 - 1625, Philosoph & Jurist
 

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