Schule in der Hochschule

Um Schulen der Emscher-Lippe-Region aus einer Physikunterrichtslücke zu helfen, bietet die Westfälische Hochschule gemeinsam mit Schulen der Region seit dem Schuljahr 2013/2014 zentral einen Oberstufen-Physik-Grundkurs mit anschließendem Leistungskurs für Schüler der letzten drei Jahre vor dem Schulabschluss an.

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Studienrätin Maren Ruhland von der Gesamtschule Buer-Mitte (hinter dem Messgerät) hat den zentralen Oberstufen-Physik-Schulunterricht an der Westfälischen Hochschule übernommen. Im Pionierjahrgang nehmen daran 17 Schüler und sieben Schülerinnen teil. Zum Unterrichtstart schaute sogar NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (links vorne) vorbei. Foto: WH/BL

Am Anfang stand ein privater Anlass: Der Sohn von Prof. Dr. Michael Brodmann, Vizepräsident für Forschung und Entwicklung an der Westfälischen Hochschule, kam nach Hause und erzählte, dass es an seiner Schule keinen Physik-Kurs für die Oberstufe gebe. Chemie-Leistungskurse auch nicht. Das war vor zwei Jahren und der Vizepräsident war alarmiert. Wenn das nicht nur an der Schule seines Sohnes so ist, sondern vielleicht auch an anderen Schulen in der Emscher-Lippe-Region und im Westmünsterland, so seine Gedankenkette, dann müssen wir uns auch nicht wundern, wenn zu wenige Schulabgänger später Elektrotechnik, Maschinenbau oder ein naturwissenschaftliches Fach an der Westfälischen Hochschule studieren wollen. Sie kennen es ja nicht.

Sein Sohn wechselte erst mal die Schule, dem Vizepräsidenten aber ließ die Frage nach Physik keine Ruhe. Gemeinsam mit den Studienberatern an der Westfälischen Hochschule und seinem Freund Norbert Hohmann, Schulleiter an der Gesamtschule Schermbeck, zog er Bilanz. Und stellte fest, dass die ehemalige Schule seines Sohnes nicht die einzige ohne Physik ist. An so mancher Schule im Emscher-Lippe-Raum und drumrum gibt es in den letzten drei Jahren vor dem Abitur keinen Physik-Unterricht, weil sich zu wenige Interessenten melden und daher keine Klassenstärken für Grund- und Leistungskurse zusammenkommen. Manchmal reicht nicht mal die Kooperation mit Nachbarschulen oder es fehlt der entsprechend ausgebildete Physiklehrer.

Die Westfälische Hochschule will diesem Missstand entgegentreten, um Schülern und Schülerinnen, die sich für ein naturwissenschaftliches oder ingenieurwissenschaftliches Studium interessieren, den Physikunterricht zu ermöglichen, der ihnen sonst für den Studienstart fehlt. Am Hochschulstandort Neidenburger Straße in Gelsenkirchen-Buer gibt es daher seit Beginn des Schuljahres 2013/14 nicht nur Studierende, sondern auch Schüler, die an einem zentralen Physikunterricht teilnehmen. Den Start hat die Hochschule in Zusammenarbeit mit der Gesamtschule Schermbeck (Kreis Wesel) sowie den Gelsenkirchener Gesamtschulen Buer-Mitte und Berger Feld gemacht.

Was logisch klingt, machte verwaltungstechnisch ordentlich Aufwand. Viele Aufsichtsbehörden mussten vorher eingebunden werden: Die Schulleitungen sowieso, aber auch die Bezirksregierungen in Münster (wegen Gelsenkirchen) und Düsseldorf (wegen Kreis Wesel) und am oberen Ende der Aufsichtsbehörden auch das Schulministerium und das Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. „Ohne das persönliche Engagement der Schulministerin Sylvia Löhrmann und der Münsterschen Regierungsvizepräsidentin Dorothee Feller hätten wir es nicht geschafft“, so Brodmann.

Das Programm ist auf die drei Jahre vor dem Abitur ausgelegt. Es beginnt mit einem Grundkurs, dem sich zwei Jahre Physik-Leistungskurs anschließen. Der zentrale Physikgrundkurs während des Einführungsjahres ist für diejenigen Schüler und Schülerinnen wichtig, an deren Schule gar kein Physik-Oberstufenunterricht angeboten wird. Wer sich am Ende des Einführungsjahres nicht für den zentralen Physik-Leistungskurs an der Hochschule entscheidet, wechselt an seine Schule zurück oder nutzt eine Einzelkooperation seiner Schule mit einer anderen Schule, um die gewünschten Grundkurse weiter zu belegen. Nach einer dreijähriger Anfangsphase bietet das Projekt an der Hochschule dann jeweils einen Grundkurs für das Einführungsjahr und zwei Leistungskurse für die letzten zwei Jahre vor dem Schulabschluss an. Zu der Leistungskursphase könnten auch Schüler von anderen Schulen hinzustoßen.

Als Lehrerin des Pionierjahrgangs steht Studienrätin Maren Ruhland von der Gesamtschule Buer-Mitte bereit, die für den Schulunterricht an der Hochschule von ihrer Schule freigestellt wird. Schon jetzt hat die Gesamtschule Gelsenkirchen-Horst ihr Mitmachinteresse angemeldet. 2015 könnte vielleicht die Gesamtschule Gelsenkirchen-Ückendorf die Riege der Kooperationsschulen erweitern. Für die Zukunft muss das Lehrerteam daher wachsen, da sind sich Professor Brodmann, Lehrerin Ruhland und auch Schulleiter Hohmann einig: Im kontinuierlichen Dreijahres-Programm-Betrieb reicht eine einzelne Lehrkraft nicht: wegen der Stundenbelastung, wegen der aufwendigen Organisationsarbeit mit mehreren beteiligten Schulen, aber auch wegen möglicher Vertretungsfälle. Darum stellt Norbert Hohmann eine weitere Lehrerstelle für den Modellversuch zur Verfügung und sucht zurzeit nach einer geeigneten Lehrkraft.

Das Programm wird im Moment ausschließlich von Gesamtschulen genutzt, steht aber auch G8-Gymnasien offen. Dann sind die Schüler der letzten drei Jahre nur einfach ein Lebensjahr jünger als die Schüler von den Gesamtschulen. Das Programm aber ist das gleiche. Zurzeit steht jedoch noch die Stabilisierung des Angefangenen im Vordergrund der Arbeit.

Die Schüler und Schülerinnen aus Gelsenkirchen kommen mit Bus, Fahrrad oder zu Fuß, die Schermbecker Schüler pendeln per Bus-Transfer. Die Fahrt zur Hochschule lohnt aber nicht nur für den Unterricht, den sie sonst nicht bekämen. Sie lohnt auch wegen der Zusatzangebote der Hochschule: Während ihrer drei Schuljahre an der Hochschule können sich die Physik-Schüler und –Schülerinnen ganz in Ruhe und entspannt in den für sie in Frage kommenden Studiengängen umsehen, sich Labore anschauen, mit denen sprechen, die sich schon für Elektrotechnik oder physikalische Technik oder Maschinenbau oder einen anderen technisch-naturwissenschaftlichen Studiengang entschieden haben. Und für ihre Schulexperimente stehen ihnen die Hochschullabore offen. Außerdem sind diese Schüler und Schülerinnen mit der Nase ganz nah dabei, wenn es darum geht, einen Studienplatz mit begleitender betrieblicher Ausbildung zu bekommen.

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