Wissensbilanz für eine Volksschule

Der Grundsatz, auf dem die Diplomarbeit aufbaut, lautet: “Geht‘s der Schule gut, geht‘s den Schülern gut”

Dieser Satz mag lt. der Kandidatin Karina Forsich sich für Außenstehende naiv anhören, doch er beschreibt aus ihrer Sicht täglich erlebter Praxis die Realität der Schule.

Die Frage, der sie sich mit ihrer empirisch verifizierenden Arbeit gestellt hat, lautet: Was kann eine Schule motivierten und neugierigen Schülern in ihrer Weiterentwicklung bieten, wenn die Voraussetzungen, die die Schule bis dato bietet, mangelhaft sind bzw. in einigen Punkten völlig fehlen? Damit sind adressiert: vor allem qualifiziertes, kooperierendes und motiviertes Lehrpersonal, die Räumlichkeiten, die Ausstattung, die Schulorganisation sowie die Unterstützung / das Interesse seitens der Eltern — alles Punkte, die sich in diesem Projekt unter methodischer Anwendung eines für Wissenschaftsorganisationen geschaffenen Wissensbilanzierungsverfahrens ansprechen lassen und realiter angesprochen und untersucht wurden.

Diese Leitfrage liefert zugleich die Begründung, warum es Sinn macht,  in einem initialen Schritt erst einmal den Status Quo einer Schule mit Hilfe einer wissensbilanziellen Analyse unter Einbeziehung vieler Stakeholder, insbesondere Angehörige des Lehrkörpers, zu erheben. Bei der Anwendung des Wissensbilanz-Verfahrens erfährt man nämlich mehr und vollständiger als mit bisherigen Methoden, was in der Schule bereits eingerichtet ist und funktioniert und was nicht und was deshalb noch benötigt wird und was zu verändern ist, um insgesamt mehr spürbare Qualität bieten zu können.

Wie jede Organisation, die Verantwortung für die Bildung junger Menschen und deren Weckung zur Lust am Lernen hat, sollte sich jederart Schule als Ganzes eigene Gedanken machen, was sie anbieten und in welche Richtung sie sich weiterentwickeln möchte, beginnend mit der Frage: Was sind unsere Zukunftsvorstellungen und Ziele? Und: Wodurch wollen wir uns unterscheiden? Dass jede Schule über eigene typische und spezielle Kompetenzen und damit Unterscheidungsmerkmale verfügt, ist bekannt, doch ist dies auch den Lehrern / Eltern / Schülern so bewusst, dass sie darin einen Vorteil sehen und erhalten ?

Erst eine mehrdimensionale und umfassende Analyse des Profils, insbesondere in den geschöpften und noch ungeschöpften Kompetenzen, macht es möglich, Verbesserungs-potentiale am spezifischen Schulstandort zu erkennen und zu heben, was letztendlich eine effektive und spürbare Qualitätsverbesserung des „Lebensraums Schule“ zum Ziel hat. Mit der interaktiven und partizipativen Erstellung und Durchführung einer Wissensbilanz werden genau diese Aspekte analysiert, d.h. mittels sowohl qualitativen wie auch quantitativ erhobenen Indikatoren messbar und damit „anfassbar“ und veränderbar gemacht.

Welche Folgen hatte die akademische Abschlussarbeit von Karina Forsich für die Schule, in der die Wissensbilanz konkret angewandt wurde?

1. Auswirkungen für LehrerInnen

Durch den Prozess zur Erstellung der Wissensbilanz wurde in der gegenständlichen Schule eine Welle von überfälligen, bisher nicht geführten Diskussionen ausgelöst. Es wurden neben den Fragen nach Vision, Strategie und Differenzierung prinzipielle und „verdrängte“ Fragen besprochen wie z.B.:

•   Was bieten wir jetzt? Ist das genug oder zu viel?
•   Was wollen wir eigentlich und substantiell bieten? Sind wir am richtigen Weg? Haben wir alles
Nötige hierfür im Haus?
•   Was wollen wir in weiterer Zukunft bieten? Werden wir dann am richtigen Weg sein? Müssen
bestimmte Ressourcen neu verteilt oder angeschafft, muss die Organisation verändert werden?

Die LehrerInnen setzten sich über den Zugang mittels dieser Fragen zum ersten Mal mit der Thematik „Schule als Organisation“ auseinander und begannen, größere Zusammenhänge in den täglichen Abläufen i.S. von Ursachen-Wirkungsbeziehungen zu erkennen.

Des weiteren wurde erkannt und offen angemeldet: Es fehlt an einer Reihe von Lehrmitteln in den Unterrichten, was zur Konsequenz hat, dass den Schülern Verständnis und Anschauung für bestimmte Sachverhalte nicht vermittelt werden können. Auch wurde erstmals verstan-den, dass eine bessere Kooperation untereinander, sowie dass klare Strukturen und allgemein verbindliche Regeln (z.B. einheitliche Dokumente z.B. für Vorbereitungen, Förderpläne, etc.) die Arbeitsweisen und damit den Schulalltag erheblich und merklich verbessern können.

In Konsequenz wurden sogar freiwillig „Teamverträge“ ausgearbeitet, um ein besseres Miteinander zu veranlassen. In diesen untereinander ausgehandelten „Verträgen“ ist z.B. geregelt, wer für was zuständig ist. Vorher war häufig die auch öffentlich immer wieder vernommene Klage zu hören, dass manche zu viel und andere gar nichts tun.

2.  Auswirkungen für SchülerInnen

Die SchülerInnen profitierten spürbar dadurch, dass sie mit den greifenden Verbesserungs-maßnahmen von motivierteren LehrerInnen unterrichtet werden und damit „zwangsläufig“ einen qualitativ hochwertigeren Unterricht erhalten. Vor allem durch die bessere Nutzung von bestehendem sowie von neu gekauftem Material  (Anschauungs-, Lehr- und Lernmittel) lässt sich nun der Unterricht kindgemäßer und lustbetonter weil anschaulicher als früher gestalten.

Weitere Effekte in praxi sind:

•  Die gesteigerte Kooperation zwischen LehrerInnen führt dazu, dass abwechslungsreichere
Unterrichtsmethoden (z.B. klassenübergreifender Unterricht, Austausch von Lernspielen,…)
aufgegriffen und nachhaltig eingesetzt wurden.
•  Durch das Bekanntmachen aktueller und als passend erkannter Fortbildungsangebote wurde
transparent gemacht, welche Fortbildungsbereiche bei den LehrerInnen bisher vernachlässigt waren
und in Folge deren Kompetenzen nicht für den Unterricht produktiv eingesetzt werden konnten. Ein
Beispiel ist der Legasthenieförderkurs: ein solcher Kurs ohne qualifiziertes Lehrpersonal wie bis dato
abgehalten ist ineffizient bis völlig nutzlos.

3.  Auswirkungen hinsichtlich der Eltern

Eltern wurden von den LehrerInnen immer schon eingeladen sich fallweise aktiv am Unterrichtsgeschehen (z.B. bei Freiarbeitsphasen, Begleitung bei Lehrausgängen) zu beteiligen und sich dabei ein Gesamtbild über die Schule und deren Alltag zu verschaffen. Die Lehrerschaft war schon immer und ist weiterhin ständig bemüht, die gute Kooperation mit den Eltern zu pflegen. Durch die Wissensbilanz wurde jedoch erstmals in systematischer Darstellung sichtbar, wie viel Einsatz von Seiten der Schule dafür tatsächlich aufgebracht wurde und wie viel dafür weiterhin aufzubringen sein wird, um das Elternengagement aufrecht zu erhalten. (Status Quo Abfrage: Telefonate, Elterngespräche, Elternbriefe,…).

4. Auszeichnung für die Schule selbst

Im Schuljahr 2008/09 wurde die wissensbilanzierte Schule einer sog. „Fokussierten Teaminspektion“ unterzogen. Das bedeutete, dass schulfremde BezirksschulinspektorInnen die Schule nach bestimmten Kriterien prüften. Das Ergebnis war ein Urteil das besagt: Ausgezeichnete, vorzeigbare Schule; für internationale Kooperationen bestens geeignet.

Basis, um zu einem so positiven Ergebnis gelangen zu können, war fraglos die Erstellung und Durchführung der Wissensbilanz, da dadurch alle Daten und Indikatoren und deren Zusammenhänge für die Inspektion zur Verfügung standen und auf einen Blick sichtbar machten, welche Verbesserungsvorschläge schon unmittelbar ausgeschöpft wurden (z.B. Teamverträge, einheitliche Dokumentenaufbereitungen) bzw. noch auszuschöpfen sein werden. Diese Vorleistungen stellten, weil die entsprechenden Daten systematisch erhoben vorlagen, eine ausgezeichnete Grundlage für die Untersuchungen der InspekteurInnen dar.

5. Bezug zu den Prinzipien kindgemäßer Pädagogik

Die Kandidatin hat mit Ihrer Arbeit, die sie sowohl praktisch wie auch theoretisch mit außergewöhnlichem Einsatz und unter Aktivierung ihrer KollegInnen erfolgreich durchführte, auffallend positive Effekte sowohl im Bewusstsein, wie auch in der praktischen Arbeit erzielt, die ihre Ursachen weniger in neuer Lehrmethodik als vielmehr in der Schaffung optimaler Bedingungen und Veränderungen haben. Sie hat damit vor allem die Punkte „Förderliche Schulgemeinschaft“ mit „messbaren“ Auswirkungen in den Kategorien „Soziales Lernen als Weg und Ziel“ und in puncto „Orientierung an den Bedürfnissen der Kinder“ befördert.

Sie finden die komplette Diplomarbeit hier als [PDF]

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