Karriere ohne Studium? Und ob das geht!

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In der neuen Reihe „Kein Abi, na und!?“ möchten wir Menschen und ihre Perspektiven auch ohne Abitur vorstellen. Es geht darum zu zeigen, dass man auch ohne Abitur seinen Wunschberuf finden und eine erfolgreiche Karriere hinlegen kann. Dazu befragen wir ehemalige Schüler, heutige Auszubildende, die kein Abitur gemacht haben, aber auch Unternehmer, Personaler, Experten aus unterschiedlichen Bereichen sowie Verbände und Organisationen. Heute teilt uns dazu Mario Müller-Dofel seine Sicht der Dinge mit. In seinem neuen Buch “Karriere ohne Studium” lässt er Vorbilder und Experten zu Wort kommen und plädiert eindringlich für eine neue Wertschätzung von Nicht-Akademikern.


Seit mehr als 15 Jahren predigen die Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), sogenannte Bildungsökonomen und deutsche Politiker, Deutschland bräuchte eine deutlich höhere Akademikerquote. Nur so sei die Chancengerechtigkeit und die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Dabei wurde auf Länder wie die USA, Spanien, Frankreich und Griechenland als Maßstab verwiesen, weil diese eine höhere Akademikerquote haben. Dass dort schon als Studium gilt, was in Deutschland noch Berufsausbildung heißt, blieb unberücksichtigt. Ebenso, dass es Deutschland mit seiner weltweit bewunderten dualen Berufsausbildung und seiner lange qualitativ spitzenmäßigen Universitätsausbildung zu einem der wohlhabendsten und chancenreichsten Länder der Welt gebracht hat. 

Zufriedenheit ist nicht genug?

Laut einer im August 2015 veröffentlichten Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die große Mehrheit der in Deutschland Beschäftigten mit ihrem Job zufrieden. Dies sei seit 20 Jahren so. Auch für Arbeitende ohne Abitur und Studium ist das eine gute Nachricht, denn sie sind nach wie vor die Mehrheit in Deutschland. Und für viele von ihnen bedeutet eine erfolgreiche Karriere eben Zufriedenheit statt „Höher, schneller, weiter“. Zum Glück trifft das für viele Akademiker ebenfalls zu.    

Dennoch argumentieren die Befürworter einer möglichst hohen Akademikerquote, dass Hochschulabsolventen bessere Aufstiegschancen hätten und über ihre Lebensarbeitszeit mehr Geld verdienten. Dies und die Hoffnung auf einen höheren sozialen Status erscheint vor allem jungen Leuten zunehmend verlockend, so dass sich die Studienanfängerquote in Deutschland seit dem Jahr 2000 auf mittlerweile rund 60 Prozent fast verdoppelt hat. Und es sollen noch mehr werden. Was politisch gut gemeint ist, hat aber auch Risiken und Nebenwirkungen. So sinken das Renommee der dualen Berufsausbildung und die Zahl der Berufsschulstarter. Logisch.

Fehlinterpretationen genauer betrachtet

Allerdings: Dass Akademiker mehr verdienen als beruflich Qualifizierte ist eine vielfach wiederholte Fehlinterpretation der Gehaltsstatistiken. Im Buch „Karriere ohne Studium“, das zehn ausführliche Interviews mit erfolgreichen Nichtakademikern und renommierten Personalexperten vereint, hält Dr. Esther Hartwich vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) dagegen: „Das sind Durchschnittsbetrachtungen, die von bestimmten Berufsgruppen wie Ärzten und Juristen in die Höhe getrieben werden. Wenn man sich diese Studien genauer anschaut, stößt man aber zum Beispiel auf Archäologen mit 2.200 Euro brutto als Einstiegsgehalt. Ebenso haben Architekten zu Beginn ihres Arbeitslebens durchschnittlich lediglich 2.400 Euro zur Verfügung. Ich könnte etliche weitere Beispiele nennen.“ Viele Berufsschulabsolventen können weit mehr verdienen.   

Dass die beruflichen Chancen der Akademiker hierzulande besser als die von beruflich Qualifizierten sind, ist laut Hartwich „ebenfalls nur eine Durchschnittsbetrachtung, die für sich betrachtet desinformiert“. So liege die Arbeitslosenquote im Bereich Sozialarbeit/Sozialpädagogik bei 4,9 Prozent. Bei den Sprach-, Literatur- und Geisteswissenschaftlern sei sie gar beinahe doppelt so hoch, aber lediglich 1,3 Prozent der Humanmediziner fänden keine Beschäftigung. Dies senke die Quote insgesamt wieder. „Fakt ist außerdem“, sagt sie, „dass Berufsschulabsolventen, die sich danach zum Meister qualifiziert haben, mit einer Arbeitslosenquote von gerade einmal 2,1 Prozent eine höhere Beschäftigungssicherheit haben als Akademiker.“ Statistik steht also gegen Statistik. 

Misserfolge durch Druck von außen

Dennoch hören immer mehr junge Leute unreflektiert auf jene Interpretationen, die für ein Studium plädieren. Und das, obwohl viele von ihnen in einer praktischen Ausbildung viel besser aufgehoben wären. Die renommierte Karriereberaterin Jutta Boenig sagt in „Karriere ohne Studium“: „Ich bezweifle, dass jeder junge Akademiker von heute wirklich ein Akademiker ist. Das sieht man an den hohen Studienabbrecherquoten und den Klagen aus Wissenschaft und Wirtschaft über das enttäuschende Niveau vieler Hochschulabgänger.“

Die durchschnittliche Studienabbrecherquote in den Bachelor-Studiengängen liegt nach DIHK-Angaben bei 30 Prozent – trotz des gesunkenen Niveaus vieler Studiengänge und des Abiturs, wie selbst Professoren beklagen. Dies hat aber meist weniger mit „Dummheit“ zu tun, wie an manchem Akademiker-Stammtisch geurteilt wird, sondern vielmehr mit der Wahl von Ausbildungswegen, der nicht zu den Fähigkeiten und Leidenschaften der Studienabbrecher passen. Häufige Gründe für so verursachte Fehlstarts sind fehlerhafte Selbsteinschätzungen und Druck von außen – etwa durch Eltern, die ihr Kind auf Teufel komm raus an einer Uni und womöglich sogar in einem bestimmten Studiengang sehen wollen, den sie – die Eltern – für richtig halten. 

Dass ein Hochschulzertifikat bei immer mehr jungen Menschen als das einzig Wahre für den beruflichen Erfolg gilt, ist für den Psychologieprofessor und Berufseignungsdiagnostiker Heinz Schuler „eine gefährliche Entwicklung, weil Nichtakademiker sich zunehmend abgehängt fühlen. Und zwar abgehängt von Leuten, die nicht unbedingt gescheiter sind als sie, aber trotzdem mit einem akademischen Abschluss herumlaufen.“ Diese Wahrnehmung wäre ein demotivierendes Signal an die hunderttausenden Potenzialträger, die sich jedes Jahr für eine Berufsausbildung in Deutschland entscheiden. 

Sinkendes Angebot steigert die Nachfrage

Auch paradox: Mittlerweile steigt die Nachfrage nach praktisch Ausgebildeten in vielen Wirtschaftsbereichen deutlich, weil das Angebot – auch an sogenannten High Potentials in diesem Bereich – wegen des Akademisierungstrends deutlich sinkt. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen klagen über Fachkräftemangel. 

„Und es geht doch!“, möchte man rufen. Karriere ohne Studium – Deutschland ist ein Ort dafür! Ein erfüllender Job, zufriedenstellende Bezahlung, Qualifizierungschancen, sozialer Aufstieg: Das, was Karriere wirklich ausmacht, ist für in Deutschland seit 60 Jahren ohne Studium möglich. Also nur Mut – auch gegen den öffentlichen Meinungstrend! Unser Land bietet Menschen jeglicher Herkunft weit mehr Chancen als die meisten anderen Länder der Welt. 

Selbstläufer sind Karrieren ohne Studium allerdings trotz der neuen Chancen nicht. Erfolg will erarbeitet sein. (Das gilt für Akademiker ebenso; künftig in vielen Bereichen sogar mehr denn je, weil immer mehr von ihnen in Wettbewerb treten.) Und dafür wiederum braucht es noch mehr Menschen als das Individuum, das sich auf seinen Karriereweg macht. Die folgenden Zeilen sind auch den Karrierebegleitern gewidmet: 

Lehrer müssen Orientierung fördern

Einen besonders großen Einfluss darauf, wie junge Erwachsene ins Berufsleben starten, haben Haupt-, Real- und Gymnasiallehrer. Sie sollten ihren Schülern mit Nachdruck vermitteln, wie wichtig soziale Kompetenzen und persönliches Engagement für eine befriedigende Berufslaufbahn sind. Ebenfalls sollten sie die Eigenverantwortlichkeit und die Berufsorientierungskompetenz ihrer Schüler stärken.

Der ehemalige Personalvorstand der Deutschen Telekom AG, Thomas Sattelberger, fordert sogar, dass Berufsorientierung „als eigenes Fach in den Schulunterricht eingewoben oder in jedes Fach integriert werden“ muss.

Eltern sollten Vertrauen schenken

Wenn Kinder nach der Grundschule nicht aufs Gymnasium oder junge Erwachsene nach dem Abitur nicht auf die Hochschule gehen, können ihre Eltern gelassen bleiben. Denn ihren Sprösslingen stehen auch nach der Schul- und Berufsausbildung noch viele Qualifizierungswege offen – bis hin zum Studium ohne Abitur.

Bundesarbeitsagentur-Chef Frank-Jürgen Weise sagt: „Es ist nicht gut, wenn Eltern ihre Kinder in bestimmte Karrierefade hineinpressen wollen. Verantwortungsvoll handeln sie, wenn sie ihre Nachkommen darin unterstützen, ihren eigenen, für sie passenden Weg zu finden.“ Mit elterlicher Rückendeckung werden junge Leute ihre Chancen zu nutzen wissen.

Vorgesetzte dürfen Noten vergessen

Personaler und Vorgesetzte sollten sich bei Neueinstellungen nicht nur auf formale Abschlusszertifikate von Bewerbern fokussieren, sondern sich intensiv mit deren Persönlichkeiten auseinandersetzen. Der Personalchef des Autobauers Audi, Thomas Sigi, sagte kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Wir stellen Menschen ein, keine Noten.“ Das ist in der zeugnisgläubigen deutschen Personalerszene ein bemerkenswerter Satz.

Die Deutsche Bahn behandelt Noten ebenfalls nachrangig, weil zum Beispiel bei Lokführern und Fahrdienstleistern das Pflichtbewusstsein wichtiger sei als die Mathe-Note. Der Internetkonzern Google herausgefunden, dass bei seinen Beschäftigten kein Zusammenhang zwischen Ausbildungsnoten und späterer Arbeitsleistung besteht.

Politiker müssen enttäuschen

Politiker sollten die Risiken und Nebenwirkungen des Akademisierungstrends deutlich ansprechen. Zum Beispiel dürfte die steigende Zahl der Hochschulabgänger dazu führen, dass immer mehr akademisch Ausgebildete in Jobs landen, für die auch Berufsschulabsolventen qualifiziert sind. Berufseignungsdiagnostiker Professor Heinz Schuler sagt: “Früher waren Akademiker die ‚Häuptlinge‘ und Nichtakademiker die ‚Indianer‘. Da die Zahl der Führungspositionen aber nicht mit der Hochschulabsolventenzahl steigt, werden immer mehr Akademiker zwangsweise Indianer – und damit unzufrieden.“

Viele Hochschulabsolventen fragen sich heute schon bei ihrer langwierigen, enttäuschenden Jobsuche, warum sie eigentlich studiert haben. Weil sie sich getäuscht haben?

Erfolg braucht „Feuer“

Die wichtigsten Akteure für eine erfolgreiche Karriere sind natürlich die Schulabgänger und Ausgebildeten selbst: Sie sollten sich bei ihren Ausbildungs- und Jobentscheidungen nicht nur von den Erwartungen anderer leiten lassen, sondern vor allem aus eigener Überzeugung und Leidenschaft handeln. „Nur, wenn sie inneres Feuer für ihren Beruf empfinden, können sie darin gut werden“, sagt Karriereberaterin Jutta. Richtig gut werden sie, wenn sie sich nach ihrer Ausbildung weiterbilden. Und das auch auf eigene Kosten, wenn der Arbeitgeber die finanzielle Unterstützung verweigert. Denn gute Weiterbildungen nähren immer den Geist und meist bald auch das Konto.

Und wenn mal etwas schief läuft? In „Karriere ohne Studium“ sagt der bekannte (TV-) Koch Tim Mälzer: „Dann jammert nicht herum, wie arm, doof oder alleine Ihr seid, sondern steht drüber, lernt aus Fehlern und macht’s besser.“ Diesen Appell sollten sich Berufsschulabsolventen und Akademiker gleichermaßen zu Herzen nehmen. Denn Deutschland braucht beide – topmotiviert- und topausgebildet.

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