Studie “Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht”

In jeder Schule findet sich eine breite Vielfalt an Begabungen, Potenzialen und Interessen. Lehrkräfte haben den pädagogischen Auftrag, alle Schüler_innen bestmöglich in ihrer Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung zu unterstützen, um so die Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe, lebenslanges Lernen und ein erfülltes Leben zu schaffen. Die Studie bildet aus der Perspektive der empirischen Bildungsforschung Dimensionen von Heterogenität ab. Sie zeigt, wie das Schulsystem strukturell reagiert und welche Potenziale der Unterricht für die Förderung sehr unterschiedlicher Schüler_innen hat. Daraus werden Bedingungen für einen konstruktiven Umgang mit Heterogenität im Unterricht in einem inklusiven Schulsystem abgeleitet.

Dimensionen von Heterogenität: Heterogenität im Klassenzimmer entsteht aus unterschiedlichen Merkmalen. Die Studie unterscheidet den familiären Hintergrund (sozioökonomisch, Migrationshintergrund) und das individuelle Lernpotenzial (bildungssprachliche Fähigkeiten, Intelligenz, Vorwissen). Geflüchtete Kinder und Jugendliche bringen neue Facetten von Heterogenität in die Schulen, u.a. weil sie Deutsch neu lernen müssen. Sonderpädagogische Förderbedarfe oder chronische Krankheiten sind weitere Dimensionen von Heterogenität, ebenso Rollenerwartungen an Mädchen und Jungen.

Wie reagiert das Schulsystem auf Heterogenität? Das gegliederte deutsche Schulsystem ist historisch gewachsen und hat mit dazu beigetragen, dass der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg stark ausgeprägt ist. Seit PISA 2000 hat sich die Durchlässigkeit erhöht: Die Zahl der Schulen mit mehreren Bildungsgängen, die auch zum Abitur führen, hat zugenommen und Schüler_innen mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf haben das Recht, eine allgemeinbildende statt einer Förderschule zu besuchen. Die Differenzierung des Schulsystems hatte ursprünglich das Ziel, homogene Lerngruppen zu bilden, jedoch ist die leistungsbezogene Heterogenität auch innerhalb einzelner Schulformen beträchtlich.

Umgang mit Heterogenität im Unterricht: Innere Differenzierung zielt darauf ab, den Unterricht flexibel an den Kenntnisstand und die Lernbedürfnisse der Schüler_innen anzupassen – was impliziert, dass in einer Klasse verschiedene Lernaktivitäten zeitgleich stattfinden. Differenzierung kann z. B. im Tempo, im Niveau oder dem Ausmaß der Unterstützung und Zugänge erfolgen. Das erfordert von den Lehrkräften ein hohes Maß an diagnostischer und didaktischer Kompetenz. Eine lernbegleitende Diagnostik ist unerlässlich und es mangelt aktuell noch an differenzierten Unterrichtsmaterialien. Als ein Beispiel für einen konsequent differenzierten Unterricht wird das Lernbüro vorgestellt; das Gruppenpuzzle ist ein Beispiel für kooperative Lernformen.

Sprachförderung bedeutet nicht nur, die Alltagssprache zu lernen. Vielmehr ist für viele Schüler_innen die durchgängige Förderung der Bildungssprache im Fachunterricht wichtig. Die Autorinnen stellen Modelle der sprachlichen Bildung und der Integration neu eingewanderter Kinder vor und stellen fest, dass von der Einrichtung separater Vorbereitungsklassen eher abgeraten wird. Besonders leistungsstarke und begabte Schüler_innnen profitieren von einem binnendifferenzierten Unterricht, häufig werden aber weitere Lernangebote benötigt, damit auch diese Kinder ihr Potenzial voll entwickeln können. 

Neben dem Lernklima im Unterricht ist die Schule ein prägender Sozialisations- und Entwicklungsort für Kinder und Jugendliche. Ganztagsangebote haben ein großes Potenzial im Hinblick auf einen besseren Umgang mit Heterogenität. Ob dieses erfüllt wird, hängt u.a. davon ab, wie gut es gelingt, konsistent individuell zu fördern. Als Rahmenmodell für diese Fragen wird das ‚Response to Intervention‘-Modell vorgeschlagen, das sich als Modell für einen adaptiven, flexibel differenzierenden Unterricht eignet.

Wie können sich Schulen entwickeln? Eine intellektuell fordernde und anregende Lernumwelt fördert die Intelligenz von Schüler_innen. Für viele Lehrkräfte erfordert die Umstellung auf einen differenzierten Unterricht ein radikales Umdenken. Neben diesem Einstellungswandel sind diagnostische Kompetenz und didaktische Expertise erforderlich. Lehrer_innen benötigen Material, das sie bei der Diagnostik unterstützt und einen differenzierten Unterricht ermöglicht. Es sind Leitlinien dafür erforderlich, was Schüler_innen mindestens können sollen und in der Regel können sollten. Räume und Fachkräfte sind unerlässlich, damit außerschulische Faktoren einbezogen werden können. Ohne Unterstützung durch multiprofessionelle Teams ist das nicht möglich. Der Umgang mit Heterogenität in der Schule ist komplex, anspruchsvoll und bedeutet viel Arbeit.

Was brauchen Schulen für diese Entwicklung? Guter Unterricht muss zu den Lernmöglichkeiten und den Lernbedürfnissen der einzelnen Schüler_innen passen. Zentral ist der pädagogische Umgang der Lehrkraft mit Heterogenität. Dabei kommt es darauf an, die Kompetenzen von Lehrkräften zu erweiternundKooperation und Austausch zwischen Lehrkräften zu verbessern. Es werdenKonzepte, Materialien und Personal für die schulische Integration von zugewanderten Kindern und Jugendlichen benötigt und es müssen mehr  Materialien für einen binnendifferenzierten Unterricht entwickelt werden.

Studie Download

Sorry, comments are closed for this post.