Fünf Wege aus der großen Orientierungslosigkeit nach der Schule

Foto: Bratto von Boehmer

Ein Grillabend bei Freunden in Hamburg. Das Wetter ist grandios, die Steaks brutzeln neben einem von der Dame des Hauses fein kuratierten Sortiment aus Biowürstchen ihrem optimalen Garpunkt entgegen. Susanne meldet sich zu Wort, will wissen, was denn nun mit der Tochter von Helmstedts ist. „Nina hat doch letztes Jahr Abitur gemacht, oder? Was macht sie denn jetzt?“ Das ist das Stichwort für Rainer. Ninas Vater streckt kurz den Rücken durch und knallt eine Antwort raus, noch bevor seine Frau einatmen kann: „Sie ist arbeitslos.“ Die Worte wirken wie ein Torpedo. Stille in der Runde. Gundula Helmstedt, alarmiert, übernimmt: „Na ja, sie weiß noch nicht so genau, was sie machen will. Sie ist immer noch im gap year.“

Allgemeines Nicken bei der Grillgemeinde. Thomas weiß zu berichten, dass sein ältester Sohn seit seinem Abitur vor 15 Monaten nicht eine einzige Bewerbung rausgeschickt hat. „Er jobbt jetzt im Schuhgeschäft, spezialisiert auf teure Sneaker.« Thomas’ Frau ergänzt schulterzuckend: „Er meint, mit Sportschuhen kenne er sich bestens aus. Der Job sei mega.“ Noch ehe sich Ratlosigkeit breit machen kann, setzt Ninas Vater noch einen drauf: „Na, immerhin arbeitet er. Nina tut den ganzen Tag nichts – außer duschen und ins iPhone starren.“ Die Würstchen und Steaks scheinen fertig, alle greifen zu. Das Fleisch ist von außen perfekt angegrillt, aber innen noch lange nicht durch. Ein bisschen wie der Entwicklungszustand der Kinder, denkt sich Susanne, sagt aber lieber nichts.

Die große Orientierungslosigkeit nach der Schule ist ein Massenphänomen: Junge Erwachsene, ob Mädchen mit 1er Abitur oder Jungen mit weniger glanzvollen Abschlüssen sind nach der Schule blockiert. Zwar ist es eine wichtige Aufgabe der Schule durch Übergangsmanagement, Praktika oder Berufsorientierung den Schülern die Wahl eines Ausbildungsgangs, eines Studium und späteren Berufs zu erleichtern. Doch die meisten Programme erreichen das Teenagergehirn nicht.

Die Absolventen starten nicht durch ins Leben, sondern fühlen sich unfähig zur Entscheidung für den richtigen Beruf, die richtige Ausbildung, das richtige Studium. Es wird gelitten, gestritten, nichts getan und viel gechillt. Die Eltern verzweifeln. Denn sie wünschen sich natürlich, dass ihre Kinder nach dem Schulabschluss selbständig sind. Doch bei vielen Jugendlichen stellt sich diese Autonomie, Ziel jeder Erziehung, nicht ein. Ganz im Gegenteil. Ohne die äußere Struktur durch die Schule fallen viele junge Erwachsene erst einmal in ein Loch. Viele Abgänger wissen nicht, welchen Beruf sie ergreifen sollen, welche Begabungen sie auszeichnen und letztlich wissen sie nicht, wer sie sind.

Einfach mal etwas ausprobieren

Die Gymnasiallehrerin Lena Heiliger aus Bonn ist davon überzeugt, dass Heranwachsende durch Ausprobieren lernen und so herausfinden können, welcher Beruf zu ihnen passt. Der Spielraum für die Wahl nach dem Abitur habe sich jedoch verengt, sagt Heiliger. Die Jugendlichen können nur eingeschränkt frei entscheiden, was sie ausprobieren möchten, zum Beispiel, weil viele Fächer einen hohen Numerus clausus haben. Verschiedene Universitäten bieten inzwischen Einsteiger-Studienpläne an, wie etwa der MINT-Studiengang an der TU Berlin. Hier kann ein Studierender in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik hineinschnuppern, ohne sich gleich festlegen zu müssen.

Ein Abbruch ist kein Beinbruch

Ein Symptom dieser Orientierungslosigkeit ist die hohe Studienabbrecher-quote, die das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschafts-forschung in Hannover regelmäßig erhebt. Demnach bricht jeder dritte Student sein Studium ab. Die Hauptgründe: Leistungsprobleme, mangelnde Motivation und das Gefühl, an der Uni fehl am Platz zu sein. In den Familien spielen sich Dramen ab, wenn der Sohn oder die Tochter das Studium nach ein bis vier Semestern hinschmeisst. Dabei kann eine Umorientierung äußert sinnvoll sein.

Da ist zum Beispiel Anton, Anfang 20, aus Berlin, ein Computercrack. Nach dem Abi chillte und jobbte er ein paar Monate, um sich zu orientieren. Dann gab er dem Druck von zu Hause nach und immatrikulierte sich an einer bayerischen Uni. Erst einmal BWL, ein gängiges Rezept in seiner Altersgruppe. Doch nach wenigen Wochen steht er mit seinen Umzugskartons wieder vor der Tür. „Zurück auf Los“ heißt es für alle. Mama zieht eine Ereigniskarte: „Dein geplanten Arbeitszimmer kannst Du vergessen. Storniere schon mal den bestellten neuen Schreibtisch.“ Abgeschnitten von seinem Sozialleben fühlte sich Anton in der bayerischen Unistadt unglücklich. Dazu die vielen Klausuren. Anton besorgt sich in Berlin einen neuen Platz für BWL, diesmal an einer Hochschule, dazu einen Vertrag als Werkstudent bei einem Start-Up. Dieses selbstgewählte Kombiticket war ein Volltreffer. Jetzt erscheint ihm das Studium nicht mehr so theoretisch.

Reifung braucht Zeit

Die verkürzten Schulzeiten sollten die Schulabgänger früher zum Einstieg ins Berufsleben bringen. Doch in der Realität verzögert die Phase der Orientierungslosigkeit den Start ins Leben oft erheblich. Die individuelle Reifung der Persönlichkeit braucht jedoch Zeit. Zeit, die in den letzten Schuljahren fehlte, da Vieles bestimmt wird durch den immensen Druck, gute Noten zuliefern. Die Orientierungslosigkeit wird begleitet von einem Chaos der Gefühle, das die jungen Erwachsenen in dieser Phase durchlaufen. Die emotionale Achterbahn reicht von der Verunsicherung, Zweifeln, Ängsten bis hin zur mentalen Lähmung, die das Denken blockiert. Das Angebot, das die jungen Erwachsenen heute nach dem Abitur erwartet, ist vielfältiger denn je: Praktika, neue Studien- und Ausbildungsgänge in In- und Ausland, Berufsbildungsbörsen. Dazu kommt, dass im Zeitalter der Selbstoptimierung ein immenser Druck um die coolste Ausbildung herrscht. „Noch nie ein Praktikum in Singapur gemacht? Ein Platz in Bielefeld gibt auf Instagram ja nichts her.“

Wer sich nicht entscheiden kann oder will, sollte sich die Zeit nehmen, um herauszufinden, was er oder sie machen möchte. Eltern sollten ihre heranwachsenden Kinder nicht zu einem bestimmten Beruf zwingen. Es spricht nichts dagegen, ein Jahr zu jobben und praktische Arbeitserfahrung zu sammeln. Dabei können sich Jugendliche sehr viel besser Gedanken über ihre zukünftige Wunschtätigkeit machen, als chillend in ihrem Zimmer. Im Job kommen sie in Kontakt mit unterschiedlichsten Menschen aus unterschiedlichsten Berufen. Sie lernen, mit Arbeitgebern zu verhandeln, sich in eine Struktur einzuordnen und haben bestenfalls Erfolgserlebnisse. Sie werden händeringend gebraucht. Allein in Hamburg fehlen 15 000 Fachkräfte in der Gastronomie. Da dürfte es kein Problem sein, für ein paar Monate aushilfsweise zu kellern.

Reisen ist ebenfalls eine gute Idee, wenn sie selbst organisiert und auch zum Teil selbst finanziert ist. Timon, 19, aus Göttingen jobbt nach dem Abitur erst einmal in einer Bar, um sich das Geld für seine Weltreise zu verdienen. Dann fliegt es nach Australien und Asien. „Die Überlandbusse in Australien sind voll mit deutschen Abiturienten,“ weiß er zu berichten. Mit der Idee, Jura zu studieren, bewirbt er sich an mehreren Unis und ergattert einen Platz in Göttingen. Ihm gefällt die Idee, nicht in einer Millionenstadt zu studieren. „Schon allein wegen der Wohnungssuche“, so Timon. Er hat nicht das Gefühl, das mit seinem Entschluss für das Studium schon alle Weichen gestellt sind. „Mit Jura kannst Du viele Richtungen einschlagen, auch außerhalb der Juristerei,“ sagt er.

Runter von den (akademischen) Erwartungen

Ein prägendes Motiv der jungen Anfang 20Jährigen ist: Das Normal ist nicht mehr gut genug. Das hat unter anderem zu einer Abwertung der Ausbildungen geführt, die früher Millionen Heranwachsende erfolgreich in ihre Berufslaufbahn geleitet haben. Aber heute will kaum noch jemand Sekretärin werden, Klempner oder Bauleiter. Dass eine gute Sekretärin in Hamburg in einer Kanzlei 4000 Euro und als Büroleiterin 5000 Euro verdient und damit mehr als viele Absolventen so mancher geisteswissenschaftlicher Studiengänge, vergessen viele dabei. Die Gesellschaft und die Eltern trichtern den Schülern seit Jahren ein: Hauptsache Abitur, Hauptsache studieren. Die elterlichen Erwartungen an die glorreiche Zukunft ihrer Sprösslinge spielt dabei eine wesentliche Rolle. Wenn Eltern ihre hohen Erwartungen senken und die Bandbreite der Berufe zunimmt, die ihr Wohlwollen finden, hilft das im Suchprozess. Denn sonst suchen die in die Enge getriebenen Kinder einen akademischen Weg, auf dem sie womöglich scheitern oder unglücklich werden. („Erst mal BWL, dann sind die Eltern zufrieden.“) Das Stochern im Nebel geht weiter. Zum Umzug rückt Papa mit dem Werkzeugkasten an, schraubt die Ikearegale, die er gerade anmontiert hat, wieder ab. Nun sollte „Plan B“ greifen, doch der existiert meist nicht.

Mentoren gesucht

Wenn die Fronten in der Diskussion um die Zukunft zu Hause verhärtet sind, kann manchmal eine neutrale Person weiterhelfen. Mentoren sind auch dann eine gute Option, wenn alle noch miteinander sprechen. Immer erst zu warten, bis gar nichts mehr geht, ist ja bekannterweise keine gute Strategie… Ein Mentor kann ein Onkel sein, ein Freund oder eine Freundin der Eltern, eine andere erwachsene Person mit Lebenserfahrung und Gespür für das Gespräch. Gedanken können einmal weiter gesponnen werden, die sonst schon im Keim erstickt worden wären. Ein Mentor kann Impulse geben, die im bekannten Umfeld undenkbar gewesen wären.

Entscheidend ist, dass Heranwachsende in Kontakt mit unbekannten Gebieten und fremden Menschen kommt, um sich zu orientieren. Wie Zu hause gedacht wird, wissen sie ja schon.

Wer ausschließlich auf dem Sofa chillt, hat keine Chance, die Erfahrung zu machen, wie motivierend es sein kann, den richtigen Weg gefunden zu haben. Schon in der Schule kamen viele mit den Leistungsfächern Netflix und Snapchat nicht wirklich voran. Das Erstaunliche bei den Heranwachsenden ist, dass sich der Schalter blitzschnell umlegt, wenn sie das Passende gefunden haben. Nach monatelangem langem Zweifeln und Grübeln entsteht über Nacht Gewissheit. Gesetzt den Fall, man probiert auf einer großen Bandbreite an Möglichkeiten etwas aus.

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Über die Autorin: Ulrike Bartholomäus, geboren 1965, arbeitet als Wissenschaftsjournalistin und schreibt über die Themen Medizin, Politik und Kommunikation. Sie war als Redakteurin für “Focus” im Ressort Forschung tätig und arbeitet heute als Autorin für verschiedene Medien. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie hat eine 19-jährige Tochter und weiß, wovon sie spricht.

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