Auf dem Weg zur digitalen Schule – Heute im Interview mit Michael Busch

55-webtools

Digitales Lernen ist derzeit eins der am meisten erörterten Themen an und in unseren Schulen und wird von Befürwortern und Kritikern kontrovers diskutiert. wissensschule tauschte sich dazu mit  Michael Busch aus. Er ist Lehrer und unterrichtet die Fächer Deutsch, Englisch und Medien an der Stadtteilschule Am Heidberg in Hamburg und ist als Medienbeauftragter für die Medienbildung verantwortlich..

Lernen in der digitalen Welt. Wie wird das in welcher Form an Ihrer Schule umgesetzt?

Wir als Stadtteilschule Am Heidberg verstehen uns als nach innen und außen vernetzte und lernende Organisation. Wir lernen zusammen mit unseren Schülerinnen und Schülern in der digitalen Transformation. Wir lernen mit und über digitale(n) Medien. Wir probieren viele Dinge aus. Wir haben eine Fehlerkultur, die dieses Ausprobieren fördert und dazu ermutigt, Neues zu entwickeln.

Die digitale Transformation verlangt uns als Kollegium viel ab. Dem verschließen wir uns nicht, sondern sind neugierig, offen und kritisch zugleich. 

Digitale Bildung an Schulen kann nur gelingen, wenn drei Aspekte gewährleistet sind. Erstens eine funktionierende Infrastruktur nebst professionellem Support, zweitens didaktische Konzepte, die die Potentiale der digitalen Medien aufgreifen, sowie drittens ein interessiertes und kompetentes Kollegium. Wo gibt es hier Ihrer Meinung nach den größten Nachholbedarf?

In Hamburg haben wir den großen Vorteil, dass unsere Schulen schon seit Jahren ans Glasfasernetz angeschlossen sind und viele Klassenräume mit digitalen Präsentationssystemen und Computern ausgestattet sind. So auch unsere Schule. Die größte Baustelle an unserer Schule sehe ich momentan darin, die bestehenden didaktische Konzepte und Unterrichtsideen zu sammeln und für alle zugänglich zu machen. Ein weiterer dringlicher Aspekt ist die Frage nach der curricularen Verankerung sowie der Verbindlichkeit in der Umsetzung. 

Das Angebot von Lernvideos im Netz wird zunehmend größer. Welches Potenzial bieten Lernvideos für das eigenständige Lernen?

Micha Busch_Lern- bzw. Erklärvideos, so wie sie momentan häufig verbreitet werden, sind audiovisuell aufbereiteter Content, der zeit- und ortsunabhängig aufgerufen werden kann. Wenn diese Videos (neben vielen anderen online verfügbaren Materialien) den Lernern zur Verfügung stehen, sie konzeptionell in den Unterricht eingebunden werden, dann können sie einen Beitrag zu einem schülerorientierten Unterricht leisten, da sie vom Lehrervortrag emanzipieren. Voraussetzung ist natürlich, dass das Lernvideo nicht als Ersatz für den Lehrervortrag zentral und synchron für alle Lerner präsentiert wird.

Allerdings transportiert ein Lernvideo i.d.R. immer „Lernstoff“, den es zu verstehen bzw. zu bewältigen gilt und der in Übungen und Testsituationen abgefragt wird. Hier wird allzuoft noch der anachronistischen Vorstellung gefolgt, dass man Wissen vermitteln kann.

Gute gemachte Lernvideos sind aus meiner Sicht dann sinnvoll, wenn sie dem Lerner dabei helfen, ein Phänomen oder Konzept zu verstehen, indem sie einen anderen Zugang zum Gegenstand ermöglichen; großes Potential im Sinne eines konstruktivistischen Lernbegriffs sehe ich persönlich im Erstellen eigener Lernvideos durch die Schülerinnen und Schüler. 

Sie haben unlängst eine Lehrerhandreichung mit dem Titel „55 Webtools für den Unterricht“ geschrieben. Sie richtet sich an alle Lehrerinnen und Lehrer, die in der Sekundarstufe I und II unterrichten. Was war für Sie der Auslöser eine solche Lehrerhandreichung zu verfassen und was genau bringt es den Lesern?

Ich wollte einen möglichst barrierefreien Zugang zur Arbeit mit digitalen Medien im Unterricht für die Kolleginnen und Kollegen schaffen, die grundsätzlich interessiert und aufgeschlossen sind, sich aber weder in der Lehrertwitterblase noch in der Unterrichtsblogsphäre bewegen. 

Den Leserinnen und Lesern bietet das Buch viele Anregungen für den Fachunterricht mit digitalen Medien. Dabei werden insgesamt 55 Webseiten vorgestellt sowie jeweils konkrete Unterrichtsideen für verschiedene Unterrichtsszenarien (bspw. Recherchieren, Ideen sammeln und strukturieren oder Visualisieren) präsentiert.

Herr Busch, wagen Sie eine Prognose, wie sieht der Unterricht im Jahr 2050 aus? Läuft der Unterricht dann nur noch digital und können sich Schüler alles in Erklärvideos zu Hause selbst beibringen? 

Zunächst: wie oben angedeutet ist Lernen kein passives Konsumieren, sondern ein aktiver Konstruktionsprozess. Zudem ist Lernen zu einem bedeutenden Maße sozial bedingt.

Darüber hinaus hat Schule (und in ihr der Unterricht) verschiedene Funktionen. Neben dem Auf- & Ausbau von Basis- und Fachkompetenzen (Qualifikationsfunktion) stehen mindestens noch die Sozialisations-, die Selektions- sowie die Legitimationsfunktion. Ich sehe momentan nicht den gesellschaftlichen Willen, diese Funktionen von Schule obsolet werden zu lassen.

Vermutlich wird der Unterricht jedoch zunehmend digitaler ablaufen, darauf deutet Vieles hin momentan. Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend wird sein, ob Schule sich für die Welt im 21. Jahrhundert neu definieren, sich ein neues Selbstverständnis geben kann.

Dazu gehört z.B. das Hinterfragen vieler überlieferter Organisations-, Arbeits-, Prüfungs- und Bewertungsformen. Schülerpartizipation spielt eine wichtige Rolle. Feedbackprozesse sind essentiell. Das Lehrerbild verändert sich. Alle an Schule Beteiligten verstehen Schule als dynamisches, ständig lernendes und sich weiterentwickelndes System, das im Stadtteil verankert und mit der Welt vernetzt ist.

Die Schule der Zukunft ist ein Lernzentrum, in dem junge Menschen ihre Potentiale entfalten können, in dem sie an echten Problemen arbeiten. Ein Lernzentrum, in dem die Lerner im Mittelpunkt stehen mit ihren Fragestellungen und Interessen, in dem man an Themen arbeitet, alters-, orts- und fachübergreifend, begleitet von passionierten Pädagoginnen und Pädagogen.

Wenn Schule diesen Transformationsprozess schafft (und ja, es gibt auch heute schon vereinzelt solche Schulen), dann wird sie auch im Jahr 2050 als Lernort für die jungen Generationen Relevanz haben.

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