Prof. Dr. Gerald Lembke: 5 Fragen — 5 Antworten

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Professor Dr. Gerald Lembke (1966 in Wolfsburg geboren) ist Buchautor, Vortragsredner, Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg sowie Vorstand im Bundesverband Medien und Marketing. wissensschule tauschte sich mit ihm über seine früheren Berufsperspektiven, digitale Medien bei Kindern und Jugendlichen sowie wachsenden Abhängigkeiten durch Smartphones und Tablets aus.

Die Frage, was man nach der Schulzeit vorhat, nervt nicht nur die Abschlussklassen. Mit der Antwort „Irgendetwas mit …“ zählen einige Schüler zwei Wochen vor dem Abitur schon zu den Entschlossenen. War Ihnen nach dem Abitur schon klar, wohin für Sie die Reise gehen würde?

Nein, überhaupt nicht. Ich musste kein Unternehmen meiner Familie leiten oder ein Erbe verwalten. Auch Einflüsse aus meiner Familie waren faktisch nicht vorhanden. Daher war ich zunächst frei in meiner Entscheidung. Doch dann wollte ich Musik studieren oder Tontechniker werden. Eltern und Freunde redeten auf mich ein, dass dies eine brotlose Kunst sei. Da kann man keine Karriere machen, auch mit Talent nicht. Obwohl mir beim Musizieren das Herz aufging, entschied ich mich gegen mein Herz und für eine grundsolide kaufmännische Ausbildung. Diese dreijährige Ausbildung sollte dann tatsächlich mein berufliches Leben in meinen Grundfesten beeinflussen. Musik machte ich erst 20 Jahre später wieder – als Hobby. 

Unternehmen und Verbände fordern bereits seit Jahren die verstärkte Vermittlung von Medienkompetenz in Schulen sowie die Einführung eines verpflichtenden Schulfachs Informatik. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Es sind weniger die Unternehmen und Verbände, die dies fordern. Es sind vereinzelte Politiker mit Profilierungsdrang in Richtung Digitalisierung. Da kann es einigen nicht schnell genug gehen. Vorneweg leitet die „Digitale Agenda“ der Bundesregierung, die grundsätzlich positive Aspekte beinhaltet, doch in Bildungsfragen oberflächlich („Medienkompetenz fördern“) oder aktionistisch anmutet. Hier wünsche ich mir mehr Tiefe und die Berücksichtigung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse, die zeigen, dass ein sehr früher Einsatz von mobilen Endgeräten und digitalen Medienkonsum im Alter von drei bis 12 Lebensjahren für die Wissensaneignung und Wissensspeicherung nicht hilfreich sind. Statt dessen verleiten diese zu virtuellen Spielereien, dauerhafter Ablenkung und verdrängen die reale Lebenswelt im Kinderalltag immer mehr. Eine Entwicklung, die ich für bedrohlich halte.

Mitunter treiben Forderungen Medienkompetenz bereits in Kindergärten zu vermitteln seltsame Blüten. Ab welchem Alter ist die Vermittlung von Medienkompetenz bei jungen Menschen zielführend ?

Immer erst dann, wenn Kinder die Fähigkeiten erlernt haben, digitale Medien und mobile Anwendungen selbstständig (!) und kritisch (!) zu reflektieren und zu bewerten. Dies gelingt den Kindern und Jugendlichen erst ab einem bestimmten Alter. Je nach individueller Entwicklung ab dem 11./12. Lebensjahr. Eine vermeintliche Ausbildung von selbständiger und kritischer Fähigkeiten im Kindergarten ist absurd. Oder kennen Sie Dreijährige, die den Unterschied zwischen einem gefakten Bild in einem Blog und einem journalistischen Bild in der Süddeutschen Zeitung zum Beispiel erkennen kann? Soll das den Kleinkindern beigebracht werden? Ihr Hirnentwicklung ist bis zum 11./12. Lebensjahr in keiner Weise in der Lage, dieses zu leisten.

Die digitale Revolution ist rasant und nicht aufzuhalten. Der gewonnenen Freiheit folgt eine wachsende Abhängigkeit durch Smartphones und Tablets.  Fluch oder Segen?

Eben, Fluch und Segen zugleich. In unserem Buch „Zum Frühstück gibt´s Apps – Umgang mit der digitalen Ambivalenz“ widmen wir uns diesem Thema ausführlich und differenziert. Wir Menschen haben mit der Einführung der Smartphones in Deutschlands vor sieben Jahren einen Kulturschock erfahren. Jeder Deutsche besitzt durchschnittlich 2,7 Smartphones, aktiviert dieses bis zu 200 Mal am Tag und nutzt es 3,5 Stunden täglich, davon eine Stunde nur für Facebook. Die Einfachheit und bequeme Nutzung führt uns in ein Abhängigkeitsverhältnis. Kein Smartphone? Keine Laune! Dazu kommen im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren 5 Mio. Menschen mit pathologischen Suchterscheinungen. Das ist wenig bezogen auf die Bevölkerung in der DACH-Region, aber kein Suchtverhalten in den letzten drei Jahren ist so signifikant und schnell gestiegen wie dieses. Das Kulturgut Smartphone muss sich der Frage unterwerfen, welche Ziele verfolgen wir Gesellschaft durch eine weiter zunehmende Smartphonenutzung und wo verändert sich Kultur, zum Guten und zum Schlechten?

In unserem Beitrag vom 09.02.2015 zum Thema Nomophobie haben wir uns bewusst diesem Thema gewidmet. Auch in Deutschland tendieren Nutzer von Mobiltelefonen zu nomophobem Verhalten. Schon für die 12- bis 13-Jährigen gehört demnach ein Smartphone zur StandardausstattungErsetzt das Smartphone zunehmend unser Gedächtnis oder hilft es  den herkömmlichen Unterricht zu revolutionieren?

Natürlich nutzen Menschen das Smartphone als einen Gedächtnisspeicher: Telefonnummern, Adressen, Notizen u. a. Daran ist per se nichts auszusetzen, sofern dies ergänzend statt findet und nicht substituierend. Kritisch ist das Verhalten zu werten, wenn in der Schule zunehmend das Erlernen von Fähigkeiten der Wissensspeicherung an Bedeutung verliert, indem gesagt wird, „…das könnt ihr doch googlen!“. Gerade heranwachsende Kinder sind angewiesen auf kognitiven Tätigkeiten, um eine normale Hirnentwicklung zu erfahren. Wenn diese kognitiven Fähigkeiten fehlen und nicht mehr genutzt werden, entwickelt sich das Hirn nicht entsprechend für geübte und eintrainierte kognitive Fähigkeiten. Dann müssen wir uns nicht wundern, wenn 12-jährige Kinder immer weniger wissen und Informationen aus Ihrem Wissensspeicher rezipieren können.

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