5 Fragen — 5 Antworten “Gemeinschaftsschulen, die neuen Heilsbringer in unserer Bildungsrepublik?” Mit Ryan Plocher

GEW BERLIN / Christian von Polentz

Die Bildungsrepublik hat sich grundlegend verändert. Während alle Welt nur den Abiturboom sowie den Hauptschultod im Blick hatte, haben sich die Gemeinschaftsschulen mittlerweile zur ernsthaften Konkurrenz für Gymnasien entwickelt. wissensschule tauschte sich  dazu mit Ryan Plocher aus.  

Herr Plocher, können Sie sich bitte unseren Leserinnen und Lesern einmal kurz vorstellen?

Ich unterrichte seit 2014 Englisch und die Gesellschaftswissenschaften (politische Bildung, Geschichte, Erdkunde und Ethik) in der Sekundarstufe I und Englisch und Politikwissenschaften in der Sekundarstufe II an der Fritz-Karsen-Schule in Berlin-Neukölln. Gegründet 1948 als „Reform-Einheitsschule,“ die Fritz-Karsen-Schule ist älteste öffentliche Schule ihrer Art: Eine Schule für alle von der 1. bis zur 13. Klasse. Bei uns lernen alle Schüler*innen gemeinsam bis zur 10. Klasse und es gibt keine äußere Differenzierung nach Leistungsniveau in der Sekundarstufe I. Heute heißt die Schulform „Gemeinschaftsschule.“Seit 2009 engagiere ich mich in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Bundesweit erlebt die Gemeinschaftsschule einen Höhenflug. In den vergangenen 10 Jahren hat sich die Zahl der Gemeinschaftsschulen von knapp 670 Schulen in 2007 auf mehr als 2.100 Schulen im vergangenen Schuljahr mehr als verdreifacht. Haben Sie diesen Boom erwartet?

Es freut mich sehr, dass eine Alternative zum Schulsystem aus der Kaiserzeit endlich Popularität genießt. Die Gesamtschule gibt es schon recht lange, und so arg anders ist die Gemeinschaftsschule auch nicht.

Ist die Gemeinschaftsschule auch deshalb so beliebt, weil sie ein “Slow Abi” ermöglicht?

Die Gemeinschaftsschule hat viele Vorteile gegenüber dem Gymnasium. Wer vor allem an Instrumentalunterricht und Auslandsjahre denkt, mag das „Slow Abi.“ Das Gymnasium definiert sich aber über den Ausschluss: Wer es nicht schafft, muss weg. Wer nicht aus einer intakten, ökonomisch stabilen, bildungssprachigen, bildungsnahen und bildungsinteressierten Familie kommt, muss wesentlich mehr leisten, um eben am Gymnasium bleiben zu dürfen. Bei uns gibt es diese Angst nicht – aus Leistungsgründen muss niemand weg von der Schule oder aus der Klasse.

Weiter rettet die „Einheitsschule“ viele dörfliche Gegenden vor unzumutbar weiten Fahrtwegen.

Zuletzt: Demokratie in einer heterogenen Gesellschaft lernt man am besten an heterogenen Schulen. Man lernt Akzeptanz von Vielfalt nicht aus einem Schulbuch, sondern durch die Erfahrung von Vielfalt. In einem gespalteten politischen Klima sollte man das Demokratie lernen wertschätzen.

Haben sich Ihrer Meinung nach Haupt- und Realschulen überlebt?

Studien der OECD zeigen immer wieder: das gegliederte Schulsystem bindet höhere Abschlüsse der Schüler*innen an dem Bildungsgrad der Eltern. Das verschwendet Potential. Es ist schlichtweg absurd, dass ein Bildungsaufstieg im dreigliedrigen System immer noch das Stellen von Anträgen bedeutet. Kinder sollen sich auf das Lernen konzentrieren, und nicht auf die Bürokratie.

Weiter: Solange es Schulen für die Kinder „besserer“ Eltern gibt, werden die anderen Schulen „Restschulen“ sein. Das wissen die Schüler*innen bei der Selektion nach der 4. oder 6. Klasse, manche sind „gute“ Schüler*innen, andere sind der Rest.

Fächer wie Arbeitslehre sind für alle Schüler*innen gut. Ob eine Schule  oder ein*e Schüler*in eher Wert auf Kunstwerken aus Metall anstatt auf Werken mit Metall legt, sollte nicht von der Schulform abhängen.

Eine der wohl experimentellsten unter den Gemeinschaftsschulen ist die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Sie organisiert das Lernen nicht nach Fächern, sondern nach dem Freiheitsgrad der Schüler. In “Lernbüros” bestimmen die Schüler das Tempo ihres Lernens und in der Oberstufe entscheiden sie dann über das Thema, das sie erforschen wollen. Was ist davon zu halten?

Man sollte genauestens schauen, welche Kompetenzen Lernende von Zuhause mitbringen müssen, um Erfolg in einem System zu haben. Wenn eine Methode herrscht, fallen immer einige Lernende weg. Es ist klar: Das selbstorganisierte Lernen muss auch erprobt und erlernt werden. Jedoch scheitern einige Schüler*innen an der Selbstkontrolle und der Möglichkeit des Verschiebens. Sie brauchen äußerliche Struktur durch die Lehrkraft.

Für mich setze ich eher auf Methodenvielfalt. In anderen Lernformen – die Ausbildung, das Studium, das lebenslange Lernen – wird es immer andere Lehrformen geben. Manchmal arbeitet man eigenständig, manchmal muss man lange zuhören, manchmal in Gruppen arbeiten, und manchmal muss man innerhalb kürzester Zeit ein Ergebnis liefern. Die Schule sollte alle Lehr- und Lernformen des echten Lebens erfahrbar machen lassen.

“Die soziale Herkunft entscheidet über den Bildungserfolg”. Bitte 5 kurze Statements, was Ihre Schule dazu umtreibt.

Wir sind eine Schule für alle. Eine inklusive Schule für alle ist demokratisch geprägt, gelingt in einer angstfreien Atmosphäre, und spricht sich als Gemeinschaft der Pädagogen*innen, Schüler*innen und Eltern gegen jede Form der Diskriminierung aus. 

Strukturell bauen wir Hindernisse zum Bildungserfolg ab, indem Übergänge zwischen den Jahrgangsstufen möglichst leicht gemacht werden, und indem eine Einstufung in ein anderes Niveau (zwecks Schulabschluss) nur von verbesserter Leistung und nicht von Bürokratie abhängt. Weiter reflektieren wir kontinuierlich die Hindernisse zum Bildungserfolg, die von uns selber bewusst oder unbewusst geschaffen werden.

Bildungserfolg ist nicht nur eine Frage von reiner Leistung. Die Schule ist ein sozialer Ort, den wir durch soziales Lernen, soziale Engagement, den Klassenrat, und ein kleines, unverzichtbar wichtiges Team an Schulsozialarbeiter*innen stärken. Man muss sich an der Schule wohl fühlen.

Von Inklusion profitieren alle. Inklusion setzt strukturierte Unterrichtsabläufe, Rituale und Rhythmisierung  sowie eine effektive Zusammenarbeit der Lehrkräfte einer Klasse voraus – das kommt allen zugute. Das Lernen durch Lehren darf keine alleinherrschende Methode werden, ist aber höchst wirksam und an der inklusiven Schule Gang und Gäbe.

Zu viel an Bildungserfolg hängt von der Politik ab. Gibt es Vorhänge, Türklinken, Fahrstühle, Toiletten, Reinigungsdienste, Hausmeister, Werkstätten, Bibliotheken, Mensen, IT-Betreuung, Verwaltung, Schulsozialarbeit in mehr als ausreichendem Maße? Oder muss das gesamte Personal der Schule, pädagogisch wie nicht-pädagogisch, sich täglich bis zur Erschöpfung anstrengen, nur damit alles weiterläuft? Gute Konzepte und engagiertes Personal sind keinen Ausgleich für eine sogenannte „Bildungsrepublik“ unter der Herrschaft der schwarzen Null.

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