Positionen der GEW zum Pflichtfach Wirtschaft

Autorin Maike Finnern (stellvertretende Landesvorsitzende Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Nordrhein-Westfalen)
Autorin Maike Finnern (stellvertretende Landesvorsitzende Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Nordrhein-Westfalen)

Den Plan der neuen Landesregierung in NRW ein eigenständiges (Pflicht-)fach Wirtschaft in den Stundenplan aufzunehmen, lehnt die GEW ab. Vor vier Jahren hat es im Landtag dazu eine Debatte gegeben, in der deutlich wurde, dass nach den Vorstellungen von Befürworter*innen eines Faches Wirtschaft dieses Fach Folgendes leisten soll: neben der fachlichen Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Themen auch die Vorbereitung auf die Berufswelt, die Begleitung von Betriebspraktika, Umgang mit Geld und  Möglichkeiten/Notwendigkeiten der Altersvorsorge.

Viele dieser Themenbereiche haben bereits einen festen Platz in den Schulen. Für die Vor- und Nachbereitung von Praktika haben die Schulen bereits langjährig erprobte Modelle – sei es in Projektform oder in Kooperation mit dem Fach Politik. Andere Wirtschaftsthemen haben bereits ihren Platz in Lehrplänen einzelner Fächer, wie Politik, Arbeitslehre oder Sozialwissenschaften. Jugendliche benötigen Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge – das steht außer Frage und daher ist es auch gut, dass diese Themen ihren festen Platz in den Lehrplänen haben. Die Frage ist also nicht die des ob, sondern die des wie wirtschaftliche Themen an Schulen in NRW gelehrt und gelernt werden sollen.

Wirtschaft muss aus Sicht der GEW in Zusammenhängen gedacht und thematisiert, ökonomische Fragestellungen im sozialen und politischen Kontext gedacht werden. Aus unserer Sicht ist es unabdingbar, dass ökonomische Bildung sich nicht auf eine Perspektive beschränkt. Es müssen unterschiedliche Aspekte in den Blickwinkel genommen werden, die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise beispielsweise müssen aus makroökonomischer, wirtschaftlicher, sozialpolitischer und historischer Perspektive betrachtet werden. Man kann sich nicht mit ihnen befassen, ohne die Fragen nach der Wirkung für den Arbeitsmarkt, für die Verteilungsgerechtigkeit von Vermögen oder die Auswirkungen auf die EU zu diskutieren.

Um Schüler*innen zu einem eigenen Urteil zu befähigen, ist ein Unterricht erforderlich, der verschiedene Perspektiven und Positionen aufgreift. Dafür braucht es aus unserer Sicht aber gerade kein eigenes Fach Wirtschaft. Im Gegenteil: Eine Isolierung des Faches Wirtschaft von Politik und Gesellschaft verleitet zu einem rein betriebswirtschaftlichen Verständnis, das aber dem Bildungsauftrag in allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I aus Sicht der GEW nicht entspricht. Die Verankerung wirtschaftlicher Themen in entsprechenden Fächern ist eine gute Grundlage für die oben beschriebenen Anforderungen an die Vermittlung wirtschaftlicher Themen in Schule. Der Schluss trügt, dass nur die Themen, die in einem eigenen Fach sich widerspiegeln, entsprechende Relevanz in Schulen hätten. Die Stundentafeln der Schüler*innen sind gut gefüllt – die Einführung eines neuen Faches ginge immer auf Kosten bereits bestehender Fächer. Im Modellversuch Wirtschaft an Realschulen in NRW hat sich gezeigt, dass dies in der Regel Fächer aus dem Bereich der Gesellschaftswissenschaften (bspw. Politik) trifft, denn wer tauscht schon Stunden in Mathe, Deutsch oder Englisch gegen entsprechende Stunden in einem FachWirtschaft. Zudem steht jede Diskussion um die Einführung eines neuen Faches auch in Konkurrenz zu Forderungen nach anderen neuen Fächern wie einem (Pflicht-) fach Informatik oder Gesundheit.

Und diese Liste ließe sich ergänzen. Die Themen, die sich hinter diesen aufgezählten Wunschfächern verbergen, sind unbestritten wichtig und noch viel weniger in den Lehrplänen der Schulen vertreten als wirtschaftliche Themen und eine im Vergleich mit diesen Querschnittsthemen herausragende Bedeutung von Wirtschaft liegt für die Bildungsgewerkschaft nicht vor. Die GEW hält an ökonomischer Bildung als Querschnittsaufgabe von Schule fest und damit an den Integrationsfächern Politik, Arbeitslehre und Sozialwissenschaften.

Download PDF

Leave a reply