KIT: Reformimpulse zur personalen Evaluation für Pädagogen

“Lehramtsprüfungen neu denken“

Die seit 2010 eingerichtete Forschungsstelle Lehrerberufseignung am KIT sucht mit ihrem Leiter Prof. Dr. Dr. Johann J. Beichel und seinen Doktoranden und Mitarbeitern nach Optimierungswegen und Bündelungen, um riskante Gewohnheiten in Lehrerbildung und Lehramtsprüfungen kritisch zu hinterfragen, Zufälligkeiten zu reduzieren und Verständigungsschwierigkeiten zwischen dem akademischen Bereich der Lehrerbildung, der Schulaufsicht und der Bildungspolitik zu überwinden.

Prof. Dr. Dr. Johann J. Beichel, geb. 1949 in Heidelberg, wohnt in Bruchsal, lehrt am Karlsruher Institut für Technologie (KIT – vormals Universität Karlsruhe) im Fachgebiet der Allgemeinen Pädagogik mit den Forschungsschwerpunkten Pädagogische Personologie, Bildungsphilosophie und Ästhetik. 2008 wurde ihm am KIT der Fakultätslehrpreis verliehen.

1992 wurde er zum Dr. paed. und 2010 zum Dr. phil. promoviert. 1999 hat er sich in der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Karlsruhe über ein personologisches Thema habilitiert. Er ist auch Honorar-professor der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim. Als Musiker: Sänger, Chor- und Orchesterleiter dirigiert er u.a. seit 1999 die Projektchöre des Landkreises Karlsruhe und des Rhein-Neckar-Kreises. LRSD Johann J. Beichel ist Leiter des Landeslehrerprüfungsamtes beim Regierungspräsidium in Karlsruhe.

Es zeigt sich nämlich, dass die Studienberatung, die fach- und bildungswissenschaftliche Seite der Universitäten und Hochschulen, die Zweite Lehrerbildungsphase in den Staatlichen Seminaren, die Prüfungsbehörde, die Lehrereinstellungsreferate in der Kultusverwaltung und die Zuständigen für die Lehrerfortbildung weitgehend nur lose Kontakte zu organisatorischen Fragen unterhalten, aber keinen hinreichenden Austausch hinsichtlich personaler Lehrerqualitäten pflegen, über die man sich in der gemeinsamen Verantwortung für Schülergenerationen und Lehrer eigentlich zu verständigen hätte.

Ziele der Karlsruher Grundlagenforschung zur Personalevaluation in Lehramtsstudium und Lehramt sind auch Verständigungs- und Reformimpulse bezüglich erhöhter Qualität, gestei-gerter Effizienz und gesicherter Validität in den Lehrerbildungsphasen und Lehramtsprüfun-gen. Für die Praxisnähe der Forschung ist von Vorteil, dass der wissenschaftliche Leiter, Ltd. Regierungsschuldirektor Dr. Johann Beichel, auch Leiter des Landeslehrerprüfungsamtes beim Regierungspräsidium in Karlsruhe ist.

Die Forschungsstelle ist am Lehrstuhl von Prof. Dr. Jürgen Rekus im Institut für Berufs- und Allgemeine Pädagogik der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften am KIT angesiedelt – Dekan Prof. Dr. Klaus Bös – und mit Drittmittel namhafter Stiftungen ausgestattet.

  • Bildungsphilosophisch und pädagogisch werden für die unvermeidbar erfolgende Beurteilung und Selektion der Lehramtsstudenten und Referendare Annäherungen an konsensfähige Lehrerleitbilder angestrebt, die ihrerseits auf intersubjektiven, aber transparente Kriterien gründen. „Was ein guter Lehrer/eine gute Lehrerin ist, lässt sich nicht aus empirischen Studien über erfolgreiche Lehre deduzieren. Es wird aufgrund normativer Vorentscheidungen gesetzt. Das „Gute” an der guten Lehrperson muss deshalb bildungstheoretisch begründet werden.“  (Hilbert Meyer und Volker Wendt 2011)
  • Evaluationstheoretisch, prüfungspraktisch und juristisch werden Wege systematischer Ab-stimmung gesucht, damit die relevanten Aspekte der Prüfungsvalidität und Justitiabilität aller Beurteilungsverfahren künftig konsensueller und zielorientierter als bisher verlaufen.
  • Der Erkenntnis von Jürgen Oelkers folgend, dass man sich konsequent in das Berufsfeld der Pädagogen begeben müsse, wenn man etwas über deren professionelle Handlungs-kompetenz wissen wolle, werden Prüfungsmodelle unter der Realbedingung Schule und unter dem Aspekt der beruflichen Eignung und der Passung hinsichtlich des vereinbarten Schul- und Erziehungsleitbildes vor Ort angestrebt, entworfen und erprobt.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich die künftige Forschungsarbeit vermehrt auf schulspezifische Eignungs- und Bewährungsaspekte der Lehrpersonen konzentrieren muss in Abkehr zur bisherigen Definition und Beurteilung einer allgemeinen Berufseignung in den Staatsprüfungen. Denn in dem Maße, wie eine moderne Schulentwicklung eigene und zunehmend differente Schulprofile generiert, ja auch hervorbringen soll, unterscheiden sich Erwartungen und Anforderungen an das Lehrpersonal, die unterrichtlich wie erzieherisch immer spezifischer werden – wenngleich sich alle über einen gemeinsamen Wertekonsens verständigen müssen.

Was müssen Lehrerinnen und Lehrer können?

Forscherteam am KIT nimmt Prüfungskriterien unter die Lupe

Fachwissen allein macht noch keinen Lehrer. Gefragt sind darüber hinaus personale und soziale Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Respekt und Humor. Diese wesentlichen Qualifikationen bleiben in Lehramtsprüfungen aber weitgehend außen vor, wie Professor Johann Beichel bemängelt. Ein von dem Pädagogen geleitetes Forschungsteam am KIT untersucht Lehr- und Lernvorgänge an Schulen, um alle Aspekte der Berufseignung zu überprüfen. Ziel ist, die Aussagekraft von Lehramtsprüfungen zu erhöhen.

„Die für gelingendes Lernen, nachhaltige Erziehung und Berufszufriedenheit von Lehrpersonen wesentlichen überfachlichen Qualitäten und Potenziale wurden bisher stark unterschätzt“, sagt der Pädagoge Johann Beichel, Leiter des Landeslehrerprüfungsamts beim Regierungspräsidium Karlsruhe und außerplanmäßiger Professor am Institut für Allgemeine Pädagogik des KIT. In den staatlichen Lehramtsprüfungen wird fast ausschließlich Fachwissen abgerufen, wie Beichel berichtet. Er fordert, Aspekte wie Intuition, kommunikative Kompetenz, Empathiefähigkeit, Ästhetik und Moralität bei der Beurteilung von Lehrerinnen und Lehrern künftig stärker zu berücksichtigen.

An der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften des KIT beobachtet und untersucht nun ein von Beichel geleitetes Forscherteam das konkrete Handeln von Lehrerinnen und Lehrern im Unterricht, um Kriterien der Berufseignung zu evaluieren – sowohl fachliche Exzellenz, Fortbildungsinteresse und Innovationsbereitschaft als auch personale und soziale Kompetenzen. Es geht darum, die Validität von staatlichen Lehramtsprüfungen zu verbessern. Das Team besteht aus Doktoranden, angehenden Bachelor- und Master-Pädagogen sowie Lehramtsstudierenden; es wird vom Dekan der Fakultät, Professor Klaus Bös, unterstützt und kooperiert mit dem Prodekan für Studium und Lehre, Professor Jürgen Rekus. Um zu gewährleisten, dass künftige Prüfungsordnungen nicht nur aussagekräftige Ergebnisse gewährleisten, sondern auch justiziabel sind, arbeitet das Team mit Forschern der Juristischen Fakultät der Universität
Heidelberg zusammen.

Die Forschungsarbeiten laufen und liefen am Humboldt-Gymnasium und an der Leopold-Hauptschule in Karlsruhe, am Eichendorff-Gymnasium in Ettlingen und an der Freien Waldorfschule Mannheim. Dort beobachten Studierende und Doktoranden Lehr- und Lernvorgänge vor allem in der ästhetischen Erziehung, in Musiktheater- und Tanzproduktionen. Die Ergebnisse sollen die Zuverlässigkeit
der Lehrerauswahl nach Prüfungen erhöhen: „Die Einstellungsmöglichkeiten werden aufgrund geburtenschwacher Schülerjahrgänge sinken“, erläutert Beichel. „Wenn also künftig weniger Nachwuchslehrer zum Zuge kommen, dann müssen wir die geeignetsten finden.“

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und staatliche Einrichtung des Landes Baden-Württemberg. Es nimmt sowohl die Mission einer Universität als auch die Mission eines nationalen Forschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft wahr. Das KIT verfolgt seine Aufgaben im Wissensdreieck Forschung – Lehre – Innovation.

Die Folge davon ist, dass wir den Eignungs- und Bewährungsaspekten zu den konkreten Berufsanforderungen im realen Handlungsfeld Schule mehr Aufmerksamkeit schenken müssen, als dem bisher vorrangigen Blick auf Fachwissenschaft, künstlerische Exzellenz und Berufswissen, sowie didaktische und methodische Kompetenz. Dafür benötigen wir aber andere, modernere und validere Evaluationsmethoden und Prüfungsmodelle, die es in der Karlsruher Forschungsstelle zu suchen, zu finden, zu begründen und zu kommunizieren gilt. Denn es bedarf geeigneter Bewerber für den Beziehungs- und Kommunikationsberuf Lehrer, für den keineswegs nur fachliche Kompetenz hinreichend sein kann.

 

Der Berufseinstieg nach dem Abitur muss hinsichtlich der Schulart- und Fächerwahl mit einer mehrperspektivisch kompetenten Berufsberatung begleitet werden. Unverzichtbar ist aber auch eine verantwortliche und begründete Auswahl der Geeigneten, die den Erwartungen und spezifischen Anforderungen im Lehrerberuf hinsichtlich erfolgreichen Unterrichts und nachhaltiger Erziehung zu entsprechen in der Lage sind, einschließlich positiver Perspektiven für deren eigene Berufszufriedenheit und Gesundheit.

Denn die Entscheidungsphase der Abiturienten für ein Lehramtsstudium, die Erste Lehrerbildungsphase an den Universitäten und Hochschulen, nachfolgend die zweite Phase in den Staatlichen Seminaren für Didaktik und Lehrerbildung, beide Staatliche Lehramtsprüfungen und schließlich die Lehrereinstellung und Lehrerfortbildung sind allesamt existenzbegründende, im Einzelfall aber auch existenzvernichtende Weichenstellungen zum Lehrerberuf.

Diese konsekutiven, aber bisher voneinander unabhängigen Entscheidungsphasen sind aus kulturalistischer Perspektive differente Praxen einer komplexen Lebenswelt mit je eigener Dignität und Dynamik. Sie führen Chancen und Risiken mit sich, teilweise gesichert und begründet, teilweise aber auch zufällig und unkalkulierbar in ihren Resultaten und Konsequenzen für die Lehrpersonen selbst und damit auch für künftige Schülergenerationen. Sie müssen sich aus diesen Gründen stärker als bisher der Kontinuität ihrer gemeinsamen Aufgabe und Verantwortung bewusst werden und für die Sicherung dieser Kontinuität strukturelle Gelenkstellen entwickeln und festigen.

Alle diese Mosaiksteine auf dem Weg zur erfolgreich erziehend unterrichtenden Lehrperson müssen unter der Dachverantwortung der Bildungspolitik einem erkennbaren und kommunizierbaren Lehrerleitbild folgen. Die Karlsruher Forscher verstehen darunter eine mit allen Beteiligten geführte intersubjektive Verständigung darüber, was gemeinsam und aus ein-sichtigen Gründen an Berufswissen, Handlungskompetenz, Einstellungen und Werthaltung lehrerseits für nachfolgende Schülergenerationen und deren Bildung als bedeutsam und er-strebenswert erachtet werden soll.

Johann J. Beichel, 15.05.

One Response to KIT: Reformimpulse zur personalen Evaluation für Pädagogen

  1. Sehr geehrter Herr Prof. Beichel,
    meine Frage an Sie: kann ich von Ihnen die von Ihnen erstellte Volksmusikliederliste erwerben? und oder evtl. einen Tipp zu meinem Vorhaben.bekommen?, ich wäre Ihnen dankbar. Meinen möglichen Programmentwurf könnte ich Ihnen gerne zu mailen. Das Programm wird aus 2 Teilen von je ca.45 -bis 60 Minuten bestehen Die Jagdhorbläser “läuten “jeweils den Anfang und das Ende des 1.und dann des 2.Teiles ein. Ich bin 74 Jahre.
    ich beabsichtige am 01.10.2016 ein Konzert in der Turnhalle von Flinsbach- Ortsteil unserer Gemeinde zu organisieren. Die Überschrift steht n.n.ganz fest, entweder “Heimat” oder “Herbst – Konzert” – wir überlegen noch: kurz, griffig, aussagekräftig. Das Programm soll seriös, aber nicht “hochgestochen” sein. Mitwirken wird unser Gemischten Chor Frohsinn Flinsbach Mitglied im BCV – bei dem ich mitsinge,eine Jagdhornbläsergruppe, unser Bürgermeister wird als Programmpunkt ca. 2 bis 3 mal selbst erlebte Jagdgeschichten (jeweils Dauer ca. 3-5 Minuten lang) erzählen und nun das neue: als offizielle Programmpunkte würde ich , das anwesende Publikum bitten Volkslieder mitzusingen z. B.: “Wahre Freundschaft”, “Kein schöner Land”,”In einem kühlen Grund”-(Das zerbrochene Ringlein ) usw. einbeziehen. Die Texte würde ich, zum ablesen, an die Wand “werfen” .Meine Sängerkameraden bezweifeln “..ob da überhaupt jemand kommt…”, “… ob da die Halle voll wird..” usw. mir ist klar, dass ich auch überregional d,h. über unser Dorf Helmstadt-Bargen hinaus, Reklame machen muss, kurz gesagt -ich glaube an einen Erfolg, ich glaube daran, dass das den Gästen mehr gefallen wird, als wenn wir 4/5 Chöre einladen und einige Dirigenten sagen über Lautsprecher: “– bitte, ihr wollt doch auch, dass man euch zuhört…”, kommen Gäste aus dem eigenen Dorf, ist für sie kein Platz und so bleibt das – so – eine “geschlossenen Gesellschaft”.
    Jetzt höre ich auf zu schreiben, denn ich weiß nicht, ob Sie die Zeit haben, das zu lesen.
    Über eine Antwort würde ich mich freuen. Mit Sangesgrüßen Harald Kunze, Schillerstr. 28 in 74921 Helmstadt-Bargen.Meine Mail: HaraldKunze@t-online.de, 03.03.2016

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