Lernwelten des Albrecht-Ernst Gymnasiums in Oettingen

“Die Schule sollte kindgerecht gemacht werden und nicht die Kinder schulgerecht” A.S. Neill

Ich möchte mit diesem Beitrag einen Eindruck davon vermitteln, wie wir am Albrecht-Ernst-Gymnasium glauben, dass eine moderne Schule sein sollte und warum wir versuchen einiges anders zu machen, als es „schon immer“ war.

Die Herausforderungen, die auf die kommenden Generationen zukommen, werden gewaltig sein. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, benötigen die jungen Menschen nicht nur Wissen, sondern vor allem Können. Das wird mir bei Gesprächen immer wieder bestätigt. „Wir brauchen Leute, die kreativ und vor allem teamfähig sind, die Mut haben neue Wege zu gehen und die etwas können!“

So die Kernaussage bei einem großen Kongress von Unternehmern aus Europa, zu dem ich schon mehrfach eingeladen war. Noten verlieren heute schon und in Zukunft immer mehr an Bedeutung. Zukunftschancen erwachsen allein durch „Können“.

Um etwas wirklich zu können, ist nachhaltiges Lernen nötig. Jede und jeder von uns kann nur etwas lernen, wenn man aktiv mit den Inhalten umgeht. Durch bloßes Zuhören ist dies nicht möglich.

Kinder lernen immer, denn das menschliche Gehirn ist dazu gemacht, immer lernen zu wollen. Diese Erkenntnis ist in der Lernforschung unumstritten. Warum aber beobachten und beklagen wir in unseren Schulen so oft die Lernunlust unserer Schüler? Am Albrecht-Ernst-Gymnasium haben wir, den wissenschaftlichen Aussagen folgend, einen schülerzentrierten, individualisierten Unterricht in den Mittelpunkt unseres pädagogischen Konzeptes gestellt. Wenn Lernen im eigentlichen Sinne geschehen soll, nachhaltiges Lernen, das zum Können führt, muss man die Tatsache ernst nehmen, dass jedes Kind individuelle Möglichkeiten bekommen muss, um sich Fähigkeiten und Wissen nach seiner eigenen Lernstruktur anzueignen. Man kann niemand, auch Kinder nicht und schon gar nicht 25 Schüler auf die gleiche Art und Weise von außen, also extrinsisch motivieren. Wird es versucht, basiert es auf den Konsequenzen von Belohnung oder Bestrafung. Gewöhnungseffekte führen dazu, dass sich diese äußeren Anreize schnell abnützen und es entsteht keine Nachhaltigkeit, kein Lernen, wie es eigentlich gewollt wird. Dann lernen die Kinder z.B. um guter Noten Willen oder aus Angst vor der Nicht-Versetzung. Ist das angestrebte Ziel erreicht, hat das Gelernte seinen Zweck erfüllt und ist zugleich unwichtig geworden. Deshalb kann Lernen nur gelingen, wenn es durch intrinsische Motivation erfolgt. Sie ist eine der stärksten Kräfte im Menschen. Wenn ein Kind begeistert und fasziniert von etwas ist, wenn Inhalte in einen interessanten und für das Kind relevanten Kontext gestellt werden, dann erhält die angeborene Neugier ihren Raum und wird zum Motor für intensives Lernen. Schon Winston Churchill hat dies treffend ausgedrückt, wenn er schreibt: „Persönlich bin ich immer bereit zu lernen, obwohl ich nicht immer belehrt werden möchte.“ Und nebenbei gesagt: Uns Erwachsenen geht es doch genauso! Damit muss sich zwangsläufig die Lehrerrolle ändern. Vom Belehrenden wird er zum Helfer für die Kinder, der ihnen vielfältige Möglichkeiten und Wege anbietet, sich Zeit nehmen kann zur individuellen Beratung und Förderung, der Schüler für Inhalte begeistern kann, weil er selbst davon begeistert ist. Diese Erkenntnis ist eigentlich nicht neu, denn Galileo Galilei wusste schon: “Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“ Wir wissen doch alle, dass Kleinkinder von Anfang an Spaß am Lernen haben, ohne, dass man sie dafür belohnen müsste – man bestraft sie auch nicht, wenn sie Fehler machen, wie es in der Schule die Regel ist – sie sind wahre Meister des Lernens, „weil wir noch keine Chance hatten, es ihnen abzugewöhnen“, wie Prof. Manfred Spitzer schreibt. An kleinen Kindern kann man auch schon beobachten, dass sie das, was sie entdeckt, gelernt haben, was sie können, vor allem anderen zeigen, mitteilen möchten. Kann etwas, das von der Tafel in ein Heft notiert, einmal abgefragt oder in einer Probe gefordert wird und dann keine weitere Beachtung mehr findet, wirklich interessant sein? Kinder möchten auch in der Schule zeigen, präsentieren, was sie erarbeitet, sich ausgedacht und erforscht haben. Diese Form von Beachtung und Anerkennung ist für sie wichtiger als Noten. Deshalb ist Transparenz nötig, gegenseitiges Begegnen, Wahrnehmen. Wir möchten, dass Schule, dass Lernen von den Kindern als etwas Positives erlebt wird, denn – eine weitere unbestrittene Erkenntnis der Lernforschung – nur wenn sie gerne, mit Freude lernen, gelingt es auch. Deshalb sollte Unterricht nicht mehr hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Damit Lernen gelingen kann, darf man einen weiteren wichtigen Aspekt nicht länger außer Acht lassen, nämlich den, dass Jungen in der Regel anders lernen als Mädchen. Auch dies kann an dieser Stelle nicht umfassend ausgeführt werden, aber einen wichtigen Punkt sollte man im Unterricht unbedingt berücksichtigen: Jungen müssen sich noch viel mehr als Mädchen bewegen dürfen.

Damit diese pädagogischen Vorgaben eines selbstständigen, eigenverantwortlichen, schülerzentrierten und damit auch gehirngerechten Lernens möglichst optimal umgesetzt werden können, muss zwangsläufig auch die räumliche Gestaltung angepasst werden. Um alles das, was oben ausgeführt wurde, auch bestmöglich verwirklichen zu können, haben wir zunächst ganz neue Wege beschritten und zwölf ehemalige Klassenzimmer im Altbau zu zwei modernen Lernwelten umgestaltet, so dass die fünfte, die sechste und die siebte Jahrgangsstufe und ihre Lehrer in jeweils einer, wie wir meinen, optimalen Lernumgebung lernen und arbeiten können.

Das Konzept der Lernwelt sieht die Abkehr vom herkömmlichen Unterricht vor, der sich von der ersten bis zur letzten Minute im Klassenzimmer abspielt. In der A-E-G-Lernlandschaft haben die Zimmer keine Türen mehr, große Tafel und Lehrerpult sind verschwunden, die Anordnung der Schulbänke ist dank kleiner Tische, die beliebig aneinandergestellt werden können, flexibel. Die Zimmer haben Fenster und lassen sich vom Gang aus einsehen. Das Arbeitsmaterial lagert nicht nur im Klassenzimmer, sondern vor allem im Gang. Nischen in den Wänden dienen als Regale, in denen sich Bücher, Arbeitsblätter und Schautafeln finden. Zum Lösen von Aufgaben greifen die Schüler auf diese Materialien zurück, zum Lesen und Lernen gibt es offenenBereich unterschiedliche Sitzmöglichkeiten. Die Lehrer bewegen sich innerhalb und außerhalb der Klassenbereiche und sind jederzeit für alle Schülerinnen und Schüler ansprechbar. So erweitert sich der Lernraum und das individuelle Lernen wird dadurch gefördert. Außerdem haben die letzten Schuljahre gezeigt, dass in den Lernwelten aufgrund des Raum- und Lernkonzeptes nahezu keine Unterrichtsstunde ausfällt. Die Schüler haben immer umfangreiches Lern- und Übungsmaterial zur Verfügung und sind aufgrund des offenen Raumkonzeptes durch die anwesenden Lehrkräfte beaufsichtigt und können sich jederzeit mit Fragen an diese wenden.

Seit Beginn des Jahres 2015 sind auch die Lernwelten für die Jahrgangsstufen 8, 9 und 10 fertiggestellt. Diese sind, und das ist ein auch vom Kultusministerium bestätigtes  absolutes pädagogisches Alleinstellungsmerkmal der Schule, in ihrer Architektur altersgerecht gestaltet. Es ist eben nicht mehr so, dass Klassenzimmer für alle Jahrgangsstufen gleich gestaltet sind, diese Lernbereiche entsprechen auch nicht denen der Unterstufe. Sie sind unter Beibehaltung unseres pädagogischen Konzeptes architektonisch auf die Bedürfnisse der 14 bis 16 Jährigen abgestimmt.

Liebe Leser, ich hoffe, ich konnte Ihnen vermitteln, dass unser Konzept, das über viele Jahre gewachsen ist, wohlüberlegt und auf der Basis vieler wissenschaftlicher Erkenntnisse und Erfahrungen Schritt für Schritt aufgebaut wurde. Obwohl wir, was die technischen Möglichkeiten anbelangt – Tablets für individualisierten Unterricht, Beamer in allen Räumen, W-LAN in der ganzen Schule – bereits sehr gut ausgestattet sind, versuchen wir, uns den Herausforderungen, gerade was die „Digitale Bildung“ in der Zukunft betrifft, zu stellen und neue Entwicklungen aufzugreifen, um den Kindern und Jugendlichen auch auf diesem Gebiet die bestmöglichen Voraussetzungen bieten zu können.

Wir sind auf einem Weg, versuchen unser Bestes zu geben, wohl wissend, dass wir auch Fehler machen und nicht alles perfekt klappen kann.

Dieeigenen positiven Erfahrungen im Unterrichtsalltag, die Aussagen der Schülerinnen, Schüler und Eltern, die mehreren tausend Besucher aus mittlerweile allen Teilen Deutschlands und darüber hinaus, die das pädagogische Konzept und dessen Umsetzung am Albrecht-Ernst-Gymnasium überzeugend finden, bestärken uns aber darin, dass wir auf dem richtigen Weg sind, zum Wohl der uns anvertrauten Kinder und auch der mit ihnen arbeitenden Kolleginnen und Kollegen.

Wir wollen weiter daran arbeiten, dass „die Schule kindgerecht gemacht wird und nicht länger die Kinder schulgerecht!“

 Günther Schmalisch, Schulleiter


Über den Autor: Günther Schmalisch war nach seinem Studium und dem Referendariat zunächst für drei Jahre Lehrer am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham. Ab 1990 unterrichtete er in seinen Fächern Deutsch und Evangelische Religionslehre am Albrecht-Ernst-Gymnasium in Oettingen. Im Jahr 2000 wurde er Mitarbeiter in der Schulleitung, 2011 stellvertretender Schulleiter und ist seit 2016 Schulleiter des A-E-G. Etwa seit dem Jahr 2000 beschäftigt er sich intensiv mit Schulentwicklung und erarbeitete maßgeblich das pädagogisch-didaktische Konzept und verbunden damit auch das spezielle Raumkonzept der Schule. Wichtig war und ist ihm die Umsetzung der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse zum Lernen in einem  schülerzentrierten, individualisierten Unterricht. Die Raumgestaltung muss dieses Lernen unterstützen und gleichzeitig ebenfalls altersgerecht angepasst sein. Es ist ihm wichtig, die Ableitung des staatlichen Schulsystems aus den preußischen Militärschulen in der Art, wie Unterricht gestaltet wird, aber auch Schulen gebaut wurden bzw. noch immer gebaut werden, aufzuzeigen und damit den Widerspruch zu einem nachhaltigen, effektiven Lernen, das zu einem „Können“ führt, sich nicht mit Noten zufrieden gibt, was wiederum ein schnelles Vergessen der Inhalte zur Folge hat, deutlich zu machen. Für dieses Konzept erhielt Günther Schmalisch zusammen mit einer seiner Teampartnerinnen 2013 den Deutschen Lehrerpreis.
In den letzten zehn Jahren haben mehrere tausend Gäste aus ganz Deutschland und darüber hinaus seine Schule aufgesucht. Auch bis Singapur und Brasilien hat sich das Konzept bereits herumgesprochen und Besucher angelockt. Aktuell laufen die Planungen für die noch ausstehenden Umbauten der naturwissenschaftlichen Bereiche und die für zwei Oberstufenjahrgänge.

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