Duale Ausbildung: „Deutschland braucht nicht nur Akademiker“

Tiemann-IHK

In dem Beitrag der Welt am Sonntag vom 22.02.2015 zum Thema “Die vergessenen Schüler wird das viel gepriesene und hochgelobte System der dualen Ausbildung in Deutschland kritisch hinterfragt und dabei auch deutliche Mängel aufgezeigt. Zu wenig Geld, unzureichende technische Ausstattung sowie zu wenig Lehrer besonders im MINT-Bereich sind nur einige der aufgeführten Schwachstellen. Ausbildung dual – Erfolgsmodell oder nicht mehr ganz so genial? Hierüber sprach wissensschule.de mit Sophia Tiemann, Geschäftsführerin der Industrie- und Handelskammern NRW für den Bereich Bildung.

 

In dem Beitrag der Welt am Sonntag vom 22.02.2015 zum Thema “Die vergessenen Schüler” wird das viel gepriesene und hochgelobte System der dualen Ausbildung in Deutschland kritisch hinterfragt und dabei deutliche Mängel aufgezeigt. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema?

Die duale Berufsausbildung ist nach wie vor ein wesentlicher Erfolgsfaktor Deutschlands. Die Verbindung aus schulischer und betrieblicher Ausbildung sichert eine hohe fachliche Qualität der Ausbildung, die gerade in den letzten Jahren auch in anderen Ländern mit Interesse und auch Bewunderung zur Kenntnis genommen wird. Dieses fachlich hochqualifizierte duale Ausbildungssystem auch in den Zeiten des demografischen Wandels flächendeckend zu sichern, stellt eine wesentliche gegenwärtige Herausforderung der Bildungspolitik dar.Es bestehtdie Gefahr, dass Berufsschulen langfristig nicht mit den finanziellen und personellen Ressourcen  ausgestattet werden die notwendig sind, um eine hohe Attraktivität des dualen Systems auch in Zukunft zu gewährleisten.

Neben einem dadurch drohenden Attraktivitätsverlust für das duale Ausbildungssystem scheint in Deutschland zudem ein Vorurteil darin zu bestehen, Bildungs- und Karriereerfolg erziele manallein über das Studium. Die Zahlen der Erstsemester an den deutschen Hochschulen sind in den vergangenen zehn Jahren enorm gestiegen. Die Bundesrepublik Deutschland braucht jedoch nicht nur Akademiker, sondern vor allem kluge und fähige Praktiker. Deutlich über 90% des in den nächsten beiden Jahrzehnten entstehenden Arbeitskräftebedarfs betrifft Personen ohne jede akademische Vorbildung.

Lehrermangel – hier besonders in den MINT-Fächern -, veraltete Ausstattung sowie fehlende Qualitätskontrollen untergraben das Niveau der Ausbildung. Was läuft falsch in unserem Land? 

Für die Beibehaltung bzw. sogar Steigerung der Attraktivität der dualen Ausbildung sind die qualitativ hochwertige und ausreichende Berufsschulversorgung und die Ausstattung der Berufsschulen im dualen System von entscheidender Bedeutung. Es ist ein Paradoxon, wie angesehen das duale Ausbildungssystem im Ausland ist, während es in der schul- und bildungspolitischen Wahrnehmung im eigenen Land beinahe eine stiefmütterliche Behandlung erfährt. Um Berufsschulen zukunftsfest zu machen, sind Investitionen in Fachlehrkräfte, Technik und Werkstätten dringend erforderlich. Leider fällt die Investition in die Ausstattung der Berufsschulen durch das Land im Vergleich zu den Investitionen in Hochschulen relativ gering aus. Durch rückläufige Schülerzahlen frei werdende Ressourcen müssen systematisch auch für pädagogische Innovationen und Qualitätsverbesserungen sowie notwendige Weiterentwicklungen in Berufskollegs genutzt werden. Dies ist bisher viel zu wenig geschehen.

Über die Ländergrenzen hinweg fehlen Qualitätsstandards, um gleiche Rahmenbedingungen für die Auszubildenden zu schaffen. Sehen Sie hier Ansatzpunkte für eine nachhaltige Verbesserung des Systems? 

Solange der Rahmenlehrplan für die Berufsschule durch die Kultusministerkonferenz der Länder bestimmt wird und valide Vergleichsstudien zur Qualität einzelner Berufsschulen fehlen, ist eine ernsthafte Qualitätsentwicklung sicherlich nur schwer möglich.

Auch die Auszubildenden selbst sind lt. Ausbildungsreport 2014 des DGB mit ihrer Berufsschulzeit nicht sonderlich zufrieden und geben dafür u.a. Mängel in der Ausstattung an. Ist hier mehr finanzielle Unterstützung der Schlüssel zum Erfolg?

Klar ist: Die Berufsschulen brauchen eine angemessene  Personal- und Sachausstattung, um ihren Aufgaben gerecht werden zu können und ihren Bildungsauftrag im dualen System mit hoher Qualität erfüllen können.

In Bezug auf die Zufriedenheit der Jugendlichen spielen daneben aber natürlich auch andere Faktoren eine Rolle wie die Erwartungshaltung der Jugendlichen an den jeweiligen Ausbildungsberuf, an die Ausbildungsinhalte und vieles mehr. Eine pauschale Antwort ist aus dem DGB Ausbildungsreport daher nur schwer abzuleiten. Denn auf der anderen Seite haben leider noch zu viele Jugendliche unrealistische Vorstellungen in Bezug auf die konkreten Inhalte, Anforderungen und Rahmenbedingungen der einzelnen Ausbildungsberufe – auch dies führt dann zu Frustrationen und ggf. Ausbildungsabbrüchen.

Wie bekommen wir die Berufsschulen zukunftsfest und was muss hier aus Ihrer Sicht unternommen werden? 

Neben der bereits genannten verbesserten ressourcenmäßigen Ausstattung der Berufskollegs müssen die Länder sich verstärkt dafür einsetzen, trotz abnehmender Schülerzahlen weiterhin berufsschulische Angebote in zumutbarer Entfernung aufrechtzuerhalten. Ausbildungsplatz-bewerbern  kann ein mehrstündiger Fahrweg bis zur nächsten Berufsschule nicht zugemutet werden. Zur Qualitätswahrung des Unterrichts ist zudem die Beibehaltung des Fachklassenprinzips notwendig. Insbesondere im ländlichen Raum gerät die Bildung von Fachklassen durch sinkende Schülerzahlen aber zunehmend unter Druck.  Notwendig sind hier flexibilisierte Antworten. Ggf. müssen zum Beispiel Klassenfrequenzrichtwerte und andere relevante Parameter in Randbereichen anders beurteilt werden als in den Metropolen.

Zur Gewinnung der erforderlichen qualifizierten Fachlehrkräfte – gerade in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern – müssen gezielt Konzepte erarbeitet werden. Hier wären zum Beispiel Ansätze denkbar, beruflich Qualifizierten den Zugang zum Lehrerberuf zu erleichtern.

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