5 Fragen — 5 Antworten “Nach wie vor aufs Internat?”

 

Bernd Westermeyer, Gesamtleiter der Schule Schloss Salem, Internat. Bild: Stefan Hilser/Südkurier

 

Wohin geht die Reise mit den deutschen Internaten? War die Euphorie vor gut 5-6 Jahren noch sehr hoch, so sieht die Welt der Internate mittlerweile nicht mehr ganz so rosig aus. Rückläufige Anmeldezahlen und auch Schließungen von Internaten sind mittlerweile gelebte Realität. Wissensschule tauschte sich hierzu mit Bernd Westermeyer aus.

Herr Westermeyer würden Sie sich bitte unserer Leserschaft einmal kurz vorstellen?

Mein Name ist Bernd Westermeyer. Ich wurde 1969 in Westfalen geboren und studierte nach dem Abitur und einer zweijährigen Ausbildung zum Pionieroffizier als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung an der Universität Bonn sowie in den USA Anglistik, Geschichte und Deutsch als Fremdsprache.

Im Anschluss an das Referendariat im überaus bürgerlich geprägten Münster zog ich 1999 sehr bewusst in die „jungen Bundesländer“ um. Am Ökumenischen Domgymnasium Magdeburg unterrichtete ich die Fächer Englisch und Geschichte und wurde vom Kuratorium der Schule 2004 zum stellvertretenden Schulleiter ernannt.

Ab 2007 hatte ich das Privileg, für fünf Jahre als rectorPortensisan der 1543 gestifteten Landesschule Pforta bei Naumburg zu wirken – einem Internatsgymnasium mit drei Spezialzweigen und 100% Stipendiatinnen und Stipendiaten des Landes Sachsen-Anhalt.

2012 folgte der Ruf an die 1920 von Kurt Hahn und Prinz Max v. Baden gegründete Schule Schloss Salem, welche ich seitdem als Gesamtleiter und Vorsitzender der Geschäftsführung verantworte und gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen als Modell-Schule auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts einzustellen suche. 

Viele Eltern, die ihre Kinder an einer Privatschule oder an einem Internat anmelden, versprechen sich eine möglichst gute Startposition ins Berufsleben. Aber auch der Wunsch nach einer konfessionellen oder reformpädagogischen Ausrichtung, kleineren Klassen, besserer Ausstattung und individuellerer Betreuung werden hier pro Internat ins Feld geführt. Was zeichnet Ihrer Meinung nach Privatschulen allgemein und die Schule Schloss Salem im Besonderen aus? 

Grundsätzlich muss man Internate als pädagogische 24/7-Angebote von privaten Tagesschulen unterscheiden, und der pädagogische Mehrwert einer ganzheitlich aufgestellten Schule wie Salem liegt klar im Internat als sozialer Herausforderung.

Wichtig ist ferner die Einsicht, dass Eltern Ihre Kinder nicht in ein Internat – Zitat – „schicken“ können. Das Kind muss den Wunsch haben, abseits des Elternhauses selbständig zu werden und seinen eigenen Weg zum Glück zu finden.

Salem macht in diesem Zusammenhang ein ganzheitlich angelegtes Bildungsangebot, das Kindern und Jugendlichen ein Maximum an Möglichkeiten bietet, die eigene Persönlichkeit zu entfalten und besondere individuelle Talente zu entdecken und auszubauen.

All dies geschieht in Salem in einer überschaubaren Gemeinschaft auf über 40 Nationen und ist in besonderem Maße mit sozialem Engagement – auch außerhalb der Internats- und Schulmauern verbunden.

Undenkbar wäre all dies durch die Pädagoginnen und Pädagogen unserer Internatsschule, die Ihrem Beruf mit Leidenschaft nachgehen und wohl kaum jemals von einem „Job“ sprechen würden. Sie sind für mich eine Art Elite, denn sie verstehen sich als Team, in dem jede und jeder bereit ist, im Alltag die berühmte „extra mile“ zu gehen.

Ist es nicht auch eine übertriebene Entwicklung der sogenannten “Hubschraubereltern”, die ohne Rücksicht auf die Wünsche und Neigungen ihrer Kinder diese an Privatschulen oder Internate anmelden, um ihnen schon so früh wie möglich den von Ihnen gewünschten Weg zu ebnen?

„Helicopterparents“ sind ein international zu beobachtender Fluch für jeden Kindergarten, jede Grundschule  und jede weiterführende Schule. Sie tendieren dazu, sich in ihren Kindern verwirklichen zu wollen, streben nach Perfektion und Bestnoten, und suchen jedwede „Störung“ zu beseitigen. Dabei verstehen sie nicht, dass sie ihren Kindern massiv schaden, indem sie ihnen jede Herausforderung abnehmen und jedes Scheitern ersparen.

Kurt Hahn, der 1920 maßgeblich an der Gründung der Schule Schloss Salem beteiligt war, formulierte es prägnant und treffend folgendermaßen: Wir haben [als Pädagogen] nicht die Aufgabe, Kindern Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Wir haben die Aufgabe, sie in die Lage zu versetzen, Hindernisse erfolgreich zu überwinden oder auch klug zu umgehen.“

Letztlich sind Hubschrauber-Eltern allerdings Kinder einer Gesellschaft, die sich selbst zu wenig zumutet, und unsere Aufgabe als Schule besteht darin, diese Eltern zum Loslassen zu ermutigen, um an unserer Seite zu einer für ihre Kinder fruchtbaren Erziehungspartnerschaft zu kommen.

Noch einmal Kurt Hahn: „Plus est en vous!“ – In Dir, [in mir, in uns] steckt mehr, als Du denkst.“

Der Geschäftsführer des Internats Salem Bernd Westermeyer stellt sich am 09.02.2017 in seinem Büro den Fragen von Sebastian Balzter

Was ist dran an der Mär, Privatschüler seien die besseren Schüler und weisen auch die besseren Noten vor?

Sie haben Ihre Frage bereits selbst beantwortet.

Die wahre Qualität einer Schule lässt sich nur sehr bedingt am Noten-Durchschnitt des Abschlussjahrgangs festmachen. Dies lässt sich an folgendem Beispiel festmachen: Als Rektor der sehr akademisch geprägten Landesschule Pforta begrüßte ich im Aufnahmejahrgang jährlich ausschließlich „Top-Schülerinnen und -Schüler“ aus ganz Deutschland. Bereits nach wenigen Monaten aber zeigte sich in allen Lerngruppen und Fächern dann wieder das volle Notenspektrum von 1-6. Ein „befriedigend“ oder gar „ausreichend“ in Schulpforta entsprach also ganz offenbar einem „sehr gut“ oder „gut“ in der ehemaligen, weniger anspruchsvollen Schule.

Interessant ist für heutige Arbeitgeber entsprechend eher, ob die Absolventinnen und Absolventen an der Schule das gelernt haben, was sie im Zeitalter der digitalen Revolution von unschlagbar leistungsstarker künstlicher Intelligenz (AI), Computern und Maschinen unterscheidet.

Zukunftsfähige Schulen werden entsprechend darauf achten, Werte zu vermitteln, das selbständige Denken zu fördern, das echte soziale Miteinander ihrer Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen, den Umgang mit Konflikten, eigenen Fehlern und Scheitern trainieren etc.

Ein Internat Ihres Kalibers, auch mit der Verpflichtung Ihren Mitarbeitern gegenüber, gehört geführt wie ein mittelständisches Unternehmen und sollte auch ein tragfähiges und vor allem zukunftsgerichtetes Geschäftsmodell haben. Wie sieht das Ihre aus? 

Ich möchte das Geschäftsmodell der Schule Schloss Salem prägnant fassen:

Wir führen in zwölf Schuljahren entweder zum Abitur oder zum International Baccalaureate Diploma und bilden darüber hinaus Persönlichkeiten, die als Kosmopoliten bereit und in der Lage sind, sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts couragiert zu stellen und Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für andere Menschen zu übernehmen.

Zur Zeit profitieren britische Internate von der Bildungspanik deutscher Eltern. Deutschlandweit stehen nicht nur reformpädagogische und konfessionelle Internatsschulen in einem Umbruchprozess. So gibt es weniger Anmeldezahlen im Bereich der fünften bis siebten Klassen in vielen Internaten. Worin liegen hier die Gründe und sind nicht auch Veränderungen in den Familiensystemen bzw. Veränderungen im Elternverhalten  Gründe dafür, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr so gerne früher gehen lassen? 

Britische Internate profitieren nach meiner Wahrnehmung sehr von den Schattenseiten des bundesdeutschen Bildungsföderalismus, der einen Schulwechsel von Bundesland zu Bundesland aufgrund unterschiedlichster Sprachenfolgen und schulrechtlicher Bestimmungen schwierig und mitunter auch völlig unmöglich macht.

Entscheidend aber ist in den meisten Fällen wohl die Annahme, dass die Kinder durch den Aufenthalt in Großbritannien perfekte Englischkenntnisse erwerben und so auf dem globalisierten Arbeitsmarkt der Zukunft bessere Studien- und Berufsaussichten haben.

[Diese Erwartung lässt Zweierlei außer Acht: Zum einen erwerben deutsche Schüler an britischen Schulen keinesfalls automatisch die erhofften sehr guten schriftsprachlichen Kenntnisse und Fähigkeiten, die für eine gute englischsprachige Universität wichtig sind – zu kurz ist in der Regel die Beschulung, zu intensiv der Kontakt mit den reichlich vorhandenen anderen deutschen „Gast“-Schülerinnen und -Schülern.

Zum anderen wird vergessen, dass für ein vergleichsweise sehr kostengünstiges und zugleich niveauvolles Studium in Deutschland ein sicherer Umgang mit der deutschen Muttersprache notwendig ist. Wer im Fachunterricht der Oberstufe allerdings nicht gelernt hat, auch hochkomplexe Sachverhalte inhaltlich differenziert nachzuvollziehen und sprachlich exakt darzulegen, dürfte immer wieder daran leiden, weder im Deutschen, noch im Englischen richtig zu Hause zu sein.

Entsprechend ist die Schule Schloss Salem multinational angelegt und beschult Kinder und Jugendliche von der Jahrgangsstufe 8 an auf Wunsch auch durchweg in englischer Sprache.]

Eltern hatten im Übrigen auch in der Vergangenheit oft Hemmungen, ihre Kinder bereits in sehr jungen Jahren einem Internat anzuvertrauen, denn niemand möchte in der Familie oder im Freundes- und Bekanntenkreis als „Rabenmutter“ oder „Rabenvater“ dastehen – also als Eltern, die nicht bereit oder in der Lage seien, die eigenen Kinder zu erziehen.

Bereits in den Jahrgangsstufen 5-7 wenden sich andererseits viele beruflich sehr erfolgreiche Eltern an uns, die ein gesundes Familienleben durch ihre Arbeitsbelastung nicht realisieren können und/oder innerhalb eines global aufgestellten Unternehmens regelmäßig den Arbeitsplatz und damit auch den Wohnort wechseln müssen. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder an einem sicheren Ort behütet leben, zur Schule gehen, Wurzeln schlagen und tragfähige soziale Kontakte aufbauen können. Und sie freuen sich an Heimfahrwochenenden und in den gemeinsamen Ferien auf eine echte „quality time“ mit ihren Kindern, die sie sicher nicht weniger lieben als andere Eltern.

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