Pflichtfach Informatik

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Die große Mehrheit der Schüler wünscht sich ein verpflichtendes Schulfach Informatik in den Klassen 5-10. Gemäß einer im Auftrag des Digitalverbands BITKOM und der LEARNTEC repräsentativen Umfrage von mehr als 500 Schülern weiterführender Schulen halten 75% der Schüler Informatik als Pflichtfach für eine gute Idee. Somit sollten die Schulen dem Wunsch nachkommen neben der Vermittlung von Medienkompetenz auch ein fundiertes Verständnis für IT-Technologien zu vermitteln.

Hierüber sprachen wir mit Dr.  Stephan Pfisterer, Bildungsexperte beim Digitalverband BITKOM.

Eine mit von ihrem Verband in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage von mehr als 500 Schülern hat ergeben, dass sich die große Mehrheit der Schüler ein verpflichtendes Schulfach Informatik wünscht. Wie genau soll das aussehen?

Nicht nur eine große Mehrheit der Schüler, sondern auch eine große Mehrheit der Eltern und Lehrer wünscht sich den Umfragen zufolge ein Pflichtfach Informatik. Das ist ein klarer Auftrag an die Bildungspolitiker in den Ländern. Dort und in den zuständigen Gremien müssen die Weichen für ein Pflichtfach Informatik gestellt werden. Das Erlernen einer Programmiersprache muss dabei zentraler Teil eines solchen Faches sein, das BITKOM ab der Sekundarstufe I fordert. Das heißt dann im Zweifelsfall, dass die Schülerinnen und Schüler lieber eine Programmiersprache wie Java oder PHP anstatt Latein erlernen sollten. Wenn wir Informatik und Programmieren nur als freiwillige AG anbieten, dann erreichen wir damit nur die Schülerinnen und Schüler, die sich dafür ohnehin interessieren – aber nicht die, die gar nicht wissen, wie vielfältig IT wirklich ist. Und wie spannend IT sein kann.

Wir alle kennen aber auch die Rahmenbedingungen an den Schulen. Schüler und Lehrer sind gleichermaßen mit der IT-Ausstattung von Schulen unzufrieden. Wie soll dieses Problem gelöst werden?

Wir brauchen eine Digitale Agenda für die Schule. Das ist ein Thema, bei dem die Länder mitziehen müssen. Dafür ist die Idee eines Länderstaatsvertrags, wie er jüngst in einem Antrag der Koalitionsparteien im Deutschen Bundestag für die Umsetzung einer „Strategie Digitale Bildung“ eingebracht wurde, ein sehr guter Ansatz. Wir müssen rasch die technische Ausstattung an unseren Schulen verbessern und wir brauchen zeitgemäße Lernmaterialien – und das heißt vor allem digitale Lernmaterialien. Unser Ziel muss ein „digitaler Ranzen“ sein, der ganz greifbar das Gewicht auf den Rücken unserer Kinder reduzieren würde, aber vor allem auch das Lernen aktueller, motivierender und individueller – Stichwort „Adaptives Lernen“ – gestalten würde.

Sind Lehrer/innen Ihrer Meinung nach ausreichend geschult und bekommen sie genügend Fortbildungsmöglichkeiten, um Informatik zielgerichtet zu vermitteln?

Es reicht nicht, nur neue Geräte anzuschaffen und Lehrpläne umzuschreiben. Wir müssen nicht nur in Technik, sondern auch in die Köpfe investieren und die Weiterbildungsangebote für Lehrer ausweiten. Aktuell geben 40 Prozent der Lehrer an, in den vergangenen drei Jahren keinerlei Fortbildung besucht zu haben, die den Einsatz neuer Medien im Unterricht behandelt hat. Gleichzeitig wünschen sich 80 Prozent, dass die Qualifizierungsangebote für Lehrer in diesem Bereich verbessert werden. Genau an dieser Stelle müssen wir ansetzen.

Informatik-Wissen zu vermitteln ist das eine, muss nicht darüber hinaus fächerübergreifend das digitale Lernen vorangebracht werden?

Das eine schließt das andere nicht aus. Aus unseren BITKOM-Studien wissen wir auch, dass eine große Mehrheit der Schüler sich mehr Unterricht zu Digitalthemen wünscht. Medienkompetenz muss fächerübergreifend in den Lehrplan aufgenommen werden, daneben brauchen wir aber ein Pflichtfach Informatik ab der Sekundarstufe I, das die Grundlagen der digitalen Welt vermittelt. Denn es ist nicht zuletzt die Erkenntnis aus internationalen Vergleichsstudien zum Niveau der Medienkompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler, dass die fächerintegrative Vermittlung von Medienkompetenz allein nicht ausreicht. Wenn wir die Schüler für die digitale Lern- und Arbeitswelt vorbereiten wollen, müssen wir Ihnen Funktionsweise und grundlegende Prinzipien digitaler Systeme vermitteln. Mit reiner Anwendungskompetenz befähigen wir weder zu einer kritischen Auswahl von digitalen Angeboten noch zu einer souveränen und sicheren Nutzung von IT-Systemen. Genau dies aber wir in immer mehr Tätigkeitsbereichen gefordert – Stichworte sind hier Industrie 4.0 und der Digitalisierungstrend, der das gesamte Beschäftigungssystem prägt.

Glauben Sie mit Einführung eines Pflichtfachs Informatik den Fachkräftemangel aufhalten zu können?

IT-Kompetenzen werden auch jenseits der klassischen IT-Berufe immer wichtiger, hier spiegelt sich der Trend zur Digitalisierung der Wirtschaft quer durch alle Branchen wider. Von zentraler Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft waren in der Vergangenheit und sind in der Zukunft gut ausgebildete Fachkräfte. Das ist die volkswirtschaftliche Perspektive. Für den Einzelnen sind künftig Informatik-Kenntnisse umgekehrt für fast jeden Beruf zwingend erforderlich. Und nicht zuletzt muss Schule Grundlagen vermitteln, damit unsere Kinder die Welt in die wir leben begreifen können – dazu braucht es Physik, Chemie oder Biologie, aber inzwischen längst auch Informatik.

Wir freuen uns derzeit über ein anhaltend hohes Interesse an Informatik-Studiengängen. Gleichzeitig beklagen wir aber auch eine viel zu hohe Abbrecherquote von rund 50 Prozent. Diese ist zumindest auch darauf zurück zu führen, dass viele junge Menschen an die Hochschulen kommen, ohne ein klares Verständnis von – und ohne die Grundlagen für – informatische Bildung zu haben. Ein anwendungsorientiertes Schulfach Informatik – also „Informatik im Kontext“ – würde hier einen wichtigen Beitrag leisten, zu einer höheren Absolventenquote zu kommen, ohne das Niveau der Studiengänge abzusenken. Und nicht zuletzt wollen wir mit den Qualifizierungsangeboten und den Karrieremöglichkeiten in der Digitalbranche noch attraktiver für Frauen werden. Derzeit liegt der Anteil weiblicher Erstsemester knapp unter 25 Prozent. Hier ist noch viel Luft nach oben.

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