Praxisnaher Unterricht: Zu viele junge Menschen gehen aufs Gymnasium!

Ist der Unterricht an Deutschlands Schulen zu Praxisfern? Diesen Eindruck könnte man haben, wenn man auf den Lehrplan schaut: dort stehen Gedichtanalysen, Kurvendiskussion und Theorie an Stelle von Steuerklärung, Versicherungsvergleich und Haushalten. Ist da so richtig? wissensschule.de sprach mit Hans-Peter Wollseifer, dem Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks.

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Steuererklärung statt Kurvendiskussion — viele Schüler wünschen sich mehr Unterricht der auf das Leben nach der Schule vorbereitet. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema?

Mehr Praxis muss das Motto sein. Wer sich als Schüler gemeinsam mit beruflichen Profis praktisch beweisen kann, weiß danach, wofür er lernt. Dann macht auch das Rechnen Spaß, weil die Jungen und Mädchen wissen, wofür sie es im Beruf brauchen. Wenn die Lehrer außerdem noch die Wirtschaft erklären – aus Sicht des Verbrauchers, des Arbeitnehmers und des Unternehmers – umso besser!

Viele Unternehmen  klagen bereits seit einigen Jahren über die mangelnde Ausbildungsfähigkeit ihrer Auszubildenden. Wo sehen Sie Defizite bei jungen Menschen, die die Schule verlassen und wie kann man dem entgegen wirken?

Kein Kind ist heute dümmer als vor 20 Jahren. Aber der Druck ist stärker: Zuhause, in der Schule, im gesellschaftlichen Umfeld. Diesen Kindern müssen wir helfen, damit fertig zu werden. Mehr Ganztagsbetreuung hilft, der Einsatz von Sozialarbeitern, das Vermitteln von Werten und das Einbinden in gesellschaftliches Engagement.

Hat die Einführung der Schulreform an deutschen Gymnasien “G8” den gewünschten Erfolg gebracht oder sehen Sie dadurch weitere Defizite bei Schülern auf uns zukommen?

Das Problem ist doch, dass insgesamt zu viele junge Menschen auf das Gymnasium gehen – zuletzt machten 54 Prozent eines Jahrgangs Abitur. Die hohen Aussteigerzahlen an den Hochschulen zeigen, dass hier etwas falsch läuft. Es ist offenbar gerade gesellschaftlicher Konsens, dass man studieren muss, um etwas zu werden. Damit tut man den jungen Menschen keinen Gefallen. Wer will und kann, hat im Handwerk alle Chancen auf persönlichen und finanziellen Erfolg als Mitarbeiter oder Unternehmer.

Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe, warum sich das Handwerk in Puncto “Nachwuchsgewinnung” so schwer tut?

Die Betriebe sind mit der Zeit gegangen, sind modern aufgestellt, sehr innovativ, ein wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette der deutschen Wirtschaft.  Die öffentliche Anerkennung hinkt dem noch hinterher. Wir stellten fest, dass die Jugend Handwerk für verstaubt hält. Seit fünf Jahren zeigen wir mit einer Imagekampagne, was Handwerk heute ist. Viele Betriebe ziehen mit, machen die Ausbildung zu einer Marke, bieten Karrierepläne an. Schwächere Schulabgänger betreuen die Betriebe intensiver, etwa mit Nachhilfe.

Wie und wodurch können Unternehmen aber auch Verbände und Innungen mithelfen einen praxisnahen Unterricht mit zu gestalten?

Da gibt es landesweit viele ausgezeichnete Beispiele. Ich kann jeder Schule nur raten: Fragen Sie bei der nächsten Kreishandwerkerschaft, Innung oder Handwerkskammer an, ob sie mit den Bildungsstätten eine Partnerschaft starten können. Oder verabreden sie die Besuche von Meisterinnen und Meistern gemeinsam mit ihren Auszubildenden im Unterricht. Gehen Sie mit der Klasse zum Girl’soder Boy’sday oder nutzen die offenen Türen vieler Organisationen am “Tag des Handwerks” im September. Da sollte genug Stoff für spannenden Unterricht zusammen kommen.

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