Von den Besten lernen…

… Interview mit dem Projektleiter des “digitalen Bildungskonzepts – vom Scheitern zum Erfolg” am Gymnasium Würselen

In unserer Rubrik “SCHULE_DIGITAL” wollen wir Wissensvermittler zu unterschiedlichen Themen im Bereich „Digitale Bildung“  zu Wort kommen lassen und um ihre Meinung fragen. Heute tauscht sich wissensschule mit Frajo Ligmann aus. Herr Ligmann ist Projektleiter des “digitalen Bildungskonzepts – vom Scheitern zum Erfolg” am Gymnasium Würselen, das den digitalen Bildungspreis delina 2017  gewonnen hat.

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Der Einsatz digitaler Medien an und in den Schulen wird durchaus kontrovers diskutiert. Regelmäßig lesen und hören wir, dass die digitalen Medien das Lernen und Lehren massiv verändern werden. Wie sind Ihre Erfahrungen, lernen Schülerinnen und Schüler jetzt anders?

Ich wäre da etwas vorsichtiger, was eine solche Formulierung betrifft. So ein Szenario wird von manchen ja eher als Drohung verstanden und ist mit ein Grund für die Widerstände, die im Kollegium gegen digitale Medien auftauchen können.

Es kann nicht darum gehen, das umzukrempeln, was bisher im Unterricht schon gut funktioniert hat. Wichtig ist weiterhin die Lehrerpersönlichkeit und die Beziehung der Lehrkraft zur Klasse.

Darüber hinaus sollten wir zwei Dinge unterscheiden:

  • Inhaltlich wird sich das Lernen verändern müssen, um dem gesellschaftlichen Wandel gerecht zu werden. Denn die Digitalisierung hat zum einen Berufsfelder stark verändert. Zum anderen taugt die klassische Unterscheidung in private und öffentliche Kommunikation in Zeiten von Social Media nicht mehr. Hier gilt es, neue Regeln der Kommunikation zu erlernen, neues Verantwortungsgefühl bei eigenen Veröffentlichungen zu schaffen sowie Beiträge anderer kritischer denn je zu betrachten.
  • Die zusätzlichen Möglichkeiten, die sich durch den Einsatz digitaler Werkzeuge ergeben, müssen reflektiert werden. Hier gibt es großartige Szenarien, durch die sich unser Lernen und Lehren zumindest punktuell verbessern kann. Wobei mir folgende Grundsätze gut gefallen:
    • Schlechter Unterricht wird durch digitale Werkzeuge nicht besser.
    • Gute Lehrer können auch ohne digitale Werkzeuge guten Unterricht halten.
    • Guter Unterricht kann durch digitale Werkzeuge noch besser werden.

Im Kern geht es also um die Frage, was guter Unterricht ist, und diese Frage sollte zunächst mal unabhängig von digitalen Werkzeugen beantwortet werden. Dann wird man hoffentlich feststellen, dass digitale Geräte uns auf dem Weg sehr gut unterstützen können. 

Wenn Lehrerinnen und Lehrer ihre Schüler fit machen sollen im Umgang mit neuen Medien, so sollte dies doch sicherlich auch in der Lehrerausbildung mit berücksichtigt werden. Was muss sich hier ändern?

In NRW wird ab 2019 der Unterricht mit digitalen Medien verpflichtend in die Referendarsausbildung mit aufgenommen. Das ist schon mal ein guter Ansatz. Jedoch sind bislang die Fachleiter*innen zum großen Teil noch nicht auf diese Situation vorbereitet. An den Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsLs) kommt dieser Prozess erst allmählich in Gang. Zur Zeit läuft die längst fällige Initiative, die ZfsLs mit vernünftigen Breitbandanschlüssen und WLAN auszustatten. Erst wenn dies zuverlässig zur Verfügung steht, kann man den eigentlich wichtigen Schritt machen: Didaktische Szenarien erproben, die Unterricht verbessern können. Hier fehlt mir zur Zeit noch ein geeignetes Fortbildungskonzept für Fachleiter*innen, die genau diesen Aspekt vermitteln. Da ich selbst auch Fachleiter an zwei ZfsLs bin, versuche ich, meine praktischen Erfahrungen mit unseren Tablet-Klassen in die Medienkonzepte der ZfsLs einfließen zu lassen. Das ist derzeit aber noch regional begrenzt. Hier eröffnen sich hoffentlich noch Möglichkeiten, diese Erfahrung gemeinsam mit anderen „Pionieren“ einbringen zu können.

Und leider sind die Schulen, an denen Fachleiter*innen unterrichten, meistens noch gar nicht so ausgestattet, dass die Ausbilder*innen die neuen Möglichkeiten auch mal selbst im Klassenzimmer ausprobieren könnten. Ich denke schon, dass ich Dinge, bei denen ich eigene Erfahrungen gesammelt habe, meinen Referendaren viel authentischer vermitteln kann. Ohne diese Erfahrung kann ich doch keine ausreichende Leidenschaft für die notwendigen Veränderungen an den Schulen mit auf den Weg geben. Ich bin sehr gespannt, wie lange es dauert, bis sich die Referendarsausbildung hier tatsächlich verändert.

Das Gymnasium Würselen hat den Innovationspreis 2017 Digitale Bildung in der Kategorie Schule gewonnen. Können Sie uns bitte Ihr Konzept kurz vorstellen und was zeichnet Ihre Schule hier besonders aus?

Unsere Schule wurde bereits 2008 mit WLAN in allen Klassenzimmern und 100MBit-Leitung ausgestattet. Das ist also seit fast 9 Jahren der Zustand, in den die Schulen durch die „Wanka-Milliarden“ und hier in NRW durch „Gute Schule 2020“ erst noch gebracht werden sollen.

Und bei uns hat das zunächst vorne und hinten nicht funktioniert. Wir haben den Fehler gemacht, das meiner Ansicht nach allerwichtigste Prinzip zu vernachlässigen: Abbau jeglicher Hürden für die Lehrkraft und Schaffung von Verbindlichkeit.

Das führte dazu, dass wir 11 Laptopklassen mit geleasten Geräten hatten, wo Eltern monatlich etwa 30€ für ein Laptop zahlten, die Laptops aber fast nie zum Einsatz kamen.

Seit 2010 haben wir dann in einem langen, mühseligen Prozess unser derzeitiges Konzept entwickelt.

Preiswürdig war wohl die Summe der Anstrengungen, die wir unternommen haben, um aus dieser Frustration aller beteiligten ein funktionierendes Konzept zu entwickeln und auch erfolgreich in den Schulalltag zu etablieren.

Kernelemente waren dabei:

  • Einführung einer Lernplattform und Abbildung von wesentlichen Elementen der Schulorganisation verbindlich über die Plattform
  • Verbindliches Mediencurriculum für alle Fächer
  • Planung des Neustarts des Medienprofils mit Tablet-Klassen
  • Gründliche Vorbereitung von didaktischen Szenarien für diese Klassen
  • Kooperation mit der RWTH: Parallel zur ersten iPad-Klasse hat der Fachdidaktik-Lehrstuhl Deutsch in Absprache mit uns ein Seminar „Tablets im Deutschunterricht“ angeboten und hat eine Unterrichtsreihe zum Thema „Balladen“ in unserer ersten iPad-Klasse 7i durchführt.
  • Evaluation und Begleitung des Projekts durch RWTH-Lehrstuhl i9 „Learning Technologies“
  • Verhandlungen mit dem Schulträger und dem Bildungsauschuss über Veränderung am ursprünglichen Konzept und Startfinanzierung einer Grundausstattung an iPads zur Kollegiumsschulung.
  • Wiedergewinnung des Vertrauens der Elternschaft

Das war ein sehr, sehr großer Kraftakt in den letzten Jahren, der aber am Ende zu einer nachhaltigen Entwicklung an unserer Schule geführt hat.

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Beim Lernen mit digitalen Medien ist Deutschland im internationalen Vergleich nicht gerade auf den vorderen Rängen zu finden. Haben wir hier mal wieder eine sich bereits vor Jahren bekannte Entwicklung verschlafen und/oder müssen Lehrerinnen und Lehrer noch mehr motiviert werden, den Einsatz digitaler Medien zu forcieren?

An meiner Schule haben wir seit vielen Jahren beste technische Möglichkeiten. Dennoch sind noch nicht alle Lehrkräfte mit im Boot. Der Grund liegt aber nicht in der fehlenden Motivation, denn ich halte den Großteil meiner Kollegen*innen schon für durchaus motiviert, sich mit dem Einsatz von digitalen Medien im Unterricht zu beschäftigen.

Wenn man sich anschaut, wie viele Großbaustellen wir in den letzten Jahren hatten, dann ist es ein Stück weit verständlich, dass andere Prioritäten gesetzt werden. G8, gebundener Ganztag, Inklusion sind dabei nur Stichworte, hinter denen sich jeweils unglaublich viel Arbeit verbirgt. Und wenn dann Lehrkräfte mit zwei Korrekturfächern oder mit einer Halbtagsstelle nicht die Kraft aufbringen, sich mit digitaler Bildung zu beschäftigen, dann hat das was mit Prioritätensetzung zu tun, für die ich auch Verständnis habe.

Ich bin sicher, dass wir durch die Bereitstellung von zeitlichen Ressourcen für die Lehrkräfte einiges bewegen könnten. Nur sehe ich hier keine Bereitschaft der Länder, da man leider immer noch glaubt, durch die Ausstattung mit Technologie würde sich das schon alles richten.

Schülerinnen und Schüler sollen lernen, selbstbestimmt mit digitalen Systemen umzugehen. Laut Bitkom begrüßen 75% der Schüler ein Pflichtfach Informatik. Teilen Sie diese Meinung oder empfehlen Sie hier einen anderen Weg?

Ich wurde genau zu dieser Frage als Sachverständiger im Ausschuss für Schule und Weiterbildung des Landtags NRW angehört. Meine schriftliche Stellungnahme dazu findet sich hier: https://www.landtag.nrw.de/Dokumentenservice/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMST16-3942.pdf;jsessionid=5C6123BF0F77DC0BC8BD154507C8FC39.ifxworker

Zusammenfassend habe ich für ein Pflichtfach ab der Sek I plädiert. Aus der praktischen Erfahrung bei der Erstellung unseres schulinternen Mediencurriculums weiß ich, dass es bei uns wie auch an allen anderen Schulen doch viele Lehrkräfte gibt, die sich aus unterschiedlichen Gründen weigern, mit digitalen oder über digitale Medien zu unterrichten, die sich also schlicht nicht an die Vereinbarungen halten. Das bedeutet, dass es vom Zufall abhängt, ob unsere Schüler das gewünschte Minimum an Medienkompetenz vermittelt bekommen. Wenn wir nicht wollen, dass das so bleibt, brauchen wir ein verbindliches Fach, das diese Aufgabe übernimmt. Dieses Fach kann die Grundlage schaffen, an der dann die anderen Fächer andocken, um die erworbenen Grundkenntnisse zu vertiefen.


_GHA8585Zur Person

Name: Frajo Ligmann, 11.09.1965
Lehrer für: Informatik, Mathematik
Lehrer seit: dem letzten Jahrtausend
Schule: Gymnasium der Stadt Würselen
Schwerpunkte: Medienpädagogik, Fachleiter für Informatik an den ZfsL Jülich und Aachen
Privat: verheiratet, Vater dreier Söhne

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