5 Fragen — 5 Antworten Mit Stephanie zu Guttenberg

Foto: BG3000

Stephanie zu Guttenberg (1976 in München geboren) ist eine deutsche Protagonistin, die sich von 2004 bis 2013 gegen Kindesmissbrauch und insbesondere gegen die Verbreitung von Kinderpornografie durch die Neuen Medien engagierte. Im Jahr 2010 veröffentlichte sie zusammen mit Anne-Ev Ustorf das Buch “Schaut nicht weg! Was wir gegen sexuellen Missbrauch tun müssen“. Seit letztem Jahr ist sie Mitgesellschafterin und Botschafterin  der digitalen Bildungsinitiative BG3000, die ihre “Smart Camps” vor allem in Schulen anbietet, um jungen Menschen digitale Bildung zu vermitteln.

wissensschule tauschte sich mit ihr über den Digitalpakt Schule sowie den Einsatz von Technik als Mittel zum Zweck eines zielgerichteten digitalen Unterrichts aus.

Die Frage, was man nach dem Abitur vorhat, nervt nicht nur die Abschlussklassen. Mit der Antwort „Irgendetwas mit …….“ zählen einige Schüler schon zu den Entschlossenen. Direkt ins Studium, eine Ausbildung machen oder im Ausland erste Erfahrungen sammeln? Den eigenen Interessen folgen oder einen sicheren Weg gehen? Wozu würden Sie jungen Menschen raten?

Ich würde wohl als erstes etwas zur allgemeinen Beruhigung sagen. Denn die allermeisten Jugendlichen, bis auf wenige Ausnahmen, haben de facto keine Ahnung davon, was sie direkt nach dem Abitur machen wollen. Mit anderen Worten: Ihr seid nicht alleine. Es geht den meisten anderen auch so. Bei mir war es nicht anders. Wenn man sich also, wie viele andere, unsicher ist und noch nicht den genauen Ausbildungsweg weiß, eignet sich die Zeit nach dem Abitur hervorragend um einige Dinge auszutesten. Gibt es besondere Interessen, denen man immer nachgehen wollte? Hat man immer schon einmal bei einem humanitären Projekt, vielleicht sogar im Ausland, arbeiten wollen? Möchte ich eine Sprache verbessern und vertiefen und dafür ins Ausland gehen? Wenn ich mir vorstellen könnte später in einer Bank zu arbeiten, dann bietet sich ein Praktikum in einer solchen an. Oder bei einem Start-Up? Oder einem Handwerksbetrieb? Manches Mal kommt man auch durch ein sogenanntes Ausschlussverfahren darauf, was man eigentlich machen möchte. Die Erfahrung „das habe ich mir vollkommen anders vorgestellt und das möchte ich nicht in Zukunft arbeiten“ ist auch eine ungemein wertvolle Erfahrung. Für manch einen mag auch eine Lehre ein super Start sein oder ein Jahr arbeiten und Geld verdienen. Für das Studium oder eine Reise? Nie wieder hat man so gut die Möglichkeit Dinge auszutesten und Erfahrungen zu sammeln. Manchmal sind bei Vorstellungsgesprächen die Erfahrungen, die man vor dem Studium gemacht hat, ausschlaggebend, ob man einen Job bekommt oder nicht. Weil es eine Person interessant macht und man Dinge erfahren konnte, die man im Studium so nie lernen würde. Beruflicher Erfolg ist nicht in Stein gemeißelt. Es gibt keine Blaupause. Einer der wichtigsten Ratschläge, den ich jedem geben würde: Man muss begeistert sein von dem, was man tut, denn sonst gibt es viele, die besser sind als man selbst.

Durch den Tweet der damals 17-jährigen Schülerin Naina, in dem der Wunsch nach “mehr lebensnahem Unterricht” geäußert wurde und Themen wie z.B. Steuern, Miete und Versicherungen mit behandelt werden sollten, wird die Diskussion um die Wissensvermittlung an unseren Schulen wieder neu befeuert. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema, bereitet Schule zu wenig auf das Leben vor?

Neulich las ich einen Artikel über eine Schule, die eigenständig Hauswirtschaftskunde in den Stundenplan integriert hat. Dort lernen alle Schüler zunächst auf freiwilliger Basis bügeln, putzen, waschen und kochen.  Der Kurs ist mittlerweile so beliebt, dass die Schule ihn weiter ausbauen musste. Der Erfolg eines solchen Kurses spricht dafür, dass es sehr wohl eine Nachfrage nach mehr „lebensnahem Unterricht“ gibt. Mit unseren Smart Camps arbeiten wir aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus praxisorientiert. Unsere Trainer kommen direkt aus der Arbeitswelt und helfen nicht nur Inhalte zu vermitteln, sondern setzen mit den Schülerinnen und Schülern ganz konkrete digitale Projekte um. Medien-Kampagnen, Musik-Produktionen, Blogs, Youtube-Videos, Twitter-Use sind nur einige wenige Beispiele. Wenn unsere Youtuber und Influencer in den Workshops aus dem Nähkästchen plaudern, sind die Schülerinnen und Schüler total begeistert. Es interessiert sie einfach brennend, wie unsere Trainer es geschafft haben, in ihrem Bereich ein Business zu starten und Geld zu verdienen. Für die Schule sind die Jugendlichen nach den Smart Camp-Workshops umso motivierter. Denn: Eine gute Schulbildung und viel Disziplin braucht man auch als Social Media-Star. Dies veranschaulichen unsere Trainer sehr glaubhaft am eigenen Beispiel. Die Vermittlung von anwendbarer Cyber-Safety und Security kommt ebenfalls aus dem sehr praxisnahen Bereich. Denn obwohl wir alle täglich im Internet unterwegs sind, ist es immer wieder schockierend, wie wenig Knowhow rund um die Sicherheit im Netz die Digital Natives im Durchschnitt mitbringen. Auch hier liefert uns der durchschlagende Erfolg der Camps einen Beweis dafür, wie hoch der Bedarf nach mehr Lebensnähe im Unterricht ist. 

Mehr als zwei Jahre ist es her, dass die damalige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka Geld für den Digitalpakt Schule versprach. Nun haben sich Bund und Länder in dieser Angelegenheit endlich geeinigt, so dass – sollte der Bundesrat wie erwartet Mitte März zustimmen – , 5,5 Milliarden Euro in die technische Ausstattung von Schulen fließen. Zufrieden mit den Ergebnissen? 

So gut ich es finde, dass die Politik in Deutschland langsam zu verstehen beginnt, dass das Thema Digitalisierung wichtig ist und Geld kosten wird, stören mich hier zwei Dinge. Erstens: Das ist jetzt zwei Jahre her, und die Einigung darüber ist jetzt erst gekommen. Zwei Jahre im Zeitalter der Digitalisierung ist eine halbe Ewigkeit. Zweitens: Wir müssen uns endlich bewusst werden, dass uns alle Ausstattung nichts hilft, wenn es die dazu gehörende Ausbildung nicht gibt. Ich kann Ihnen hier und jetzt versprechen, dass jeder Laptop, jedes Ipad und jedes Whiteboard im Keller verschwinden wird, weil niemand den Verantwortlichen beibringt, wie man es sinnvoll, klug und richtig in den Unterricht integriert. Nur weil sie einen Computer vor sich stehen haben, heißt es noch lange nicht, dass sie wissen, wie sie damit richtig umgehen sollen. Die Ausstattung muss mit der Ausbildung Hand in Hand gehen. Und das für ausnahmslos alle, die im Rahmen von Erziehung und Bildung mit jungen Menschen zu tun haben. Und weil eben dies nicht stattfindet und wir tausende von Schülern in deutschen Schulen haben, die dringend abgeholt und ausgebildet werden müssen, hat die BG3000 die Smart Camps ins Leben gerufen. Dort werden Schüler und Lehrer zu den Themen der digitalen Welt, dem richtigen, sicheren und kreativen Umgang mit den neuen Medien geschult.

In Deutschland kommen Computer so selten im Unterricht zum Einsatz wie in keinem anderen Industrieland.Ist es aber nicht auch gefährlich, den Computer zu sehr in den Mittelpunkt des Denkens zu stellen? Manche Schulen schaffen sich erst die Technik an und überlegen dann, wie sie den Unterricht anpassen. Wird nicht umgekehrt ein Schuh draus: Erst muss man wissen, wie der Unterricht aussehen soll – danach kommt die Frage, ob der Computer dabei helfen kann? 

Der Computer gehört auch nicht in den Mittelpunkt unseres Denkens, denn denken müssen wir immer noch selbst. Und zu jenem Denken gehört auch, wie ich mit Chancen, Möglichkeiten und Risiken der 4. Industriellen Revolution umgehe. Eine Welt ohne Digitales wird es nicht mehr geben. Die Frage muss nur lauten: Wie kann ich so damit umgehen lernen, dass es mir und meinen Mitmenschen zum Nutzen und zum Vorteil gereicht? Hier ist nicht nur technische Kompetenz gefragt, sondern vor allem kognitive, soziale und emotionale. Empathie und gesunder Menschenverstand werden in einer digitalisierten Welt wichtiger denn je.

Seit Januar sind Sie Mitgesellschafterin der BG3000. Wie haben Sie von dem Engagement und dem Wirken der Initiative erfahren, und was waren die Beweggründe für Ihre Beteiligung?

Die Gründerin der BG3000 Simone Stein-Lücke und ich haben bereits zu den Zeiten, als ich mich mit dem Thema sexueller Missbrauch von Kindern über die neuen Medien beschäftigt habe, sehr erfolgreich zusammengearbeitet. Wir sind auch nach meinem Umzug in die Vereinigten Staaten von Amerika immer in Kontakt geblieben und haben uns gegenseitig über unsere jeweiligen Projekte up-to-date gehalten. Ich fand das Konzept somit bereits seit Gründung des Start-Ups äußerst spannend. In den USA, wo meine eigenen Kinder zur Schule gehen, gehört die digitale Ausbildung zur Tagesordnung. Über die Tatsache, dass in den meisten deutschen Schulen immer noch der Overhead-Projektor im täglichem Einsatz ist, war ich sehr erschüttert. Das ist zwar ganz nostalgisch, hat aber mit den Anforderungen der Neuzeit gar nichts mehr zu tun. Ich habe mich die vergangenen Jahre viel mit dem Thema digitale Bildung auseinandergesetzt. Und Fakt ist leider, dass Deutschland im internationalen Vergleich sehr weit hinten steht. Das beunruhigt mich sehr, denn wir kreieren hier Wettbewerbsnachteile für mehrere Generationen von Schülern, die derzeit unser Bildungssystem durchlaufen. Um dem entgegenzuwirken und möglichst vielen jungen Menschen im deutschsprachigen Raum lieber gestern als morgen die dringend benötigte digitale Bildung näher zu bringen, habe ich mich entschlossen als Gesellschafterin und als aktive Kraft bei der BG3000 einzusteigen. Die heutige Jugend hat keine Zeit mehr darauf zu warten, bis die Verantwortlichen in der Politik endlich handeln!

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