5 Fragen – 5 Antworten: mit Prof. Paula Bleckmann

BleckmannIn unserer Rubrik “SCHULE_DIGITAL” wollen wir Wissensvermittler zu unterschiedlichen Themen im Bereich „Digitale Bildung“  zu Wort kommen lassen und um ihre Meinung fragen. Im Laufe des Jahres möchten wir ein kontinuierlich wachsendes Angebot an redaktionellen Beiträgen zum Thema „Digitales Lernen“ bzw. wie „Wie Digitalisierung den Unterricht verändert“ schaffen. Heute tauscht sich wissensschule.de mit Professorin Paula Bleckmann aus. Sie ist promovierte Medienpädagogin und habilitierte Gesundheitspädagogin und unterrichtet an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn.

Der Einsatz digitaler Medien an und in Schulen wird kontrovers diskutiert. Regelmäßig lesen und hören wir, dass die digitalen Medien das Lernen und Lehren massiv verändern werden. Untersuchungen gehen aber auch davon aus, dass die Medien das Lehren und Lernen nicht a priori verändern werden. Müssen wir nicht eher zu folgender Erkenntnis kommen: Nicht die Technik wird die Bildung verändern, es sind vielmehr die Menschen, die mit Hilfe von Technik die Bildung verändern können, um eine andere Lernkultur zu etablieren?

Die Debatte um den Einsatz digitaler Medien orientiert sich in meinen Augen zu wenig an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern und zu sehr an den Vermarktungsinteressen von Großkonzernen. Und vor allem: Sie ist von einem gefährlichen Technikdeterminismus geprägt: „Die Digitalisierung kommt. Wir müssen reagieren“. Nur re-agieren? Als wäre „die Digitalisierung“ eine anonyme Macht, die nicht mehr demokratisch steuerbar ist.  Die Medien sollten aber dem Menschen dienen, und nicht umgekehrt. Dafür brauchen wir auch in Zukunft kritisch denkende, beziehungs- und konfliktfähige, gestaltungswillige junge Menschen. Diese Fähigkeiten erwerben Menschen nicht am PC, sondern von anderen Menschen. Der kompetente Umgang mit digitalen Medien ist nur das Tüpfelchen auf dem I. Ohne das „I“ macht aber auch das Tüpfelchen keinen Sinn.

Ihre Frage zielte aber darauf ab, ob der Einsatz digitaler Medien positive Veränderungen für die Lernkultur mit sich bringen kann. Die Antwort lautet: Ja, und zwar umso mehr, je gezielter sie dort und nur dort eingesetzt werden, wo die Chancen-Risiken-Balance eindeutig und auch langfristig positiv ist. Genau dafür fehlen aber bisher valide empirische Daten. Aus dem bisherigen Forschungsstand lassen sich nur vorläufige Empfehlungen ableiten, für welche Bereiche Lernen mit digitalen Medien Sinn macht:  Für Jugendliche und Erwachsene statt für KiTa- oder Grundschule-Kinder, fürs Produzieren statt Konsumieren (Filme drehen und Programmieren lernen statt Videos gucken und Vokabel-Apps nutzen), für die passenden Lernziele (Wirtschafts-Planspiele und Tiefseefisch-Videos statt Rolle rückwärts und plastisches Gestalten), begleitet von einem gut ausgebildeten Lehrer statt als Ersatz für den Lehrer.

Auch in Deutschland tendieren Nutzer von Mobiltelefonen zu nomophobem Verhalten. Schon für die 12- bis 13-Jährigen gehört demnach ein Smartphone zur Standardausstattung. Ersetzt das Smartphone zunehmend unser Gedächtnis und sind nicht gerade heranwachsende Kinder angewiesen auf kognitiven Tätigkeiten, um eine normale Hirnentwicklung zu erfahren?

Tatsächlich wird bei Fortsetzung des aktuellen Trends 2018 die Hälfte der Kinder bereits zum Ende des Grundschulalters im Besitz eines eigenen Smartphones sein. Für Schulen sind dabei zwei Effekte bedenklich: Der „Gedächtnisschwäche-Effekt“, also die Tatsache, dass vom Gelernten weniger im Gedächtnis bleibt, wenn wir sekundenschnellen Zugriff auf Nachschlagewerke erwarten dürfen.[1] Und der „Ablenkungs-Effekt“, also die Unterbrechungen im Lernprozess durch digitale Medien. Im Schnitt blickt ein Jugendlicher in Deutschland während der Wachzeit alle sieben Minuten aufs Smartphone –und ein Teil der Zugriffe erfolgt während der Unterrichtszeit. Die britischen Wissenschaftler Beland und Murphy vermuteten, dass Schülerleistungen hierdurch beeinträchtigt werden: Und tatsächlich waren die Leistungen in Schulen ohne effektiv umgesetzte Smartphoneverbote signifikant schlechter. Die Unterschiede bei den leistungsstarken Schülern waren dabei interessanterweise sehr gering, bei den schwächeren Schülern war der „Ablenkungs-Effekt“viel deutlicher. Die Forscher empfehlen daher Smartphoneverbote an Schulen als kostengünstige Methode zur Reduktion von Bildungsungleichheit.[2] Mit unserem Präventionsprogramm „ECHT DABEI –gesund großwerden im digitalen Zeitalter“(www.echt-dabei.de) gehen wir einen konsequenten Schritt weiter: An KiTas und Grundschulen geben wir durch Fortbildungen, Elternabende und Kindertheater Rat und Unterstützung, damit auch im Elternhaus die digitale Reizüberflutung verringert werden kann, die besonders in sogenannten bildungsfernen Schichten verbreitet ist und den Bildungserfolg gefährdet.

Bislang konnte keine seriöse Studie belegen, dass Kinder alleine durch Mediennutzung “dick, dumm oder gewalttätig” werden. Voraussetzung für positive Medienerlebnisse ist, dass Medien hinsichtlich Inhalt, Format und Dauer dem Alter angemessen gebraucht werden. Würden Sie dem beipflichten und was bedeutet für Sie “dem Alter angemessen”?

Die  Frage, welches Medium ab welchem Alter zum Einsatz kommen sollte, haben wir in einer Expertenumfrage gestellt[3]. Was die Reihenfolge angeht, so waren sich die Experten einig: Zuerst Printmedien, dann Hörmedien, dann erst Bildschirmmedien, zuletzt digitale Medien mit Internetanbindung. Auch in Bezug auf die empfohlene Dauer waren die Übereinstimmungen groß: In  jeder Altersgruppe lag die empfohlene maximale Bildschirmzeit bei etwa der Hälfte der Zeit, die Kinder im Schnitt tatsächlich am Bildschirm verbringen. Im Klartext lautet also die Empfehlung: Bildschirmzeiten halbieren!

In Bezug auf das empfohlene Einstiegsalter für eine pädagogisch sinnvolle Nutzung dagegen waren die Experten alles andere als einig: PC-Nutzung ab viereinhalb Jahren, so die Empfehlung der „Medienexperten“, also Medienpädagogen, Mediendesigner und Kommunikationswissenschaftler. Dagegen empfahlen „Kinderexperten“ und „Suchtexperten“ den PC-Einstieg ab neuneinhalb Jahren. In diesen Gruppen waren Kinderärzte, Entwicklungspsychologen, Bildungsforscher, Präventionsforscher, Suchtfachleute, Public Health Experten und andere vertreten. Ich persönlich gehe mit den Empfehlungen der „späten“ Gruppe mit. Denn auch wenn Bildschirmmedien-Nutzung von Kindern sicherlich nicht die alleinige Ursache von Übergewicht, Schlafmangel, Kurzsichtigkeit, Sprachentwicklungsverzögerungen, Empathieverlust und Konzentrationsschwierigkeiten ist, belegen Studien, dass innerhalb der multifaktoriellen Wirkmodelle die Bildschirmmediennutzung als eigenständiger Faktor auch bei Berücksichtigung der anderen Einflüsse zusätzlich schadet. Zum Vergleich: Wer raucht, bekommt nicht automatisch Lungenkrebs. Das Rauchen ist nur einer unter Dutzenden anderer nachgewiesener Risikofaktoren. Je komplexer die multifaktoriellen Wirkmodelle, desto länger kommen Industrievertreter, wie eben z.B. die Tabakindustrie mit der „Nebelwerfertaktik“ durch, indem sie Komplexität mit Wirkungslosigkeit gleichsetzten[4].

Gemäß einer repräsentativen Umfrage der BITKOM aus dem Jahr 2016, wünschen sich Eltern eine digitale Schule für ihre Kinder. Die Umfrage zeigt darüber hinaus aber auch, dass sich Eltern selbst eine Verbesserung der eigenen digitalen Kompetenz wünschen. Wozu würden Sie Eltern raten?

Die Fragestellung bestimmt das Ergebnis. Wie sollten Eltern auf eine extrem lenkende Fragestellung, welche die BITKOM als Interessenverband der Digital-Industrie formuliert hat, auch anders antworten? Sinngemäß wird da gefragt: „Die Digitalisierung kommt. Wünschen Sie sich eine digitale Schule, damit Ihre Kinder hierauf gut vorbereitet sind?“ Und die Antwort: Na klar!

Ich selbst stelle auf Veranstaltungen mit Eltern und mit Lehrkräften regelmäßig differenziertere Fragen:  Wünschen Sie sich, dass Bildungseinrichtungen beide Ziele verwirklichen, nämlich Medienkompetenzförderung und Medien(sucht)prävention? Wünschen Sie sich, dass ihre Kinder vor Digital-Risiken geschützt und langfristig zur Nutzung von Digital-Chancen befähigt werden? Wünschen Sie sich, dass digitale Medien in der Schule und im Elternhaus dort und genau dort zum Einsatz kommen, wo sie diesen Zielen dienen?  Unser gerade erschienenes Buch „Heute mal bildschirmfrei – Das Alternativprogramm für ein entspanntes Familienleben“ ist meine Leseempfehlung für alle Eltern, die diese Fragen mit „Ja! Aber wie soll das denn gehen?“ beantwortet haben.

Zusätzlich könnten PC-Kurse für Eltern und pädagogische Fachkräfte tatsächlich helfen. Selbstbewusste, technikversierte Erwachsene können für die ihnen anvertrauten Kinder begründet NEIN zum Medieneinsatz sagen, und fähig JA.  Sie sind somit der beste Schutz vor einer frühen digitalen Reizüberflutung, und zugleich Anleiter einer späteren sinnvollen Nutzung. Ein extremes Beispiel sind dabei die drei Tech-Milliardäre Jeff Bezos, Bill Gates und Steve Jobs: Sie sorgten dafür, dass ihre Kinder frühestens mit 14 Jahren eigene Mediengeräte zur Verfügung hatten.

Je mehr man sich mit dem Thema digitales Lernen bzw. digitale Bildung befasst, desto mehr wird man auch verunsichert. Die einen propagieren digitale Bildung bereits im Kindergarten, die anderen warnen vor den Folgen zu frühen Medienkonsums. Wenn Sie 5 Thesen dazu aufstellen könnten, wie würden diese lauten?

Wenn das umgesetzt wird, was ich scherzhaft das PDHD-Syndrom („Premature Digitalization Hype Disorder“, zu Deutsch „Frühdigitalisierungs-Hype-Störung“ oder auch „Digital-KiTa-Hype“) der Bildungspolitik nenne, wird es zu langfristig negativen Auswirkungen in drei Bereichen kommen:

  1. Die Bildungsschere klafft weiter auf.
  2. Der Fachkräftemangel in der IT-Branche verschärft sich.
  3. Gesundheitsrisiken der Digitalisierung, allen voran „digitale Süchte“, nehmen zu.

Für eine nachhaltige digitale Bildungspolitik brauchen wir:

  1. Finanzierung unabhängiger Begleitforschung zum Einsatz digitaler Medien in Bildungseinrichtungen mit alternative-treatment Kontrollgruppen in der guten Tradition der Technikfolgenabschätzung (langfristige Chancen-Risiken-Bewertung)[5]
  2. „Medienwirkungsforschung“,„Digital-Risiken“, „Prävention problematischer Bildschirmmediennutzung“als verpflichtende Studieninhalte in allen pädagogischen Studiengängen, und zwar zusätzlich zu der allerorten geforderten Vermittlung digitaler Kompetenzen[6]

[1] Sparrow, Betsy; Liu, Jenny; Wegner, Daniel M. (2011): Googleeffectsonmemory: cognitive consequences of having informationat our fingertips. In: Science (New York, N.Y.) 333 (6043), S. 776-778. DOI: 10.1126/science.1207745.

[2] Beland, Louis-Philippe; Murphy, Richard (2016): Ill Communication. Technology, distraction & student performance. In: Labour Economics 41, S. 61–76. DOI: 10.1016/j.labeco.2016.04.004.

[3] Bitzer, E. M.; Bleckmann, P.; Mößle, T. (2014): Prävention problematischer und suchtartiger Bildschirmmediennutzung Eine deutschlandweite Befragung von Praxiseinrichtungen und Experten. KFN-Forschungsbericht 125. Niedersachsen, Kriminologisches Forschungsinstitut. Hannover.

[4] Bleckmann, Paula; Leipner, Ingo (2018): Heute mal bildschirmfrei. Das Alternativprogramm für ein ein entspanntes Familienleben. München: Droemer.

[5] http://www.vdw-ev.de/prof-dr-paula-bleckmann-macht-digitalisierung-krank/

[6] z.B.  http://www.dgfe.de/fileadmin/OrdnerRedakteure/Sektionen/Sek12_MedPaed/Orientierungsrahmen_Sektion_Medienpaed_final.pdf

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