Es geht um digitale Mündigkeit

“Leben und Lernen in einer digitalisierten Welt – warum wir ein Pflichtfach Informatik brauchen” – Ein interdisziplinärer Debattenbeitrag

Kaum eine Woche vergeht heute, in der nicht überregionale Zeitungen über Bildung und Digitalisierung schreiben, kaum eine Woche vergeht ohne eine Tagung dazu.
Es gibt also offenbar Diskussionsbedarf. Aber was ist die zur Rede stehende Sache?
Es geht um nicht weniger, als wie wir leben wollen. Es geht um unsere Gesellschaft und diese basiert auf Demokratie, Mündigkeit und Bildung.

Niklas Luhmann sagte „Was wir wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ Früher war das das Fernsehen, heute würde man sagen „… aus dem Internet“.

Aber erhalten wir auch Bildung aus dem Internet? Wie Wasser aus der Leitung? … Nein! Genauso wenig wie der bloße Besitz von Büchern zu Bildung führt, führt ein Internetanschluss dazu.

Bildung kommt auch nicht mit dem Möbelwagen, auch nicht mit iPads, tollen Apps, smarten Tafeln, 3D-Brillen usw., auch wenn diverse Aussteller auf Messen gern diesen Anschein erwecken möchten.

Bildung ist nicht allein Wissen und besteht auch nicht allein aus Technik. Bildung für die e-Society bedeutet nicht, möglichst effizient IT zur Wissensvermittlung einzusetzen. Wird eine technologische Veränderung, die die gesamte Gesellschaft betrifft, nur auf ihren Nutzen in der Schule reduziert und diese nicht selbst zum Unterrichtsgegenstand gemacht, wird der Bildungsauftrag verfehlt.

Bildung ist ein Prozess, kein materieller Besitz oder Zustand. Bildung benötigt Interaktion, Diskurs, kritisches Hinterfragen, Kommunikation, geistige Auseinandersetzung mit sich und mit anderen.

Bildung und zwar die Bildung einer breiten Masse der Bevölkerung ist die Grundvoraussetzung für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Hier und heute bedeutet dies: „Program or be programmed!“

Nur das, was man versteht und zumindest in Ansätzen einmal selbst erfahren bzw. getan hat, ist man in der Lage zu beurteilen.

Bildung ist der einzige Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Bildung über die Gesetzmäßigkeiten der heutigen digitalen Zeit ist der Preis für unsere Demokratie.

„Bildung in der e-Society“ meint die heutige Gesellschaft. Zur Wahrung der Mündigkeit müssen alle Bürger durch Bildung auf die Digitalisierung aller Lebensbereiche vorbereitet werden, vor allem auf die Entfesselung der Kommunikation und der zunehmenden Automatisierung von Entscheidungsprozessen, die unmündig machen. Die „Naturgesetze“ der digitalen Welt, ihren Algorithmen und informatischen Prinzipien müssen dazu genau so verstanden werden wie das Wetter oder der Wasserkreislauf.

Die Beherrschung von Schrift, Zahl, Bild und nun auch der Informationstechnologie ist nötig für die soziale Teilhabe eines jeden Individuums einerseits und damit der Aufrechterhaltung unserer Gesellschaftsform andererseits.

Zum Schutz vor Bevormundung muss heute jeder nicht nur die Rechtschreibung und Grundrechenarten beherrschen, sondern auch herausragende Literatur, Algebra, Geometrie, Kunstepochen und nun auch Algorithmen und Modellierungsarten kennen und zur Hinterfragung und Gestaltung der Welt nutzen können.

Nur so kann der Bildungsauftrag erfüllt werden und insbesondere die kulturelle Kohärenz erzielt werden.

e-Society – dieser Begriff suggeriert, dass es auch eine non-e-Society geben könnte – eine mit und eine ohne „e“: Auf der einen Seite vielleicht eine Elite, die Informationstechnologie versteht und auf der anderen Seite eine Masse der digital-unmündigen Analphabeten.

Damit es soweit nicht kommt, gehört Digitalisierung und Informatik auf den Lehrplan. Digitalisierung ist wie das Wetter. Sie geht nicht wieder weg. Alle müssen lernen, sie zu verstehen und zu gestalten, die ganze Gesellschaft, auch und gerade diejenigen, die lieber nichts mit ihr zu tun haben wollen, die lieber unmündig wären und vielleicht lieber fernsehen.


Die Autoren: Prof. Dr. Ira Diethelm, Dr. Christian Bauer und Dr. Richard Ralfs

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