5 Fragen — 5 Antworten „Schule_digital“ mit Professor Christoph Igel

(c) DFKI | EdTec, 2019

Die Digitalisierung in Gesellschaft und Arbeitswelt schreitet unaufhörlich voran, allein um die digitale Bildung ist es in Deutschland nicht zum besten bestellt. Mit dem Beschluss des Bundestags, den Weg für den vor über zwei Jahren angekündigten Digitalpakt für Schulen mit einer Grundgesetzänderung freizumachen, schien der hart umkämpfte Kompromiss eigentlich gesichert zu sein. In unserer Themenreihe Schule_digital tauscht sich wissensschule dazu sowie zum Thema Künstliche Intelligenz (KI) mit Professor Dr. Christoph Igel aus.

Herr Professor Igel, können Sie sich bitte unseren Leserinnen und Lesern einmal kurz vorstellen?  

Sehr gerne. Ich lehre und forsche seit zwischenzeitlich mehr als 20 Jahren zu Einsatz und Nutzung innovativer Technologien in der Bildung. Didaktisch-methodisch und lernpsychologisch fundierte Unterrichts- und Lernszenarien stehen dabei im Mittelpunkt, deren Gestaltung, Umsetzung, Analyse und Evaluation. In Schule, Hochschule und in der Berufsbildung. Ich tue dies in meiner Funktion als Wissenschaftlicher Direktor des Educational Technology Lab des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz in Berlin. Zugleich bin ich Honorarprofessor an der Fakultät für Informatik der Technischen Universität Chemnitz, Visiting Professor an der Shanghai Jiao Tong University und Visiting Professor an der Fern Universität in Hagen. Ich denke, dies sind wichtige Eckpunkte und Stationen meiner bisherigen Vita.

Digitalisierung ist kein theoretisches Konstrukt sondern muss für Schülerinnen und Schüler erfahrbar gemacht werden. Was und wie müssen Schülerinnen und Schüler in der Schule lernen, um gut vorbereitet für die Digitalisierung zu sein?

Digitalisierung ist in der Tat kein theoretisches Konstrukt. Es umfasst die Überführung des Analogen ins Digitale, also unserer greifbaren, physischen Welt in eine virtuelle, eine Cyberwelt. Informations- und Kommunikationstechnologien werden hierfür genutzt und Daten sind die Basis der Digitalisierung. Wir erleben seit mehreren Dekaden, dass mit der Digitalisierung beabsichtigte und unbeabsichtigte, gewollte und nicht gewollte Effekte einhergehen. In unserer Gesellschaft und mit den Menschen. Dies scheint mir das Wesen der Digitalisierung zu sein. Nicht Technologien, nicht Anwendungen oder Werkzeuge, Hardware oder Software, wie manche Evangelisten uns glauben machen wollen. Insofern müssen Schülerinnen und Schüler lernen, kritisch-reflektiv zu sein, selbstbestimmt, kompetent und sich bilden, um eben die Digitalisierung verstehen, begreifen, beschreiben zu können. Und um entscheiden zu können, ob und wenn ja, wann und wofür man Technologien einsetzen kann. Oder eben auch nicht. Dabei ist es meiner Erfahrung nach wichtig, Grundlagenwissen über Technologien und Techniken, Daten und Informationen zu haben.

Die von Ihnen geleitete Expertengruppe Intelligente Bildungsnetze stellt Deutschland im internationalen Vergleich beim Thema Digitale Bildung nicht die allerbesten Noten aus. Wo stehen wir heute im internationalen Vergleich?

Leider unverändert -im Mittelfeld. Tendenz fallend. Wiederholte Analysen von Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verbänden und Startup-Szene ergeben seit Jahren etwa für die Hochschulen und die Berufsbildung ein stabiles Bild: Deutschland verkommt bei der Digitalisierung der formalen, informellen und non-formalen Bildung und Qualifizierung zu einer attraktiven Vertriebsregion für US-amerikanische, mittlerweile auch asiatische Anbieter von Hard- und Software. Und demnächst vielleicht auch für international agierende Anbieter von qualitativ hochwertigen Bildungsinhalten. Dem ein oder anderen mag diese Position durchaus angenehm sein, so als könne man sich von den Besten weltweit das Beste für die Bildung aussuchen. Man mag es nicht glauben, derartige Argumentationen wurden in den letzten Jahren wiederholt an uns herangetragen. Wir vertreten als Expertengruppe jedoch die Meinung, dass wir die beste Bildung mit den besten Technologien verbinden müssen. In intelligenten Bildungsnetzwerken von Schulen, Hochschulen, Unternehmen. Und selbstredend: so wie wir den Anspruch haben und uns die Kompetenz zuschreiben, die besten Bildung selbst gestalten zu wollen und zu können, müssen wir auch den Anspruch haben und über das Handwerkszeug verfügen, die besten Technologien für die Bildung selbst zu entwickeln. Und diese nicht von Dritten zu übernehmen. Weil es so einfach und bequem ist. Wo bleibt unser Ehrgeiz? Unser eigener Anspruch an uns selbst?

Die Digitalklausur der Bundesregierung fand am 14.-15.11. im Hasso-Plattner-Institut in Potsdam statt. Die 5 Handlungsfelder der Digitalstrategie der Bundesregierung lauten:  Digitale Kompetenz, Infrastruktur und Ausstattung, Innovation und digitale Transformation, Gesellschaft im digitalen Wandel und Moderner Staat. Nehmen wir die beiden ersten Handlungsfelder und übertragen das auf unsere Schulen, so stellt sich doch hier die Frage, hätten wir diese Themen nicht schon längst abarbeiten müssen? Andere Länder sind hier wesentlich weiter!

Ich habe gerade ein Déjà-vu: fand nicht im Jahr 2006 am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam der erste IT-Gipfel der Bundesregierung statt? Motivation hierfür war die Zunahme der Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnologienfür die deutsche Wirtschaft im Prozess der Globalisierung. Ein 12-Punkte Programm entstand damals, die so genannte Potsdamer Erklärung, mit klaren Handlungsempfehlungen, von denen ich nur einige in Erinnerung rufen möchte: in Deutschland sollte eine weltweit führende IT-Infrastruktur geschaffen werden, ebenso sollte der Aufbau netzwerkorientierter Softwarekompetenzen fokussiert werden. Internationale Toptalente wollte man für Deutschland gewinnen und auch die Verwaltung sollte durch eine E-Government-Initiative aus dem Mittelfeld in die europäische Spitze katapultiert werden. Es ist unstrittig, dass seither einiges geschehen ist, Investitionen erfolgten, Innovationen geschaffen wurden. Doch ist es genug? Nein, ich denke nicht. Keine flächendeckende Breitbandversorgung, auch und gerade für unsere Schulen. Kaum ausreichende digitale Kompetenzen – bei Lehrenden und Lernenden. Und ich neige dazu zu sagen: und ein unzureichender Willen im Kultusbereich, die Digitalisierung der Schulen wirklich umzusetzen. Wir vergehen uns seit Jahren an der Zukunft unserer Kinder.

Auch das Thema Künstliche Intelligenz (KI) steht bei der Bundesregierung ganz oben auf der Agenda. Künstliche Intelligenz, bei all seinen enormen Möglichkeiten, kann aber auch verstörend wirken und unserer Gesellschaft potenziell schaden, falls sich nicht ein breites Bewusstsein dafür entwickelt, was wir von KI erwarten können und wo vor allem auch die ethischen Grenzen von KI definiert werden. Dazu brauchen wir als Fundament eine Haltung und Kultur, ein belastbares Wertesystem für alle. Teilen Sie die Meinung, dass sich im Moment zu wenig berufene Menschen mit der Beantwortung dieser so zentralen Aufgabe auseinandersetzt?

In der letzten Legislatur waren es die Themen Industrie 4.0, Internet der Dinge und Plattform-Ökonomie. Nun ist es Künstliche Intelligenz, Lernende Systeme und Maschinelles Lernen. Unabhängig von politischer Programmatik, Regierungs- und Parteiprogrammen erscheint mir eine Sache sehr viel bedeutsamer, weil nachhaltiger: wie ist unsere Haltung als Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, als Mitglieder dieser Gesellschaft zu diesen Themen? Zur Digitalisierung und der schon längst entstandenen Cyberwelt? Zur Sicherheit von Daten und Informationen in Internet und seinen Diensten? Zum kulturellen Wandel der Bildung durch das Digitale? Zu einer sich verändernden Rolle von Lehrenden und Lernenden in vernetzten Welten? Kurzum: In welcher Welt wollen wir heute eigentlich leben? Künstliche Intelligenz befeuert aktuell nur das Offensichtliche: die Frage nach der Autonomie des Menschen, nach der Entscheidung über den nächsten Schritt. Trifft diese der Mensch? Oder der Computer? Warum beschäftigt uns so sehr die Frage, ob Computer menschähnlich intelligent sind? Und ob sie ethische Fragen verstehen oder gar beantworten können? Oder ob Künstliche Intelligenz auch Dilemmata lösen kann? Wen überfährt das selbstfahrende Auto in einer Krisensituation? Das Kind? Die Mutter? Oder den Greis? Können wir Menschen diese Frage ethisch einwandfrei beantworten? Ich denke wohl kaum. Die Debatte um Künstliche Intelligenz stimuliert derzeit eine Rückbesinnung auf Werte, Moral, Kultur, ein Nachdenken über gesellschaftlichen Zusammenhalt. Darüber bin ich wirklich sehr froh. Es geht um den Menschen. Endlich mal wieder. Uns sollte jedoch ein Fehler dabei nicht unterlaufen: Die Debatte um Künstliche Intelligenz ist keine wirklich weit verbreitete, vielmehr wird sie de facto – in Bezug auf alle Bürgerinnen und Bürger Deutschlands – in einem kleinen Kreis geführt. Manch einer hat sich schon abgewandt, viele werden sich der Debatte verweigern. Wie schaffen wir es also, das Nachdenken gemeinschaftlich in die Breite zu bringen? Und damit meine ich nicht nur das Nachdenken über Künstliche Intelligenz.

An der Uni Marburg wird bereits der Lernroboter Yuki  in der Hochschullehre eingesetzt. Werden weitere Hochschulen nachziehen und für wie sinnvoll erachten Sie die Einsätze von Lernrobotern in Hochschulen und/oder in Schulen?

Heute ist es der Lernroboter Yuki, gestern war es eine Lern-App auf dem Smartphone, vorgestern war es spiele basiertes Lernen im Unterricht. Es ist auch – zumindest gefühlt – erst ein paar Tage her, dass Virtuelle Hochschulen die Präsenzhochschulen abzulösen drohten, Lehrende aufgrund KI-basierter Lernsysteme nicht mehr erforderlich sein werden und der gläserne Schüler das Schreckensszenario jeden wohlmeinenden Datenschützers in Deutschland sein wird. Solange Technologien die Bildung bereichern, didaktisch und lernpsychologisch wertvoll sind, oder hie und da auch gerne mal die Motivation beim Lernen steigern helfen –da kann ich nur sagen: lasst es uns doch versuchen. Auch gerne den Lernroboter Yuki. Warum denn nicht? Wenn es sinnfrei ist, werden solche Anwendungen ohnehin nur ein Strohfeuer sein. Und selbst dann kann es pädagogisch richtig sein, sie zu nutzen: eben zur Demonstration der Sinnfreiheit. Eines ist für mich jedoch sicher: Das Verhältnis zwischen einem Schüler und seinem Lehrer wird immer ein besonderes, von Vertrauen geprägtes, bleiben. Heute und in der Zukunft. Das kann der Lernroboter Yuki vielleicht hie und da durch ein Mehr an Informationen sinnvoll ergänzen. Niemals aber wirklich substituieren.

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